RUBEN SEROUSSI

ORF/RAINER ELSTNER

Zeitgenössische Kompositionen aus Israel

Neue Musik aus Israel (Teil 3). Gestaltung: Rainer Elstner

Ein Blick auf die zeitgenössische israelische Kompositions-Szene - gestaffelt nach Lebenserfahrung.

Der 90-jährige Komponist Tzvi Avni ist der Doyen der zeitgenössischen Komponisten Israels: "Ich bin vielleicht der letzte der Komponistengenration, die von Deutschland hierher kam." Avni wurde 1927 in Saarbrücken geboren.

Avni hat bei den großen israelischen Komponisten der ersten Generation studiert: Paul Ben-Haim, Abel Ehrlich und Mordecai Seter. Anschließend studierte er in den USA. Zurück in Israel war er auch neuen Technologien gegenüber aufgeschlossen - er war Leiter der Musikakademie in Jerusalem und baute an der Uni in Tel Aviv ein elektronisches Musikstudio auf.

"Ich glaube nicht, dass ich das Recht habe, hier zu leben. Das ist mein Gefühl". Das sagt uns Seroussi, Komponist und Leiter der Kompositionsabteilung der Akademie in Tel Aviv. Er sagt das am Ende einer fast einstündigen Antwort, die er uns auf die Frage gibt, was denn nun israelische Musik sei. Seroussi kam mit fünfzehn Jahren von Südamerika nach Israel, von zionistischen Vorstellungen "gehirngewaschen", wie er heute sagt. Er fuhr mit hohen Idealen los und wurde nach der Ankunft schnell enttäuscht.

Seroussi hat Karriere gemacht in Israel, als Gitarren-Solist und als Kompositionsprofessor. Seine Werke werden gespielt, aber nicht von den großen Orchestern. In den großen Sälen dominieren mildere Klänge. Das Publikum in Israel sei kaum an zeitgenössische Musik gewöhnt, meint der erfahrene Kompositionsprofessor. Die Folge: "Die Orchester wollen ihr Publikum nicht verlieren. Also werden nur sehr konservative Komponistinnen und Komponisten gefragt, etwas für sie zu schreiben."

Aus Seroussis Klassen - er betreut auch eine Interpretationsklasse für Neue Musik auf der Uni in Tel Aviv - sind bedeutende israelische Ensembles hervorgegangen, wie etwa das Meitar Ensemble und das Ensemble Nikel.

Zu den stilistische vielseitigsten und technisch versiertesten Komponistinnen der jüngeren Generation zählt Dganit Elyakim. Sie hat sich früh mit elektronsicher Musik beschäftigt: "Diese unsichtbare Grenze, wo etwas aufhört, menschlich zu sein und zu einem total Anderen wird - dieser flexible Graubereich fasziniert mich." Die israelische Komponistin ist in diesem Sommer Composer in residence in Graz.

Sie gehört nicht zu den komponierenden in Israel, die orientalische Elemente in ihr Werk aufnehmen. Sie ist geprägt von ihrem Lehrer Arik Shapira: "Ich erinnere mich, wie er sagte: Schau dir die Europäer an, sie haben diese großartige Tradition. Wir nehmen uns viel daraus. Aber wir selbst haben eigentlich überhaupt keine Tradition. Es gab hier alte arabische Häuser. Nun, die Zionisten haben sie fast alle zerstört. Es gibt so wenig, was daran erinnert, was hier war. Wir sind Punks in diesem Niemandsland. Wir können tun und lassen, was wir wollen. Und ich tue, was ich will."

Wie in fast allen Ländern ist die Quote an Komponistinnen ausbaufähig. Es hat sich einiges getan, nicht nur durch erfolgreiche Komponistinnen wie Chaya Czernowin oder Betty Olivero. Seit 17 Jahren arbeitet das Israeli Women Composers & Performers Forum. Man veranstaltet - mit staatlicher Unterstützung - mit Vox Femina ein jährliches Festival und organisiert Weiterbildungskurse.

Natürlich gibt es auch zeitgenössische palästinensische Komponisten. Allerdings mit Samir Odeh-Tamimi nur einen namhaften einen aus der muslimischen Gesellschaft. Yuval Shaked, Leiter der Kunstabteilung er Universität Haifa: "Die meiste Neue Musik, die von Palästinensern geschrieben wird, ist von Christen", so Shaked. Das habe mit ihrer europäisch orientierten Erziehung zu tun.

