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matrix - computer & neue medien

Sonntag
01. August 2010
22:30

Barrierefrei im Cyberspace
Für einen imaginären Durchschnittsuser designte Interfaces wie Maus, Monitor oder Touchpad, haben zahlreichen Menschen mit Behinderungen den Zugang zu Computern und damit zur sogenannten Informationsgesellschaft verwehrt.

Die digitale Revolution ab Mitte der 1980er Jahre hat für Menschen mit Behinderungen sehr ambivalente Auswirkungen gehabt, ist Klaus Miesenberger überzeugt. Er ist stellvertretender Leiter des Instituts Integriert Studieren der Johannes Kepler Universität in Linz und einer der Organisatoren der "International Conference on Computers Helping People with Special Needs" (ICCHP), die heuer vom 12. bis 15. Juli in Wien stattfand.

Kommunikationstechnologien könnten für Menschen mit Behinderungen aber auch große Chancen darstellen, sofern sie möglichst barrierearm gestaltet werden. Also von Menschen unabhängig von einer eventuellen Behinderung ohne Einschränkungen benutzt werden können.

Handy möglichst barrierefrei

Während sich in den 1990er Jahren, so Klaus Miesenberger, das Gros der Forschung auf Sehbehinderungen konzentriert und Vergrößerungssoftware, Braillezeile oder Screenreader hervorgebracht hat, geraten in den letzten Jahren immer öfter auch kognitive oder Hörbehinderungen in den Fokus.

Ein wichtiges Thema auf der heurigen Konferenz sei schließlich die Barrierefreiheit von mobilen Endgeräten und das wechseln zwischen unterschiedlichen Medien. Erste Forschungsprojekte beschäftigen sich mit Gebärdenspracherkennung am videofähigen Handy.

Dabei geht es darum, wie man eine Videobildaufnahme von Gebärden in Text umgewandelt und somit die Kommunikation zwischen Hörenden und nicht Hörenden unterstützen kann.

Per GPS zum richtigen Gleis

Assistierende Informations- und Kommunikationstechnologien können aber auch dabei helfen in der physischen Welt Barrieren abzubauen. Wie etwa bei einem geplanten Projekt der Johannes Kepler Universität Linz gemeinsam mit den Österreichischen Bundesbahnen, bei dem GPS Systeme und WLAN Triangulation zum Einsatz kommen, sagt Klaus Miesenberger.

Satellitenbasierte Navigation könne eingesetzt werden, um blinde oder ältere Menschen in nicht vertrauten Umgebungen, etwa am Bahnsteig, bei der Orientierung zu unterstützen. Darüber hinaus könnten Menschen mit Hörbehinderung die Lautsprecherdurchsagen, die in einer Datenbank gespeichert sind, automatisch als SMS empfangen.

Viele für eine kleine Zielgruppe entwickelte Technologien, wären oft für einen viel größeren Nutzerkreis interessant, ist Klaus Miesenberger überzeugt. So eigene sich zum Beispiel in der Schule ein digitales Buch, das sehbehinderte Schüler benützen auch für Kinder mit Lese- und Rechtschreibschwäche. Der Wechsel vom visuellen auf den auditiven Kanal kann sogenannten schlechten Schülern helfen, meint Miesenberger.

Produkte für alle entwerfen

Fristete die Entwicklung assistierender Kommunikations- und Informationstechnologien lange Zeit akademisch ein Randdasein, hat sich in den letzten beiden Jahren unheimlich viel getan, meint Klaus Miesenberger.

Immer mehr Forschungseinrichtungen würden sich mit dem Thema beschäftigen, weil auch gesamtgesellschaftlich, nicht zuletzt ausgelöst durch veränderte rechtliche Rahmenbedingungen, ein größeres Bewusstsein für Barrieren und spezielle Bedürfnisse herrscht.

Für den Aufbau von Know How sei es wichtig, das Thema digitale Barrierefreiheit fix in die Ausbildung von Informatikern und Programmierern zu integrieren, glaubt Gerhard Weber, Professor für Mensch Computer Interaktion an der TU Dresden. Nur so könne man sicher gehen, dass Barrierefreiheit schon von Anfang an bei der Entwicklung eines Produktes oder Services mitgedacht und nicht als Sahnehäubchen obendrauf geklatscht wird um rechtskonform zu sein.

Gestaltung: Anna Masoner · zur Sendereihe

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