Hochhausbaustellen am Strand von Tel Avivi

ORF/CLAUDIA GSCHWEITL

Radiokolleg - Startup Nation im Ungewissen

Israel und der Nahostkonflikt (1). Gestaltung: Brigitte Voykowitsch

Israel wird als Startup Nation bezeichnet. Hightech, ob in der Informations -, Umwelt-, Medizin-, Sicherheits- oder Waffentechnologie, charakterisiert die Wirtschaft des Landes, das noch Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem Orangen exportierte. In Tel Aviv, das manche als postmoderne Stadt beschreiben, wachsen neue Wolkenkratzer in die Höhe und boomt das gesellschaftliche Leben mit Bars, Lokalen und diversen Szenen, Orte, die noch vor wenigen Jahrzehnten eher wie arme osteuropäische Siedlungen wirkten, sind im 21. Jahrhundert angekommen.

Dabei liegt Tel Aviv nur eine knappe Autobusstunde von Jerusalem entfernt, der umstrittenen Hauptstadt des Landes und ideologisch, religiös und kulturell hoch aufgeladenen Stadt, die für drei Weltreligionen eine bedeutende Rolle spielt und sowohl von Juden als auch von den Palästinensern als "capital" eingefordert wird. Hier ist alles Politik, jeder Stein, der von Archäologen ausgegraben wird, jedes Faktum der Geschichte.

Der Konflikt mit den Palästinensern um Jerusalem, die besetzten Gebiete und die Flüchtlinge ist ungelöst. Nach dem Scheitern des Oslo- Friedensprozesses ist weiterhin ungewiss, ob es je eine Zweistaatenlösung geben wird, oder eine Einstaatenlösung oder ob man, wie manche Analysten meinen, den Konflikt auf absehbare Zeit ohnehin nur managen, aber nicht lösen kann.

Bewegt man sich von Israel in die besetzten Gebiete und zurück, bedeutet das Checkpoints und Kontrollen, und ständig hat man die hohe Mauer vor Augen, die Israel im Zuge der zweiten Intifada zwischen dem eigenen Territorium und den besetzten Gebieten errichtet hat. Die Anerkennung von Jerusalem als Hauptstadt von Israel ist neuer Zündstoff, wobei die Analysen der Experten teils völlig widersprüchlich sind. Derweil gehen innerisraelisch die Debatten um Identität und Wesen von Israel weiter.

Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, ihre eigenen kulturelle Vielfalt. Die alte Hafenstadt Haifa ist heute stark geprägt von den Russen, die hier 30 Prozent der Bevölkerung ausmachen, weitere 20 sind israelische Araber. In manchen Vierteln von Haifa hört man mindestens so viel Russisch wie Hebräisch, und die Russen haben ihre eigenen soziale, kulturelle und wirtschaftliche Infrastruktur.

Eine Million ehemalige Sowjetbürger wanderte in den 1990er Jahren in Israel ein, es war die größte Migrationswelle aller Zeiten. Ein Großteil von ihnen sind absolut säkular orientiert. Welche Rolle die Religion in Politik und Gesellschaft spielen sollte, ist ein umstrittenes Thema. Und auch das Verhältnis der Diaspora zu Israel wird regelmäßig neu diskutiert.

Service

Michael Brenner: Israel. Traum und Wirklichkeit des jüdischen Staates. Von Theodor Herzl bis heute, Beck 2017

Natan Sznaider: Gesellschaften in Israel, Suhrkamp 2017

In englischer Sprache:
Larisa Fialkova, Maria Yelenevskaya: Ex-Soviets in Israel, Wayne State University Press 2007

Yael Neeman: We were the future, Overlook Verlag 2016

David Rosenberg: Israel. The Knowledge Economy and Its Costs, Palgrave Macmillan 2017

David Rosenberg: Israel's Technology Economy: Origins and Impact, Palgrave Macmillan 2018 (soll im Juli erscheinen)

Dan Senor, Paul Singer: Start-up Nation. The Story of Israel's Economic Miracle, Twelve Verlag 2011

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Mehr dazu in oe1.orf.at