Radiokolleg - The Velvet Underground and Nico

Auf den Spuren der einflussreichsten Platte der Rockgeschichte (3). Gestaltung: Thomas Mießgang

Das Album "The Velvet Underground and Nico" hat eine seltsame Rezeptionsgeschichte: Erschienen im Jahr 1967, als die Beatles mit "Sgt. Pepper" und die Beach Boys mit "Pet Sounds" Furore machten, ging die Platte der New Yorker Band um Lou Reed und John Cale im ersten Anlauf völlig unter. Sie brauchte, glaubt man einschlägigen Chroniken, mehr als zehn Jahre, um überhaupt sechsstellige Verkaufszahlen zu erreichen. Doch diese kommerzielle Niederlage steht in einem völligen Mißverhältnis zur künstlerischen Qualität und zu dem Einfluss, den diese Platte auf spätere Generationen von Popmusikern ausübte.

"Man müsste lange nachdenken," heisst es auf der Webseite All Music Guide, "um einen Tonträger zu finden, der so breit und durchdringend gewirkt hat wie The Velvet Underground and Nico". Zwar hätten nach dem Erscheinen nur ein paar tausend Leute die Platte gekauft - doch jeder, der sie hörte, habe danach eine Band gegründet.

Aus heutiger Perspektive wirkt die Songkollektion, die seinerzeit verwirrte und irritierte, eher klassisch als provokant: Bereits beim Debüt erreichte die Gruppe um den Poeten und Gitarristen Lou Reed mit jüdischen Wurzeln und den walisischen Experimentalmusiker John Cale die höchste Meisterschaft: Ihre Songs kreisten um Sex, Drogen, sadomasochistische Rituale und mitleidlose Beobachtungen aus der Hipster-Welt des Exzesses und der Selbstverschwendung.

Eine Komposition wie "Heroin" bildet den Flash, wenn die Droge in den Blutkreislauf einschiesst mit radikalen akustischen Mitteln nach. "Femme Fatale", vorgetragen mit Grabesstimme von der überirdisch schönen blonden Diseuse Nico greift den literarischen Topos von der Belle Dame sans Merci auf. Bei Velvet Underground, die sich im Umfeld von Andy Warhols Factory formierten und mit dem Exploding Plastic Inevitable eine der ersten bedeutenden Rock-Multimediashows schufen, kommen ungezügelter Rock ´n` Roll, minimalistisches Schlagzeuggepolter, elektrische Kakophonie und vollendetes Songwriting-Genie auf eine Weise zusammen, die so nie mehr übertroffen wurde - auch von den Protagonisten der Band selbst nicht.

The Velvet Underground and Nico beeinflusste aber nicht nur Fans und Nachwuchskräfte, sondern auch Superstars wie David Bowie, er 2002 über das Album sagte: "Alles, was ich wirklich über Rockmusik wissen musste, erschloss sich mir plötzlich durch eine einzige Platte. Mit dem Spaß war es nun offensichtlich vorbei. Das hier war von einer Coolness, die ich nie für möglich gehalten hatte, es war überwältigend".

Das Radiokolleg begibt sich auf die Spuren einer Platte, die die Rockmusik und die gesamte Populärkultur der Sixties und Seventies verändert hat und auch heute noch Schockwellen aussendet.
Motto: "Peel slowly and see!"

Sendereihe

Gestaltung

  • Thomas Mießgang

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