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Radiokolleg - Reiche Ernte

Montag
26. Juli 2010
09:05

Immaterielle Früchte aus dem Schulgarten
"Igitt, ein Regenwurm", ruft ein Mädchen als sie im Garten der Volksschule Vereinsgasse beim Jäten eines Beetes eine unerwartete Begegnung macht. Der Schulgarten der kleinen Schule ist eine Ausnahme.

Es gibt nicht sehr viele Gelegenheiten zum aktiven Gärtnern für Schulkinder in Wien. Ganz anders stellt sich die Situation in Deutschland dar, und da vor allem in der Hauptstadt Berlin. Dort gibt es 270 Schulgärten und zusätzlich 13 Garten-Arbeits-Schulen, das sind Einrichtungen, wo Kinder gärtnern, die an ihrer Schule keinen eigenen Garten haben. So hat jedes Berliner Schulkind im Durchschnitt einen Quadratmeter Garten zur Verfügung und jedes zweite wird während seiner Schulzeit tatsächlich im Garten aktiv: sät, jätet und erntet. Auch das Kochen und Genießen der Gartenfrüchte kommt nicht zu kurz.

Anregende Lernorte

Die Grundlage für diese gute Gartenversorgung wurde in den 1920er Jahren geschaffen, als die Reformpädagogik Gärten für alle Schüler forderte. Das angestrebte "Lernen mit Kopf, Herz und Hand" verlangte Orte wie den Garten. So kam auch der zur gleichen Zeit erfundene Kindergarten nicht zufällig zu seinem Namen.

In Berlin haben sich diese anregenden Lernorte erhalten und bilden heute nach jahrzehntelangem Dornröschenschlaf ein starkes und innovatives Netzwerk. Helmut Krüger-Danielson ist Lehrer für Geographie und Biologie in Berlin. Die Arbeit im Garten ist für ihn fixer Bestandteil der Schularbeit.

Es geht nicht nur um biologisches Wissen

Zu lernen gibt es im Garten nicht nur biologisches Wissen, ist er überzeugt. Und zu ernten gibt es für die Kinder im Schulgarten neben Tomaten, Zucchini, Ribisel oder scharfen Pfefferoni auch immaterielle Früchte: Eine Verbindung zur lebendigen Welt um uns herum, die uns ernährt, wird erfahrbar.

Das ist etwas ganz Anderes als die theoretische Erörterung dieser Zusammenhänge im Klassenzimmer und eine Grundlage für wirkliches Verstehen. Auch Verantwortungsgefühl wird im Garten gestärkt. Geduld ist nötig und die Pflege der Pflanzen und des Bodens ist für das Ergebnis mitentscheidend.

Fachwissen und Teamarbeit

Das, was die Schüler und Schülerinnen beim Gärtnern lernen, können sie auch in anderen Lebensbereichen anwenden, meint Helmut Krüger-Danielson. So wird heute in allen möglichen Berufszweigen einerseits sehr spezialisiert gearbeitet - man muss Fachwissen haben, ist ein hochgradiger Experte. Auf der anderen Seite fügen sich Dinge im Team zusammen. Beim Gärtnern ist das ähnlich. Im Schulgarten kümmert sich jeder um seine Pflanzen, gleichzeitig ist ein Schulgarten natürlich auch ein Gemeinschaftsprojekt.

Der Garten bietet Gelegenheiten auch negative Folgen des Handelns eindrücklich erleben zu können, ohne dass gleich etwas Gröberes passiert. Etwa wenn das Gießen während der Sommermonate nicht gut organisiert wird, dann ist die Ernte dahin.

Besonders für Stadtkinder ungewohnt

Ulrich Nowikow lebt und arbeitet als Landschaftsgärtner und Gartenbauingenieur in Berlin und ist seit fünf Jahren in der Umweltbildung und Umweltpädagogik tätig. Die Erfahrung, dass Kinder eine Berührungsangst mit Erde und den Lebewesen, die darin leben haben, hat auch er gemacht. Bei Aufgaben im Bereich der Bodenbearbeitung wird oft nach Handschuhen verlangt.

"Und dann fragten Schüler mich einmal, ob da Tiere drin sind im Boden. Mir war nicht so klar, ob die Frage ernst gemeint ist oder nicht und ich hab aus dieser Unsicherheit heraus geantwortet: da sind Millionen von Tieren drin. Die haben sich da so angesehen und haben sich dann dafür entschieden, dass das eine ernstgemeinte Antwort war und waren dann ganz irritiert, dass sie da mit bloßen Händen im Boden graben in dem Millionen von Tieren sind."

Gestaltung: Joanna Stockhammer

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