Frau blättert im Tagebuch

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Ö1 Kunstsonntag: Tonspuren

"Heute bedeckt und kühl" - Schriftsteller und ihre Tagebücher. Feature von Claudia Gschweitl

Leo Tolstoi tat es, Franz Kafka tat und Virginia Woolf tat es: Die Rede ist vom Tagebuchschreiben. Ob als tägliche Übung, Beschwerdestelle, Kummerkasten, Beichtstuhl, zur Sammlung oder Selbstfindung - die Zugänge der Diaristen sind dabei höchst unterschiedlich und changieren zwischen banal und hochnotpeinlich. Während etwa Erich Mühsam sorgsam den Fortgang seines Trippers protokollierte, fühlte Thomas Mann sich bemüßigt, seine tägliche Nahrungsaufnahme festzuhalten: "Kaufte danach beim Konditor Pralinees und aß eine Schaumrolle für 1 Mark 75 (21. März 1921)". Der Verfasser opferte seine halbe Bibliothek für mit derart Inhalten ausgestattete Tagebücher, deren schwer oder gar nicht zu beschreibender Zauber sich nach und nach offenbart: "Heute bedeckt und kühl. Man hat die Heizung wieder in Gang gesetzt. Telefonarbeiter im Haus, davon einer mit Hasenscharte".

Der Germanist Michael Maar ist der zarten Komik dieser und tausender anderer Einträge verfallen und hat Tagebücher aus vier Jahrhunderten zusammengetragen. Der historische Bogen spannt sich von der Entdeckung Amerikas bis zur Facebook-Pandemie. In Zeiten permanenter Selbstentblößung in sozialen Medien scheint das rein introspektive Tagebuchschreiben fast überholt. Sogenannte "Tagebuch Slams", bei denen besonders Mutige ihre glorios blamablen Tagebuch-Ergüsse aus Teenagerzeiten einem wildfremden Publikum vortragen, erfreuen sich gerade größter Beliebtheit. Warum schreibt man Tagebücher und warum liest man sie so gern? Claudia Gschweitl hat sich auch bei heimischen Autor/innen umgehört und um delikate Kostproben gebeten.

Sendereihe

Gestaltung

  • Claudia Gschweitl