Oliver Tanzer

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Oliver Tanzer über Revolution

"Die Gier nach den neuen Dingen". Zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution. Gedanken vom stellvertretenden Chefredakteur der Wochenzeitung "Die Furche", Oliver Tanzer. Gestaltung: Alexandra Mantler

Wenn man einen echten Revolutionär zeichnen wollte, dann würde der so aussehen: männlich, den Blick nach oben gewandt, also leicht Richtung Himmel, weil Himmel Zukunft bedeutet. Dazu ein schmuckes Barett auf dem Kopf mit einem kleinen Stern, ebenmäßiges Gesicht mit italienischen Zügen und ein neckisch-ungepflegter Bart. Da ist er doch, der Mann, den das Abenteuer schuf. Oder besser, der Mann, der das Abenteuer schuf, in den Köpfen so vieler. Che Guevara. Die Verkörperung des revolutionären Traums. Jung und energisch, schön und äußerst mobil. So besiegte er auf Kuba die Schergen des Batista und wurde zum Helden bis heute.

Aber Che Guevara zeigt uns auch die andere Seite des Revolutionären. Hasta la vittoria siempre, Immer bis zum Sieg, war sein Wahlspruch. Aber was kam nach dem Sieg? Che Guevara hielt es nicht lange in Kuba. Er hatte etwas gegen die Mühen der Ebene. Er verabschiedete sich bald und eilte weiter von Revolution zu Revolution, von Krieg zu Krieg: Angola, Kongo, Bolivien.

Solche rastlosen Revolutionäre gleichen irgendwie dem Konsummenschen. Er erträumt sich ein Gut, und sobald er es hat, will er etwas Neues. Das eben erworbene Gut verliert dramatisch an Wert. Wir sind in diesem Sinn keine Haben-Gesellschaft sondern eine Willhaben-Gesellschaft. Wichtig ist nicht das Produkt selbst, sondern der Prozess, der zu ihm hinführt. Das Ersehnen, das Streben. Deshalb kommt Che Guevara auch so gut an. Der Weg war sein eigentliches Ziel. Das Ziel selbst konnte nur enttäuschen. So wie uns das von uns Erkaufte schnell enttäuscht.

Moderne Politiker haben sich viel davon abgeschaut. Sie streben des Eroberns wegen und haben große Schwierigkeiten, das Erreichte zu erhalten und Versprochenes zu erfüllen. "Vorwärts" schallt es von links und neuerdings "Es ist Zeit" von mitte-rechts. Oder sagen wir es mit Che Guevara: "Hasta la vittoria siempre". Immer bis zum Wahlsieg. Und alle haben auf den Plakaten ihren Blick Richtung Himmel gerichtet, weil Himmel Zukunft bedeutet. Was aber tun, wenn wir feststellen, dass dieser versprochene politische Himmel und die Zukunft eigentlich leer sind? Keine Ideen, keine Visionen. Kein neuer Mensch, keine neue Zeit. Höchstens ein neuer Wahlkampf und nach ihm der nächste? Wir könnten dann fordern: Wir wollen Politiker, aber nicht solche, wie wir selbst sind, sondern wie wir nicht sind. Und dann müssten wir jene, die nicht so sind wie wir, auch wählen.

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Playlist

Komponist/Komponistin: Carlos Manuel Puebla
Album: CUBA VISTA - THE REAL HAVANNA CLASSICS / VOL.2
Titel: Hasta siempre comandante
Ausführende: Tipico Oriental Cubano /Gesang m.Begl.
Länge: 02:00 min
Label: Universal 0691792 (2 CD)

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