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Musik
Festspielsender 2010

Wiener Festwochen 2010

Freitag
18. Juni 2010
19:30

ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Dirigent: Bertrand de Billy; Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien; Wiener Sängerknaben; Hendrickje Van Kerckhove, Yu Guanqun, Maria Radner, Herbert Lippert, Dan Paul Dumitrescu, Johanna Wokalek, Adelheid Picha, Peter Matic, Joseph Lorenz und Gerd Böckmann.
Arthur Honegger: "Jeanne d'Arc au Bûcher" (Aufgenommen am 17. Juni im Großen Musikvereinssaal in Wien). Präsentation: Johannes Leopold Mayer
(Übertragung in Dolby Digital 5.1 Surround Sound)

 

Jeanne d'Arc

"Stryga!", "Haeretica!", "Relapsa!" - Ob die amorphe Masse das begreift, zu dem sie "Ja" sagt? Selbsternannte Autoritäten kauen dieser Masse jene Wörter vor, machen sie damit für sie mundgerecht. Und eines ist wohl allgemein klar: Die da solcherart beschimpft wird, das ist jene, die man - es ist nicht lange her - hat hochleben lassen.

Johanna auf dem Scheiterhaufen - sie erfährt, dass "Hosanna!" und "Crucifige!" leicht und schnell austauschbar sind und dass Letzteres die Erinnerung an das Erstere völlig auszulöschen scheint. Aber wenn "La Pucelle" in der extremen Ausgesetztheit des Scheiterns - der Scheiterhaufen gibt demselben den letzten Ort - ihren treuen Begleiter Frère Dominique um Antworten bittet, so will sie keine nach dem "Warum", sondern solche nach der Verifikation vergangenen und gegenwärtigen Erlebens.

Vorbildhaft werden

Gibt es eine Möglichkeit, aus dem Triumph - sie hat den handlungsschwachen König in die Krönungskathedrale nach Reims geführt und damit ihr Frankreich zu neuem Leben - und dem eigenen schmählichen Tod eine Summe zu bilden, hinreichend, um nichts weniger zu gewinnen als das ewige Heil - ja, um in dieser Hinsicht vielleicht sogar vorbildhaft zu werden als Heilige?

Inmitten stetig einander ablösender Kunststile und philosophischer Richtungen, welche allesamt den Anspruch des Avantgardistischen, vor allem aber des vielleicht doch endgültig Befreienden haben - von Dada und Surrealismus bis hin zu den gewaltigen Denkgebäuden, errichtet von Albert Camus, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir - behauptet dezidiert christlich-katholisches Denken und Schreiben im Frankreich der 1920er und 1930er Jahre seinen Platz.

Poetisches Genie Paul Claudel

Repräsentiert wird dieses durch so unterschiedene Geister wie Georges Bernanos und Paul Claudel. Letzterer ist ein bekehrter Saulus - und das macht seine Position verständlich, auch seiner Jeanne gegenüber. Er, der einer besonderen Gnade bedurfte, er will sich dieser Gnade ständig versichern, und er lotet dazu seine eminente künstlerische Begabung bis an ihre Grenzen aus, um immer neue Möglichkeiten - zumal stilistische - zu finden.

Claudel war nicht nur ein poetisches Genie, er war auch ein eminent musikalischer Kopf, dem die klingende Kunst kompetent eingesetzte Herzenssache war. In seinem großen Schauspiel "Le soulier de satin" tritt denn bezeichnenderweise als vielleicht reizendste Figur des Dichters "Dona Música" auf. Sie ist die Verbildlichung dessen, was der Dramatiker in jedem Stück tut: Er dichtet die Musik mit.

Welttheater

Aber nur zweimal findet er auch kongeniale komponierende Teilhaber an seinen poetisch-musikalischen Gesamtkonzeptionen. Und es ist erstaunlich genug, dass es beide Male keine katholischen Komponisten sind, welche dem katholischen Gedankengut Claudels ihr Können zuwenden. Im Falle von "Le livre de Christophe Colombe" ist es der bekennende Jude Darius Milhaud, der Claudel'schen Sicht auf die katholische Heilige Jeanne d'Arc nimmt sich der schweizerisch-reformierte Arthur Honegger an.

Im Zusammenwirken der beiden ist etwas Besonderes entstanden: Mysterienspiel ebenso wie geradezu plakativ Kabarettistisches - Welttheater eben, dem nichts fremd bleiben darf, wenn es das Geheimnis heiligen Scheiterns in der Welt wenn schon nicht nachvollziehbar, so doch bedenkbar machen will.

Gestaltung: Johannes Leopold Mayer · zur Sendereihe

Service

  • Diese Sendung wird in Dolby Digital 5.1 Surround Sound übertragen. Die volle Surround-Qualität erleben Sie, wenn Sie Ö1 unter "OE1DD" über einen digitalen Satelliten-Receiver und eine mehrkanalfähige Audioanlage hören.

Musikliste


Länge: 00:17 min

Komponist/Komponistin: Arthur Honegger/1892-1955
Textdichter/Textdichterin, Textquelle: Paul Claudel/1868-1955
Bearbeiter/Bearbeiterin: Hans Reinhart(Deutsche Nachdichtung)
Titel: "JEANNE D'ARC AU BUCHER", Dichtung in 11 Szenen
Leitung: Bertrand de Billy
Orchester: ORF Radio-Symphonieorchester Wien
Chor: Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, CE: Johannes Prinz
Chor: Wiener Sängerknaben, CE: Gerald Wirth
Solist/Solistin: Johanna Wokalek/Jeanne
Solist/Solistin: Peter Matic/Frere Dominique
Solist/Solistin: Hendrijke Van Kerckhove/Sopran (Die Heilige Jungfrau)
Solist/Solistin: Guanqun Yu/Sopran (Heilige Margarethe)
Solist/Solistin: Maria Radner/Mezzosopran (Heilige Katharina)
Solist/Solistin: Herbert Lippert/Tenor (Porcus und 1. Herold )
Solist/Solistin: Dan Paul Dumitrescu/Baß (2. Herold)
Solist/Solistin: Adelheid Picha/La Mere aux Tonneaux
Solist/Solistin: Josef Lorenz (1. Sprecher)
Solist/Solistin: Gerd Böckmann (2. Sprecher)
Label: Ahn & Simrock / Editions Salabert
Länge: 79:55 min

Komponist/Komponistin: Walter Braunfels/1882-1954
Titel: Streichquartett Nr.1 a-moll op.60 "Verkündigung" (nach Paul Claudels "L'annonce faite a Marie")
* Allegro moderato
* Langsam
* Bewegt
* Allegro
Ausführende: Auryn Quartett
Solist/Solistin: Matthias Lingenfelder/Violine
Solist/Solistin: Jens Oppermann/Violine
Solist/Solistin: Steuart Eaton/Viola
Solist/Solistin: Andreas Arndt/Violoncello
Label: cpo 9994062
Länge: 27:45 min

Komponist/Komponistin: Arthur Honegger/1892-1955
Titel: Suite Archaique - für Bläser und Streicher (1951)
* Archaique
* Pantomime
* Ritournelle
* Procession
Orchester: Österreichische Kammersymphoniker
Leitung: Ernst Theis
Label: Musicaphon M 56823
Länge: 15:20 min

Service

"Jeanne d'Arc au Bûcher", 17. Juni 2010, 19:30 Uhr, Wiener Musikverein

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