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Radiokolleg - Solidarische Ökonomie

Montag
03. Mai 2010
09:05

Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat Fragen aufgeworfen. Fragen nach den Ursachen und ob das gängige Wirtschaftssystem alles sei und bleiben müsse. Denn Alternativen existieren schon lange, in der Theorie wie in der Praxis.

Gemeinschaftsgärten

Als Angelika Neuner vor einigen Jahren die Idee eines "Gemeinschaftsgartens" an die Stadt Wien herangetragen hat, war es gar nicht so einfach, zu vermitteln, was sie da mit ein paar Gleichgesinnten im Schilde führte: im Kollektiv ein Stück Park gärtnerisch zu bewirtschaften, gemeinsam zu säen, zu jäten und zu ernten, "das gemeine Eigene" bzw. das "eigene Gemeine" zu pflegen.

Mittlerweile funktioniert das ganz gut, zum Beispiel im Heigerlein-Park in Wien-Ottakring.

Selbstverwaltete Wohnprojekte

Elke Manz hat seit mehr als 20 Jahren Erfahrung im gemeinschaftlichen Tun: Eigenhändig und dann auch in verschiedenen organisatorischen Zusammenhängen hat sie am Aufbau des ersten selbstverwalteten Wohnprojekts in Freiburg im Breisgau mitgearbeitet, aus dem über die Jahre das deutschlandweit rund 50 Hausprojekte umfassende "Mietshäusersyndikat" gewachsen ist.

Was, so Manz, interessierte Projektgruppen vorweisen müssen, wenn sie sich im Syndikat einbringen wollen: "Selbstorganisation auf der Grundlage von Basisdemokratie, das Bekenntnis zur Eigentumsneutralisierung und die Zustimmung, dass sie langfristig andere Hausprojekte mit ihren Überschüssen mit unterstützen."

Ethisches Banking

Helmut Bachmayer hat vor rund zehn Jahren eine brenzlige Situation im Betrieb, der Raiffeisenkasse Bozen, genutzt, um eine völlig andere Art des Bankings zu etablieren: "ethisches Banking". Konkret bedeutet das, dass er nur noch Fonds auflegt, die völlig transparent und ausschließlich ökologisch und/oder sozial nachhaltigen Projekten gewidmet sind.

Mit dem Geld der Sparer/innen werden landwirtschaftliche Kooperativen in Lateinamerika, Südtiroler Bergbauern in Notsituationen, Kulturvereine oder Biolandwirte unterstützt - in Form von sehr flexiblen, auf die Bedürfnisse der Kreditnehmer/innen abgestimmten Krediten. Bachmayer: "Dare credito - das heißt auf Deutsch: Vertrauen geben. Und wir bekommen das Vertrauen zurück."

Angelika Neuner, Elke Manz, Helmut Bachmayer - Menschen, die eines gemeinsam haben: die Sorge darum, anders zu wirtschaften, solidarisch, kooperativ, am Gemeinwohl orientiert.

Überall auf der Welt wachsen derartige Pflänzchen und Pflanzen alternativer Ökonomie, sehr verschieden in ihrer Dimensionierung und Wirkung.

Radiokolleg zum Mitreden

Die Ansätze der solidarischen Ökonomie stehen auch am Donnerstag, dem 6. Mai, um 19:30 Uhr im ORF KulturCafe zur Diskussion. Das Radiokolleg lädt zum Mitreden ein und bringt Interviewpartner/innen aus der Sendereihe mit interessierten Hörer/innen ins Gespräch.
Die Interviewpartner/innen, die sich der Live-Diskussion stellen:
Markus Auinger, Mitorganisator des ersten österreichischen Kongresses "Solidarische Ökonomie"
Christian Felber, Mitbegründer von Attac Österreich
Gernot Jochum Müller, Obmann des Talentetauschkreises Vorarlberg
Nicole Lieger, Politologin mit Fokus "Politik der Anziehung"
Das Motto lautet "Diskurs im Viertelstundentakt". Nach einem Input der Experten und Expertinnen kommen jeweils die Zuhörer/innen zu Wort.

Solidarische Ökonomie, im Großen und im Kleinen

Erreicht der "Kostnixladen" im fünften Wiener Gemeindebezirk lokal einige Hundert Menschen mit der Idee freien Gebens und Nehmens, zählen brasilianische oder argentinische Produktionsgenossenschaften mitunter Zigtausende Mitglieder - Arbeiter/innen, die infolge eines Betriebsbankrotts das Unternehmen in Selbstverwaltung übernommen haben.

Haben sich in Österreich im vergangenen Jahr einschlägig organisierte Initiativen zum ersten Mal bei einem Kongress (mit beachtlichen tausend Teilnehmer/innen) lose zusammengefunden, hat in Brasilien und Venezuela bereits der Staat seine Zuständigkeit erklärt und Staatssekretariate für "solidarische Ökonomie" eingerichtet, die kartieren, vernetzen, den Gedanken einer anderen Ökonomie explizit vorantreiben, auch mit Hilfe finanzieller und universitärer Unterstützung.

Kooperation statt Konkurrenz

Subsistenzwirtschaftliche Projekte, komplementäre Währungen, gerechter Handel, unterschiedliche Modelle demokratischer Betriebsführung, Initiativen, die Wissen im Internet frei zur Verfügung stellen, "free software" organisieren oder bereits an "free hardware" arbeiten - alles das umfasst der Begriff einer anderen, einer "solidarischen Ökonomie".

Ihre Kernbotschaft: Kooperation statt Konkurrenz, Gemeinwohl statt Eigennutz, Existenzsicherung statt Gewinnmaximierung.

"Es gibt tausend Möglichkeiten"

Wenn auch der Anteil alternativer Ökonomie an der Gesamtwirtschaft in keinem Land der Welt mehr als einige wenige Prozent beträgt, drängt sich doch, nicht zuletzt infolge von Wirtschafts- und Finanzkrise, die Auseinandersetzung damit mehr und mehr auf.

"Tata - there are thousands of alternatives", proklamiert der deutsche Experte für internationale politische Ökonomie, Elmar Altvater, den anstehenden Paradigmenwechsel und antwortet damit auf das neoliberale Credo "Tina - there is no alternative". Oder, wie der Grazer Wirtschaftswissenschafter Bernhard Mark-Ungericht es formuliert: "Es gibt keine Alternative zu Alternativen."

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