Susanne Heine über Religionskompetenz

"Weder Pro noch Contra" - Ein Plädoyer für Religionskompetenz von Univ. Prof. Dr. Susanne Heine vom Institut für Praktische Theologie und Religionspsychologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. - Gestaltung: Martin Gross

Kurz vor Weihnachten wurde die neue solide Kindergartenstudie der Universität Wien veröffentlicht. Es hat sich eine Reihe von Mängeln gezeigt, aber an anderen Stellen als erwartet. Die Studie betont, Religion dürfe nicht auf den privaten Bereich oder die Religionsgemeinschaften beschränkt werden, denn in der pluralen Gesellschaft eines demokratischen Rechtsstaates stelle Religion ein Bildungsgut dar, das in allen Bildungseinrichtungen Thema sein solle. Dabei geht es nicht nur um Wissen über die Religionen, sondern vor allem um die Kompetenz, mit Religionen und religiösen Menschen fair umgehen zu können.

Das ist ein bemerkenswertes Ergebnis. Denn in Sachen Religion stehen derzeit einander wie in einem Fußballspiel Stürmer und Verteidiger gegenüber. Die Stürmer wollen Religion generell abschaffen. Ist Religion, welcher Art immer, nicht die Quelle aller Gewalt? Ist sie nicht ein Anschlag auf die aufgeklärte Vernunft? Es mag noch angehen, in den eigenen vier Wänden merkwürdige Riten abzuhalten, aber in der Öffentlichkeit sollte nichts von irgendeiner Religion zu sehen sein. Ein säkularer Staat wird von den Stürmern als religionsloser Staat verstanden, nicht als religionsneutraler, wie es in der Verfassung verankert ist. Stürmer gegen die Religion wollen eben noch weiter gehen.

Auf der anderen Seite stehen die Verteidiger der Religion, genauer: ihrer jeweiligen Religion. Denn Religionen gibt es bekanntlich viele. Und so stellt sich die Frage: Wer macht das Rennen? Wer bringt den Ball in das gegnerische Tor? Die Christen? Aber welche? Die römisch-katholischen, die evangelischen, die orthodoxen? Oder die Muslime? Aber welche? Die sunnitischen, die schiitischen, die alevitischen? So oder so, jedenfalls verdächtigen die einen die anderen, und die Stürmer alle miteinander, die österreichische Gesellschaft entweder christianisieren oder islamisieren zu wollen.

Das Fußballfeld ist aber kein stummer grüner Rasen, sondern eine lebendige Gesellschaft von sprechenden Menschen, die entweder keiner Religion oder verschiedenen Religionen angehören und diese mehr oder weniger intensiv pflegen. Das ist die Realität, und Stürmer wie Verteidiger gehen an dieser Realität vorbei. Die Einheit von Religion und Region, die Europa einstmals bestimmte, liegt viele blutige Jahrhunderte zurück und lässt sich ohne Gewalt auch nicht wieder herstellen.

Gestern war Dreikönigstag. Da geht es nach dem Matthäusevangelium (Kap. 2) um Sterndeuter aus dem Osten. Sie sind in der Bibel Vorboten aller Völker und Nationen, die am Ende der Welt vereint zum Gottesberg Zion wallfahren, um Gott die Ehre zu geben (Jes 2,3). Bis dahin aber werden die Stürmer religiöse Menschen nicht loswerden, und die Verteidiger nicht die säkular gesonnenen, es sei denn mit einer Gewalt, der dann die einen wie die anderen zum Opfer fallen.

Daher verlangt auch und gerade eine Abstinenz von Religion, aus Vernunftgründen mit verschiedenen Religionen und religiösen Menschen, die nun einmal da sind, fair umgehen zu können. Eine solche Religionskompetenz, die zwischen dem Selbstverständnis einer Religion und deren Indienstnahme für egoistische politische Zwecke zu unterscheiden weiß, muss aber durch geschulte Fachleute vermittelt werden - und zwar im öffentlich geförderten Bildungsbereich. Religiös gebildete Menschen fallen dann auch nicht mehr auf Dilettanten herein, die sich letztlich selbst bloßstellen. Also kein Fußballspiel der Religionen mehr und keine Stürmer oder Verteidiger, kein Pro oder Contra Religion. Vielmehr wäre das Ziel eine gesetzlich verankerte religiöse Bildung in einer religionsneutralen Gesellschaft. Denn nur eine religionsneutrale Gesellschaft, in der niemand gezwungen wird, irgendetwas Religiöses zu glauben, dient dem Frieden unter den Menschen.


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