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Musik

Apropos Oper

Dienstag
03. August 2010
15:05

mit Gottfried Cervenka.
Erich Kleiber dirigiert

Er gehörte zu den ganz großen Pultstars in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Erich Kleiber, Vater des genialen Carlos, war eine der charismatischsten Dirigentenpersönlichkeiten seiner Zeit. An der Berliner Staatsoper als Generalmusikdirektor zu Ruhm gekommen, kollidierte der vor 120 Jahren in Wien geborene Musiker bald mit den Nazis und ging danach nach Südamerika. Nach dem Krieg erschien er auch wieder in Europa und konnte sofort an seine einstigen Erfolge anschließen.

Weltstar aus Wien

Im Vormonat gedachte die Musikwelt des 80. Geburtstages des legendären, genialen Dirigenten Carlos Kleiber. Zu Beginn dieses Monates jährt sich der Geburtstag seines nicht minder legendären und genialen Vaters Erich Kleiber zum 120. Mal. Leider waren ihm noch weniger Jahre vergönnt als seinem Sohn Carlos, er starb am 27. Jänner 1956 in Zürich, ausgerechnet am 200. Geburtstag von Wolfgang Amadeus Mozart.

Erich Kleiber war gebürtiger Wiener, wenn er in seiner Heimatstadt musikalisch auch kaum Fuß fassen konnte, sieht man von einigen maßstabsetzenden Platteneinspielungen mit den Wiener Philharmonikern ab, die heute längst Kultcharakter haben. Am Opernsektor sind das der "Figaro" (unter anderem mit Cesare Siepi, Lisa della Casa und Hilde Güden) von 1955, beziehungsweise "Der Rosenkavalier" aus dem Jahr 1955 (unter anderem mit Maria Reining, Sena Jurinac, Hilde Güden und Ludwig Weber).

Letzte Opernaufnahmen in Köln

Ohne Zweifel zählte Kleiber seit den 1920er Jahren zu den wichtigsten Dirigenten seiner Zeit, relativ klein - gemessen an seiner Bedeutung - erscheint hingegen sein Vermächtnis auf Bild- und Tonträgern, insbesondere was klanglich hochwertige Einspielungen von kompletten Werken betrifft. Da wäre sicher noch vieles entstanden, hätte ihn der Tod nicht so früh und so überraschend dahingerafft.

Immerhin aber stand Erich Kleiber in seinem letzten Lebensjahr mehrmals im Kölner Funkhaus am Pult des dortigen Radiosinfonieorchesters, um mit hochrangigen Solisten unter anderem zwei komplette Opern aufzunehmen: Webers "Freischütz" (Grümmer, Streich, Hopf) und Beethovens "Fidelio" (Nilsson, Schöffler, Frick, Hopf).

Mahler als Vorbild

Erich Kleiber wurde vor 120 Jahren, am 5. August 1890, in Wien geboren. Sein Vater war Professor für Griechisch, Latein und Deutsch, ein durchaus auch musisch begabter Mann, seine Mutter stammte aus Prag und war die Tochter eines hochangesehenen Hofwagenmachers.

Kleiber hat in seiner Jugend in Wien noch die Mahler-Ära an der Hofoper erlebt, die ihn geprägt und wohl auch in seiner späteren Kompromisslosigkeit bestärkt hat. So hat er zum Beispiel Mahlers angeblichen Ausspruch, wonach Tradition gleichzusetzen ist mit Schlamperei, sozusagen auf den Punkt gebracht: "Routine ist der Tod der Musik."

Erich Kleiber hat in Prag studiert, neben Musik auch noch Philosophie und Kunstgeschichte, und in Prag hat er auch seine berufliche Laufbahn begonnen. Zunächst als Korrepetitor, als Chorleiter, danach ist er in die deutsche Provinz gegangen, nach Darmstadt, Düsseldorf, Mannheim, bis ihn schließlich 1923 ein Ruf nach Berlin erreicht hat.

Zentrum Berlin

Berlin wurde dann im wahrsten Sinne des Wortes sein Schicksal. Ein äußerst fruchtbares Jahrzehnt als Generalmusikdirektor lag damals vor ihm, mit so unterschiedlichen Polen wie der heftig umstrittenen Uraufführung von Bergs "Wozzeck" bis zur legendären deutschen Verdi-Renaissance.

Mit Hitlers Machtergreifung aber wurde ihm das politische Klima mehr und mehr unerträglich und trotz großer Zugeständnisse seitens der braunen Machthaber, räumte er schließlich freiwillig das Feld.

Nazi oder Jude?

