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Kultur
Afrika, Literatur

Terra incognita - Malawi

Donnerstag
15. April 2010
11:40

Samson Kambalu: "Jive Talker". Aus dem Englischen übersetzt von Marlies Ruß. Es liest Alexander Strömer

Fußball, Kunst und Literatur
Zunächst: Samson Kambalu stammt aus Malawi, einem kleinen und sehr armen Binnenstaat in Südostafrika. Dann: Er wuchs in geordneten Verhältnissen auf, wenn man das so sagen kann. Sein Vater, den er Jive Talker nennt - ihm zu Ehren hat er seine Autobiographie "Jive Talker" benannt, aber vielleicht meint er auch ein wenig sich selber - war Hilfsarzt und wurde immer wieder in andere Gegenden versetzt, um die medizinische Versorgung aufrecht zu erhalten.

Dieser Mann liebte Bücher, und er pflegte seiner Familie daraus zu erzählen, vorzuschwafeln, Jive zu erzählen. Dieser Mann stellte die Bücher, in denen er gerade las, aufs Klo, weil das der Raum war, in dem man ungestört nachdenken konnte. Und dort hat sich auch Samson Kambalu mit den großen Ideen der europäischen Denker auseinandergesetzt. Mit Nietzsche vor allem.

Samson Kambalu über Nietzsche

Nietzsche und Afrika

"Das Witzige ist, dass ein Philosoph wie Nietzsche", meinte er in einem Gespräch letzte Woche während der Rauriser Literaturtage, "meiner Meinung nach der einzige ist, der fähig war, mir zur Klarheit zu verhelfen in all meiner Gespaltenheit, die auch die Gespaltenheit Afrikas ist. Er widerspricht dem, was die Leute denken, und zwingt sie darüber nachzudenken. Deshalb denke ich, dass er der allergeeignetste Philosoph für unseren Kontinent wäre."

Die Bibel hingegen hat eine Menge Schaden angerichtet in Afrika, meint Kambalu, sie hat die Menschen dazu erzogen, nicht selbstständig zu denken, hat den Afrikanern ihre Eigenständigkeit genommen, ihren Mut, ihr Selbstvertrauen. In seinem Buch erzählt Samson Kambalu, wie seine von Nietzsche gewonnene Überzeugung vom Tod Gottes, die altägyptische Vorstellung von der Sonne als einziger allmächtiger Gottheit mit seinem Liebeskummer und dem beginnenden Teenagerfrust an der Welt in einem Fußball Gestalt annahm. In einem Fußball, den er mit Bibelseiten beklebt hat - und zwar immer nur denjenigen Seiten, auf denen ein Kapitel begann - um dann diesen Holyball zum Spielen und "Exorzieren" zu verwenden.

Kambalu liefert Anstöße

Und es müssen die Seiten der Bibel sein, erklärt er, es können nicht die Seiten eines anderen heiligen Buches sein, denn er wurde mit der Bibel und ihren Werten aufgezogen. "Überhaupt ist die Sache mit dem Holyball ein frei interpretierbares Ding. Man kann den Holyball einfach nur betrachten, man kann ihn benutzen, man kann mit ihm spielen, ihn treten, das bleibt wirklich jedem selber überlassen. Das ist das Nette an der Konzeptkunst: Die Menschen müssen selber nachdenken. Ich liefere bloß den Anstoß!"

Zum ersten Mal zeigte er seine Holyballs, vierundzwanzig an der Zahl, im Jahr 2000 im Chancellor College an der University of Malawi. Amsterdam, Leipzig, London kamen ein wenig später. Nicht wirklich überraschend waren seine Holyball-Events immer wieder mit Fußball-Events verknüpft. Dass die Veröffentlichung der deutschen Version seines Buches mit der am 11. Juni in Südafrika startenden Fußballweltmeisterschaft liebäugelt, quittiert er mit einem Lächeln. Und schiebt die schon in seinem Buch humorvoll ausgearbeitete Warnung vor den Südafrikaner nach: "Man muss auf jeden Fall vorsichtig sein, wenn man nach Südafrika kommt. Die Menschen sind arm dort, und ich war, als ich nach Johannesburg kam, überwältigt und auch naiv, schließlich war ich noch nie vorher in einer großen, wirklich großen Stadt gewesen."

So war es leicht für die diversen Trickbetrüger, ihm sein Geld abzuschwatzen und ihm wertloses Zeug anzudrehen. "Und dennoch: diese unglaubliche Stadt, die voll ist von Gegensätzen, in der es bitterste Armut und unglaublichen Luxus gibt, in der extrem reiche und ganz arme Menschen ganz dicht nebeneinander leben, ist auf jeden Fall ein toller Platz und sehr interessant für eine Kurzvisite!"

Ein Buch als Konzeptkunst

Und sein Buch? "Das Werden eines Künstlers", lacht er. Aber "Autor" will er sich nicht nennen, auch sein Buch ist Konzeptkunst, es soll Menschen ja dazu anregen, selber nachzudenken. Über die Ideen seines Vaters, seine eigenen Ideen, die christliche Religion in Afrika, Nietzsche, Aids als Pest und Schwarzen Tod Afrikas, über Kinder, schwarze Haut, Diktatoren, Fußball, Werte, Erziehung … und über die Zeit, als die Leser selber Kind waren.

Mit einem Lächeln, denn "auch in diesem desolaten Afrika ist es nicht unmöglich, glücklich zu sein", meint Samson Kambalu, dessen afrikanischer Name "Kondwani" ist, das ist die Chichewa-Übersetzung des Spruchs "Don't worry, be happy!"

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