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Bevölkerung, Sprache

Dimensionen - Die Welt der Wissenschaft *

Donnerstag
17. Juni 2010
19:06

Mehrsprachigkeit
Viele Kinder in Europa und den USA hören und lernen in den ersten Lebensjahren nur eine Sprache. Global betrachtet ist der hier so normale Monolingualismus aber ein Minderheitenprogramm.

Der größere Teil der Weltbevölkerung wächst mit zwei oder mehr Sprachen auf. Was sind die Voraussetzungen dafür, mehrere Sprachen zu meistern - welche Auswirkungen hat das auf das Gehirn? Und: hat die Mehrsprachigkeit von Kindesbeinen an Auswirkungen auf die kognitiven Fähigkeiten?

"Ja, auf jeden Fall. Die Forschung zeigt das ganz eindeutig: mit zwei Sprachen aufzuwachsen hat alle möglichen Vorteile", ist Antonella Sorace, Sprachwissenschaftlerin an der Universität Edinburgh überzeugt. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit der Entwicklung von Mehrsprachigkeit und ihren Folgen. Aus ihren Untersuchungen leitet sie einen eindeutigen Rat ab: wenn es eine Möglichkeit gibt, Kinder zweisprachig aufzuziehen, sollte man sie ihrer Ansicht nach unbedingt ergreifen.

Mehrsprachigkeit hat viele Vorteile

Mit mehr als einer Sprache gleichzeitig aufzuwachsen, bringt auch Vorteile in anderen kognitiven Fähigkeiten mit sich: Psychologische Experimente zeigen, dass bilinguale Kinder oft besser in der Lage sind, ihre Aufmerksamkeit zu fokussieren, ablenkende Information auszuschalten und können flexibler zwischen verschiedenen Aufgaben hin- und herwechseln.

Sobald mehrsprachig aufwachsende Kinder zu sprechen beginnen, wissen sie außerdem meist sehr genau, mit wem sie welche Sprache sprechen können. Das, meint Antonella Sorace, geht einher mit einem weiteren Vorteil in Bezug auf kognitive Fähigkeiten, den mehrsprachig aufwachsende Kinder haben: Sie lernen früher, dass andere Menschen etwas anderes denken könnten als sie selbst.

Vorurteile

Lange Zeit galt es in unserer Kultur als nachteilig, Kinder mehrsprachig aufzuziehen. Das Kind würde dann keine Sprache richtig lernen, und seine Entwicklung insgesamt würde verlangsamt, lautete die Befürchtung. Vorurteile, die heute noch präsenter sind als es auf den ersten Blick scheint, meint Antonella Sorace. Und das, obwohl sie längst und eindeutig wissenschaftlich widerlegt sind.

Antonella Sorace versucht diesen Vorurteilen nicht nur in ihrer wissenschaftlichen Arbeit, sondern auch in öffentlichem Engagement entgegenzuwirken und hat dafür die Initiative "Bilingualism Matters" gegründet. Sie informiert und berät Familien, in denen mehrere Sprachen gesprochen werden. Einzig der Einwand, bilinguale Kinder beginnen später zu sprechen, ist empirisch haltbar. Mehrsprachig aufwachsende Kinder sind nicht immer, aber öfters mit ihren ersten Wörtern und Sätzen öfter spät dran als einsprachig aufwachsende.

Sprachgenie Emil Krebs

Anfang des 20. Jahrhunderts arbeitete ein Mann als Dolmetscher in Peking, der als Sprachwunder in die Geschichte einging. Der gebürtige Deutsche Emil Krebs beherrschte im Lauf seines Lebens über 60 Sprachen in Wort und Schrift, rund 60 weitere konnte er lesen. Nach wie vor gilt er als außergewöhnliches Sprachgenie und dient als eindrückliches Beispiel, wenn es um die Frage geht, wie viele Sprachen in ein Hirn passen.

Emil Krebs starb 1930 in Berlin, sein Gehirn wurde präpariert und aufbewahrt. Als es vor einigen Jahren mikroskopisch untersucht wurde, zeigten sich in den sprachrelevanten Regionen deutliche Unterschiede zu weniger polyglotten Menschen. Ob diese Unterschiede aber die Ursache für sein Sprachtalent waren - oder ob sie als Folge der jahrzehntelangen Beschäftigung mit verschiedensten Sprachen dieser Welt entstanden sind, bleibt Gegenstand wissenschaftlicher Spekulationen.

Wie lernen Kinder Sprachen am leichtesten?

Egal ob später im Leben oder von Geburt an: Wissenschaftlich fundierte Obergrenzen, wie viele Sprachen ein Mensch maximal lernen kann, gibt es nicht. Beschränkend ist weniger die Hirnkapazität, die Grenze für das mehrsprachige Aufwachsen bilden eher die sozialen Möglichkeiten, mit wie vielen Sprachen gleichzeitig ein Kind regelmäßig und ausführlich in Kontakt kommen kann.

Wie also macht man einem Kind das Aufwachsen das gleichzeitige Lernen mehrerer Sprachen besonders leicht? Als erfolgversprechend hat sich in vielen Fällen das One-Parent-One-Language-Konzept erwiesen: Mutter und Vater, jede Bezugsperson spricht mit dem Kind immer nur in einer Sprache - und zwar möglichst jeweils in der Muttersprache. Patentrezept für gelungene Mehrsprachigkeit gibt es allerdings keines.

Gestaltung: Birgit Dalheimer · zur Sendereihe

Service

Antonella Sorace
Bilingualism Matters
Universität Hamburg - Sonderforschungsbereich Mehrsprachigkeit

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