Donnerstag
15. April 2010
19:06
Zwischen Kritik und Parteilichkeit. Journalismuskulturen weltweit im Vergleich. Gestaltung: Sonja Bettel
Unparteilich, objektiv und kritisch gegenüber den Mächtigen – so sehen sich Journalistinnen und Journalisten weltweit. Bei der Frage, was Objektivität genau bedeutet und wie weit Fakten und Meinung getrennt werden müssen, scheiden sich jedoch die Geister. Das und noch mehr hat die Studie "Worlds of Journalism" ergeben, die im ersten Durchlauf in 18 Ländern, darunter auch Österreich, durchgeführt wurde.
Die Erforschung von Journalismuskulturen ist ein wichtiger Beitrag für die Analyse von Mediensystemen und Medienkulturen. Wie Journalisten die eigene gesellschaftliche Rolle sehen, wie sie zu Informationen kommen, welche Informationen sie wie publizieren und welche ethischen Regeln sie ihrer Arbeit zu Grunde legen, hat wesentliche Auswirkungen auf die mediale Öffentlichkeit.
Welche Unterschiede es dabei zwischen verschiedenen Ländern gibt, das hat den früheren Journalisten und heutigen Journalismusforscher Thomas Hanitzsch interessiert, der Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität München ist. Ihm fiel auf, dass man Studien zu Journalismuskulturen in verschiedenen Ländern nicht vergleichen kann, weil die Forscher von sehr unterschiedlichen Konzepten ausgehen und mit unterschiedlichen Methoden arbeiten.
Das brachte ihn auf die Idee, eine gemeinsame Forschungsstrategie für Länder mit diversen politischen und wirtschaftlichen Situation zu entwickeln, um herauszufinden, ob es trotz der Verschiedenheit dieser Länder identische Muster in den Journalismuskulturen gibt.
Thomas Hanitzsch entwickelte für die Studie "Worlds of Journalism", für die sich rasch eine internationale Forschergemeinschaft interessierte, ein theoretisches Konzept für die Definition von Journalismuskultur. Sie sei gepärgt durch Konstanten, die in den meisten Ländern gelten, wie zum Beispiel: Journalismus ist ein Dienst am Publikum, er findet in organisationalen Bezügen statt, also in Redaktionen, und es geht um die Vermittlung aktueller Informationen.
Auf der anderen Ebene seien Elemente zu finden, die im Ländervergleich eine große Varianz aufweisen. Dazu zählen die Frage, was Objektivität bedeutet und ob sie anzustreben ist, Nähe oder Distanz zu politischen und wirtschaftlichen Eliten, Beobachterstatus oder Einmischung in das politische und gesellschaftliche Geschehen oder die Orientierung am Markt.
Der erste Durchlauf der Studie fand in 18 Ländern statt, darunter so unterschiedliche wie Ägypten, Australien, Brasilien, China, Deutschland, Indonesien, Russland, Schweiz, Uganda und USA. 1.800 Journalistinnen und Journalisten, also 100 in jedem Land, wurden im Zeitraum September 2007 bis April 2009 befragt. Mittlerweile sind noch drei Länder, nämlich Irak, Griechenland und Portugal, dazugekommen, die die Datenerhebung noch heuer durchführen sollen.
In jedem Land wurden 100 Journalistinnen und Journalisten von 20 Medienorganisationen befragt, vertreten waren jeweils sieben Tageszeitungen, zwei Wochenzeitungen, eine Nachrichtenagentur, sechs Fernsehkanäle und vier Hörfunksender - und zwar regionale und überregionale Medien, weiters alle Hierarchieebenen in einer Redaktion und gleichermaßen Männer und Frauen. Online-Journalisten wurden nicht befragt, weil es sie noch nicht in allen Ländern gibt.
In Österreich wurde die Studie von Forschern der Kommission für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften durchgeführt, die Basisdaten dafür lieferte das Medienhaus Wien.
Die erste Auswertung der weltweiten Befragungen ist bereits erfolgt und hat interessante Ergebnisse geliefert, wie zum Beispiel: In westlichen Ländern wird Journalismus Großteils aus einer distanzierten Beobachterperspektive gemacht, während er in anderen Ländern in gesellschaftliche Bezüge eingreift, um für Veränderungen in der Gesellschaft zu sorgen.
Eine stärkere Tendenz zu diesem Interventionismus haben Journalisten in Entwicklungs- und Transformationsgesellschaften. Die Studie habe auch gezeigt, dass es gewisse Dinge im Journalismus gebe, die kein Widerspruch seien, wie zum Beispiel die interessante, marktgerechte Aufbereitung von Themen zu sachlicher Information, so Thomas Hanitzsch.
Interessant sei auch gewesen, dass Orientierung am Markt und sachliche Information für die Journalisten nicht unbedingt Widersprüche seien. Auch Journalist/innen, die die Bürger zum Zwecke der demokratischen Meinungsbildung über Politik informieren wollen, sind der Meinung, dass Informationen so "verpackt" werden müsse, dass sie das Publikum ansprechen.
Ein sehr wichtiger Befund sei, sagt Thomas Hanitzsch, dass der Journalismus weltweit sehr vielfarbig sei, und dass die westliche Sicht, was einen guten, professionellen Journalismus ausmache, nicht allgemeingültig sei, sondern von den jeweiligen Kulturen und Umständen eines Landes abhänge.
Gestaltung:
Sonja Bettel
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