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Gesellschaft

Ganz Ich - Wohlfühlen mit Ö1 *

Sonntag
18. Juli 2010
16:30

"Zug um Zug. Faszination Schachspiel". Gestaltung: Alois Schörghuber. Moderation und Redaktion: Bernhard Fellinger

Die Schachgeschichte Österreichs ist eng mit den glanzvollen Zeiten der Kaffeehäuser verbunden. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in Wien viele internationale Elitespieler. Wilhelm Steinitz aus Prag und der Wiener Carl Schlechter gehörten zu den Besten der Welt. Nach dem Fall des "Dritten Reiches" konnte Österreich nie mehr ähnliche Bedeutung im Schach erreichen. Über die Faszination des Schachspiels und über seine derzeitige Stellung in Österreich.

"Mir ist eine schöne, verlorene Partie lieber als eine glücklich gewonnene Partie."

Ferdinand Robitsch, Eva Moser, Michael Ehn und nochmals Ferdinand Robitsch über das Spiel der Könige

Spiel, Sport, Schule des Denkens

Die ersten reflexartigen Reaktionen vieler Menschen in einem Gespräch über Beiläufiges beginnen, sobald die Wörter "Schach" und "Fußball" fallen, erstaunlich konform: "Natürlich kenne ich die Regeln, also irgendwie glaube ich zu wissen, wie die Figuren aufgestellt werden." Ab diesem Punkt scheiden sich die Geister.

Beim Stichwort "Fußball" glaubt die Mehrheit ohnehin, besser Bescheid zu wissen als jeder Experte, wobei die Experten meistens genauso wenig wissen wie alle anderen, aber eben besser. Beim Schach hört man meistens: "… aber verstanden habe ich dieses Spiel eigentlich nie." Dann enden die Gespräche regelmäßig im Wort-Matt.

Treffpunkt "Schachuniversität"

Die Schachgeschichte in Österreich ist vor allem in Wien eng mit dem Aufstieg des Kaffeehauses im späten 18. Jahrhundert verbunden. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts lebte eine Reihe von internationalen Elitespielern zeitweise oder ganz in Wien.

Wilhelm Steinitz aus Prag, die beiden Wiener Carl Schlechter und Rudolf Spielmann sind berühmte Namen, die weltweit für Furore sorgten. In dieser Zeit wird auch der Begriff "Wiener Schachschule" geprägt. Wilhelm Steinitz wurde 1886 Schachweltmeister (bislang der einzige aus Österreich). Steinitz entwickelte ein analytisch-wissenschaftlich betriebenes Positionsspiel, eine aufsehenerregende Neuerung gegenüber der damals praktizierten "romantischen Schachschule", die - auf einer riskanten Kombinatorik aufbauend - ein schnelles Matt des Königs zum Ziel hatte.

Carl Schlechter wird 1910 in einem legendären Wettkampf gegen den Deutschen Emanuel Lasker schließlich Zweiter der Schach-Weltmeisterschaft. Die Größen des Schachspiels konnte man damals vor allem in den Wiener Kaffeehäusern treffen. Das Café Central erhielt sogar den Ehrentitel "Schachuniversität", weil sich hier die Meister versammelten. Der Schriftsteller Stefan Zweig holte sich hier Anregungen für seine berühmte "Schachnovelle".

Mit der Vertreibung der Juden und vieler Intellektuellen im Jahr 1938 war diese Hochblüte des Schachspiels in Österreich vorbei.

Lebensbegleitendes Training

Schachspiel sei sein Lebenselixier, sagt der 88 Jahre alte Hermann Robitsch. Es ist, sagt er, ein hervorragendes Gedächtnistraining und in seinem speziellen Fall eine wichtige psychische Hilfe. Im Jahr 1944 verlor Robitsch beim Rückzug aus Russland ein Bein. Heute lebt er mit seiner Frau in einem Pensionistenheim im 22. Bezirk in Wien.

In seinem Zimmer: Vitrinen und Schränke voll mit Pokalen, Schachbrettern, Wettkampfuhren und detaillierten Aufzeichnungen seiner wichtigsten Partien. Höhepunkte seiner Karriere waren für ihn ein Unentschieden bei einer Simultanpartie Mitte der 1930er Jahre gegen den kubanischen Weltmeister José Raúl Capablanca und ein Sieg 1948 gegen den holländischen Weltmeister Max Euwe. Noch einer gewann damals gegen den Weltmeister: Alfred Hrdlicka, als Student ein großes Schachtalent.

Begegnung und Austausch

Ein schlichtes Schild mit der Aufschrift "Schach & Spiele", zwei große Schaufenster, ein paar scheinbar absichtslos drapierte Bücher, die meisten über Schach. Ein spärliches Licht, eine halb offene Tür, für den Neugierigen eine geheimnisvolle Versuchung. Man betritt eine "andere" Welt, und es zahlt sich aus. Jedem Schachfreund lacht hier das Herz.

Neben den aktuellsten Büchern, Zeitschriften und DVDs findet man auch unglaubliche Schätze an vergriffener Schachliteratur, und man trifft Michel Ehn, ein lebendes Lexikon der Schachgeschichte. Ruhig, kompetent, mit leiser Stimme erzählt er spannende Geschichten rund um das Schachspiel. Er schreibt Schachbücher, gibt Unterricht und ist ein fundierter Berater aller, die vorbeikommen. Und das sind viele, eigentlich alle, sagt er, die sich für Schach interessieren, aus dem In- und Ausland.

Eine junge Generation

Sitz des Österreichischen Schachbundes ist Graz, wo es eine rege Szene und eine der größten Hoffnungen des heimischen Schachsportes gibt. Die 28-jährige Profispielerin Eva Moser rangiert seit Jahren unter den ersten 50 der Weltrangliste der Frauen. Als bester Österreicher unter den männlichen Profispielern gilt derzeit der 22-jährige Kärntner Markus Ragger.

Gestaltung: Alois Schörghuber · zur Sendereihe

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