Shaked ist nicht nur Leiter der Kunstabteilung und der Kompositionsklassen der Universität in Haifa. Er ist auch Komponist, hat in Deutschland bei Mauricio Kagel studiert und wurde stark vom Werk Helmut Lachenmanns beeinflusst. Im Alltag der Studierenden ist in Haifa die Zusammenarbeit von Arabern, Drusen, Juden und Christen ganz selbstverständlich. Und, so betont er, auf seiner Uni gäbe es - im Gegensatz zu anderen Musik-Unis - keine Trennung zwischen arabisch und europäisch ausgerichteten Instituten. Alle müssen alles lernen.

Ophir Ilzetzki wurde 1978 in den USA geboren. Als er ein Kleinkind war, ging seine Familie zurück nach Israel. Er ist in Haifa aufgewachsen und hat später in Den Haag, London und Southampton (dort bei Michael Finnissy) Komposition studiert.

Ilzetzki ist nicht nur als Komponist erfolgreich, er interessiert sich auch für seine künstlerischen Zeitgenossen: In seiner Reihe "Experimental Israel" hat er für Halas Radio rund 60 Musikerinnen und Musiker, Komponistinnen und Komponisten der Israelischen Szene porträtiert - ein zeithistorisch bedeutendes Porträt der israelischen Szene.

Service

Halas - Experimental Israel
Universität Haifa - Yuval Shaked
Tzvi Avni
Tzvi Avni
Tel Aviv University - Ruben Seroussi
Dganit Elyakim
Marina Toshich
Amnon Wolman
Ophir Ilzetzki
Facebook - Israeli Women Composers & Performers Forum
Israel Composers' League - Hadas Goldschmidt Halfon

Playlist

Komponist/Komponistin: Tzvi Avni
Album: An Anthology of Noise & Electronic Music, Vol. 6
Titel: Vocalise
Ausführende: Tzvi Avni
Länge: 00:57 min
Label: Sub rosa

Komponist/Komponistin: Tzvi Avni
Album: Tzvi Avni: Music for Piano
Titel: Epitaph
Ausführende: Tomer Lev
Länge: 04:02 min
Label: Israel Music Institute - Bandcamp

Komponist/Komponistin: Ruben Seroussi
Album: Ruben Seroussi. Chamber Music
Titel: Oppositive is Positive
Ausführende: Meitar Ensemble
Ausführende: Ruben Seroussi
Leitung: Guy Feder
Länge: 04:13 min
Label: NEOS 11705CD

Komponist/Komponistin: Dganit Elyakim
Album: Failing Better
Titel: Lentils
Ausführende: Teodora Stepancic
Ausführende: Noa Frenkel
Ausführende: Haggai Fershtman
Ausführende: Dganit Elyakim
Ausführende: Ronale Boersen
Länge: 05:48 min
Label: Aural Terrains

Komponist/Komponistin: Dganit Elyakim
Titel: I Can Walk
Ausführende: Dganit Elyakim
Ausführende: Shaya Feldman
Ausführende: Teodora Stepancic
Länge: 01:05 min
Label: Manus

Komponist/Komponistin: Hadas Goldschmidt Halfon
Album: Collage
Titel: String Quartet No. 1, Passionately
Ausführende: Natasha Sher
Ausführende: Edi Reznik
Ausführende: Katia Polin
Ausführende: Yotam Baruch
Länge: 01:08 min
Label: Manus

Komponist/Komponistin: Wisam Gibran
Album: Piano Music of Palestinian Composers
Titel: from silence to silence
Ausführende: Fadi Deeb
Länge: 00:56 min
Label: gb 009

Komponist/Komponistin: Yuval Shaked
Album: Chimere
Titel: Einseitig ruhig für Gitarre mit sechs gleichen Saiten
Ausführende: Reinbert Evers
Länge: 05:11 min
Label: ambitus - amb 97940

Komponist/Komponistin: Amnon Wolman
Titel: Floodway for ensemble and electronic sounds
Ausführende: Etty BenZaken
Ausführende: Israel Contemporary Players
Leitung: Guy Feder
Länge: 03:48 min
Label: Manus

Komponist/Komponistin: Amnon Wolman
Titel: Share the Road
Ausführende: Amnon Wolman
Länge: 05:12 min
Label: Manus

Komponist/Komponistin: Ophir Ilzetzky
Titel: Still Life with Riots for any ensemble
Ausführende: Adam Sheflan
Ausführende: Ofer Pelz
Ausführende: Gad Lev
Ausführende: Rhona Brosch
Ausführende: Jonathan Hazan
Ausführende: Jonathan Albalak
Ausführende: Yizhar Karshon
Länge: 02:40 min
Label: Babelscores

Sendereihe

Gestaltung

  • Rainer Elstner

Übersicht

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