"Wie kannst du mich fragen, ob ich noch Österreicher bin" hat er 1934 an seine Schwester geschrieben: "Natürlich, man hat mich öfters gefragt, sogar recht offiziell, ob ich mich nicht 'preußisch' naturalisieren möchte - meine Antwort: 'Da würdet Ihr das Beste an mir wegnehmen.' Das sind so blödsinnige Fabeln über mich, die von 'wohlwollender Seite' bereitwilligst über mich verbreitet werden, ebenso, dass ich Mitglied der NSDAP bin, woran ich niemals gedacht hätte - oder ebenso, wie gewisse Kreise in Wien und Berlin mich durchaus und unbedingt zum Juden machen wollten! Ha - Ha - Ha!!"

Musikalischer Weltbürger

Tragischerweise sollte sich ähnliches mehr als 20 Jahre später und ebenfalls in Berlin mit den Kommunisten wiederholen; aber auch sie hat Erich Kleiber überdeutlich in ihre Schranken verwiesen.

Mit seinem ersten Abgang von Berlin, Mitte der 1930er Jahre, aber hat für Kleiber schließlich das begonnen, was sein Biograph John Russel als sein Vagabundenleben bezeichnet hat, ein Leben das mit "selten mehr als ein paar Wochen Ruhe bis zum Tage seines Todes dauern sollte. Freilich hatte dieses Leben auch seine guten Seiten: das Vergnügen etwa, ein 'Weltbürger' zu sein, dem kein Ort ganz fremd war und der, wohin er auch kam, immer aufs Neue willkommen war."

Teatro Colon

Kleiber ist in diesen Jahren der Emigration sehr viel gereist, zu einem Zentrum seiner Tätigkeit wurde aber vor allem das Teatro Colon von Buenos Aires, wo es ihm immer wieder auch gelungen ist, erstrangige Künstler sozusagen aus der alten Welt hinzulocken.

1938 hat er sogar die argentinische Staatsbürgerschaft angenommen. "Die Inspiration, die er in diesen Mauern hinterlassen hat", so der damalige Direktor des "Colon" in einer Gedenkansprache, "ist so etwas wie eine religiöse Berufung, denn in ihm hat sich ein fast mystisches Streben verkörpert, der Musik bis an die Grenzen seines Seins zu dienen, ohne Reserven und daher ohne Zögern."

Gestaltung: Gottfried Cervenka · zur Sendereihe

Musikliste

Komponist/Komponistin: Wolfgang Amadeus Mozart
Titel: LE NOZZE DI FIGARO / Ouvertüre
Orchester: Wiener Philharmoniker
Leitung: Erich Kleiber
Label: Decca
Länge: 04:04 min

Komponist/Komponistin: Ludwig van Beethoven
Titel: FIDELIO / Quartett aus dem 1.Akt
Solist/Solistin: Birgit Nilsson/Leonore
Solist/Solistin: Ingeborg Wenglor/Marzelline
Solist/Solistin: Gerhard Unger/Jacquino
Solist/Solistin: Gottlob Frick/Rocco
Orchester: Kölner Rundfunk Sinfonieorchester
Leitung: Erich Kleiber
Label: Koch
Länge: 04:55 min

Komponist/Komponistin: Carl Maria von Weber
Titel: DER FREISCHÜTZ / Wolfsschluchtszene
Solist/Solistin: Hans Hopf/Max
Solist/Solistin: Max Proebstl/Kaspar
Solist/Solistin: Gerhard Becker/Max gespr.
Solist/Solistin: Kaspar Brüninghaus/Kaspar gespr.
Solist/Solistin: Richard Münch/Samiel gespr.
Orchester: Kölner Rundfunk Sinfonieorchester
Chor: Kölner Rundfunkchor
Leitung: Erich Kleiber
Label: Koch
Länge: 12:50 min

Komponist/Komponistin: Richard Wagner
Titel: SIEGFRIED / Finale des 1. Aufzugs
Solist/Solistin: Max Lorenz/Siegfried
Solist/Solistin: Erich Witte/Mime
Orchester: Orchester des Teatro Colon
Leitung: Erich Kleiber
Label: Medici Arts
Länge: 04:20 min

Komponist/Komponistin: Giuseppe Verdi
Titel: I VESPRI SICILIANI / Ausschnitt aus dem 5.Akt
Solist/Solistin: Maria Callas/Elena
Solist/Solistin: Boris Christoff/Procida
Solist/Solistin: Giorgio Kokolios/Arrigo
Orchester: Orchester des Maggio Musicale Fiorentino
Leitung: Erich Kleiber
Label: Testament
Länge: 05:53 min

Komponist/Komponistin: Richard Strauss
Titel: DER ROSENKAVALIER / Szene Marschallin - Octavian
Solist/Solistin: Maria Reining/Marschallin
Solist/Solistin: Sena Jurinac/Octavian
Orchester: Wiener Philharmoniker
Leitung: Erich Kleiber
Label: Decca
Länge: 08:55 min

Komponist/Komponistin: Johann Strauß
Titel: DER ZIGEUNERBARON / Ouvertüre
Orchester: NBC Symphony Orchestra
Leitung: Erich Kleiber
Label: Music & Arts
Länge: 04:55 min

Service

Teatro Colon

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