Muscheln

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Sexualstörungen bei chronischen Erkrankungen

Eine ganze Reihe von chronischen Erkrankungen kann zu Sexualstörungen führen. Zu den häufigsten gehören - neben Erkrankungen im Genitalbereich selbst - Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus, hormonelle Dysbalancen, Herz-Kreislauf-Probleme, sowie neurologische Krankheiten, etwa Multiple Sklerose, Morbus Parkinson, ein Schlaganfall oder Depressionen. Und natürlich beeinträchtigen auch schwere Erkrankungen wie beispielsweise Krebs aber auch chronische Schmerzen nachhaltig das Sexualleben.
Nicht zuletzt können verschiedene Medikamente die Sexualität empfindlich stören.

Während Männer am häufigsten von einer erektilen Dysfunktion (Erektionsstörung) betroffen sind, stehen bei den Frauen Lustlosigkeit, Erregungs- und Orgasmusschwierigkeiten sowie Schmerzen beim Geschlechtsverkehr im Zentrum.

Herz als Sexkiller

Eine der bekanntesten Ursachen für sexuelle Störungen ist wohl die koronare Herzkrankheit. Vor allem dann, wenn bereits ein Herzinfarkt aufgetreten ist. Entgegen landläufiger Meinung betrifft es nicht nur Männer, sondern auch Frauen. 50 bis 75 Prozent aller Betroffenen leiden nach einem Herzinfarkt unter sexuellen Störungen.
Bei allen Herzerkrankungen - beispielsweise auch bei einer Herzinsuffizienz oder bei Herzrhythmusstörungen - ist Angst ein ständiger Begleiter des Sexuallebens. Angst nicht nur der Betroffenen, sondern auch der Partnerin/des Partners - vor allem vor einem neuen Herzinfarkt oder dem plötzlichen Herztod. Das Risiko eines plötzlichen Herztods beim Geschlechtsverkehr ist allerdings minimal, es liegt zwischen 0,6 und ein Prozent - und findet bei Männern fast ausschließlich bei außerehelichem Verkehr statt.
Dass nach einem Herzinfarkt generell Sex verboten ist, ist jedenfalls ein Ammenmärchen. Denn Geschlechtsverkehr verbraucht in der Regel nicht mehr Energie als ein Stockwerk Stiegen steigen. Dennoch sollten Betroffene in dieser Angelegenheit zuvor mit ihrem behandelnden Arzt sprechen.

Diabetes

Beim Diabetes kommt es über verschiedene Mechanismen zu Sexualstörungen. Vor allem Frauen sind häufig übergewichtig, was zu einer Veränderung des Körperbildes und dadurch zu einem eingeschränkten Sexualleben führt. Oft sind Frauen mit Diabetes auch depressiv. Bei Männern steht die Erektionsstörung im Vordergrund. Eine diabetische Nervenschädigung führt vor allem bei Frauen zu einem reduzierten Empfindungsvermögen im Genitalbereich.

Multiple Sklerose

Aufgrund des jüngeren Alters der Betroffenen steht die Sexualität bei der MS mehr im Vordergrund als bei anderen neurologischen Erkrankungen, die ältere Menschen betreffen. Bei Männern stehen Erektionsstörungen im Vordergrund. Bei Frauen besonders beeinträchtigend ist eine Lustminderung, verursacht durch Gefühlsstörungen im Bereich der Geschlechtsteile. Wie bei allen chronischen Erkrankungen spielt auch bei der Multiplen Sklerose die Depression eine große Rolle.

Hilfe zumeist möglich

Allein die Behandlung der Grunderkrankung kann zur Verbesserung der Sexualstörung führen. Des Weiteren stehen Medikamente sowie psychologische und psychotherapeutische Unterstützung zur Verfügung.
Große Bedeutung kommt der Information und Aufklärung der Betroffenen zu. Diese sollte idealerweise immer mit dem Partner/der Partnerin gemeinsam erfolgen. Damit können bereits viele Ängste und Sorgen abgebaut werden.

Weg vom Tabu

Eigentlich wäre es die Aufgabe der Ärzte, das Thema Sexualität bei der Betreuung von Menschen mit einer chronischen Erkrankung anzusprechen. Fakt ist aber, dass das viel zu selten passiert. Einer der Gründe dafür liegt sicher in der fehlenden Ausbildung der Medizinerinnen. Eine Ausnahme stellen Ärzte dar, die Menschen mit Multipler Sklerose behandeln. Da ist es eine Selbstverständlichkeit, über Sexualität zu sprechen.
In diesem Sinn seien Betroffene ermutigt, bei ihrer Ärztin/ihrem Arzt Probleme mit der Sexualität anzusprechen. So können Ängste genommen und Vorurteile ausgeräumt werden - und: es kann adäquat therapiert werden.

Reden auch Sie mit! Wir sind gespannt auf Ihre Fragen und Anregungen. Unsere Nummer: 0800/22 69 79, kostenlos aus ganz Österreich.

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Moderation: Univ.-Prof.in Dr.in Karin Gutiérrez-Lobos
Sendungsvorbereitung: Dr.in Michaela Steiner
Redaktion: Mag.a Nora Kirchschlager

Service

Univ.-Prof.in Dr.in Michaela Bayerle-Eder
FÄ f. Innere Medizin und Endokrinologie, Sexualmedizinerin, Klinische Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel, Universitätsklinik für Innere Medizin III, MedUni Wien, im Vorstand der Österreichischen Gesellschaft für Sexualmedizin und sexuelle Gesundheit
Währinger Gürtel 18-20
A-1090 Wien
Tel. +43/(0)1/40400-43100
E-Mail
Innere Medizin III

Dr. Georg Titscher
FA für Innere Medizin, Kardiologie und Psychotherapeut, Wien
Anton-Langer-Gasse 42
A-1130 Wien
Tel. +43/(0)1/804 06 64
E-Mail
Georg Titscher

Univ.-Prof.in Priv.-Doz.in Dr.in Siegrid Fuchs
FÄ f. Neurologie und Psychiatrie, Leiterin der MS-Ambulanz, Neurologische Universitätsklinik Graz, Klinische Abteilung für Neurogeriatrie, in der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie, Österreichische Gesellschaft für geschlechtsspezifische Medizin
Auenbruggerplatz 2
A-8036 Graz
Tel. +43/(0) 316/385-80389
E-Mail
Siegrid Fuchs

SexMedPedia - Sexual-Medizinische Enzyklopädie
Sexualmedizinische Praxis Dr. Elia Bragagna
Informationszentrum für Sexualität und Gesundheit e.V.
Diabetesinformationsdienst München: Diabetes und sexuelle Dysfunktionen
SpringerMedizin.at: Standpunkt: Ärzte wissen zu wenig über Sexualmedizin
netdoktor: MS und Sexualität
MS und Sexualität - Interview Dr. Kollross-Reisenbauer - SexTalk by Dr. Elia Bragagna
Neurologen und Psychiater im Netz: Depressionen gehen häufig mit Sexualstörungen einher
parkinson/web: Sexualität und Parkinson

Michaela Bayerle-Eder, Peter P. Hopfinger, "Diabetes & Sex", Verlagshaus der Ärzte 2016

Heike Führ, "Sexualität: Positive Tipps bei chronischer Erkrankung", Books on Demand 2014

Brigitte Vetter, "Sexuelle Störungen - 100 Fragen 100 Antworten. Ursachen, Symptomatik, Behandlung", Huber 2008

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