Standort: oe1.ORF.at

Wissen
Digital

Radiokolleg - Europa und das Netz *

Donnerstag
02. September 2010
09:05

Lange bevor das WorldWideWeb den Zugang zum Internet erleichterte gab es das Netz. Wissenschaftler versuchten bereits Ende der 1960er Jahre Computer miteinander kommunizieren zu lassen. Nicht nur in den USA, sondern auch in Europa.

Über den Aufbau von experimentellen Computernetzwerken in Europa wird nicht viel geredet. Kommt die Sprache auf die Anfänge von Internetworking, so erzählt man sich die Geschichte vom Aufbau des ARPANET in den USA.

Aus dem ARPANET wurde 1983 das Internet, und der Rest ist Geschichte. Im Rückblick eine amerikanische Erfolgsgeschichte. Allerdings vergisst man dabei nur allzu oft zu erwähnen, dass auch das ARPANET für die Advanced Research Projects Agency (ARPA), angesiedelt im us-amerikanischen Verteidigungsministerium, eher ein kleines Projekt war.

Die Vision eines intergalaktischen Netzwerks

Der gebürtige Österreicher Charles Herzfeld, Chef der ARPA von 1965 bis 1967, erinnert sich, dass er kein großes Problem hatte, als 1966 Robert Taylor, Leiter des "Information Processing Techniques Office", in sein Büro kam und eine Million US-Dollar für den Aufbau eines interaktiven Computernetzwerks verlangte.

Über derartige Beträge konnte er weitgehend frei verfügen; er musste dem US-Kongress nur einmal pro Jahr Rede und Antwort stehen. Das Ansuchen kam für Charles Herzfeld auch nicht unerwartet. Er war seit 1961 bei der ARPA und kannte J. C. R. Lickliders Vision von einem intergalaktischen Netzwerk, dessen Umsetzung Robert Taylor endlich in Angriff nehmen wollte.

Das European Informatics Network

Das europäische Projekt EIN, "European Informatics Network", bekam im Vergleich dazu für den Zeitraum von fünf Jahren ein Budget von fünf Millionen Pfund Sterling zugesprochen. Um diese Summe zusammenzubekommen, vergingen Jahre. Schließlich brauchte es die Zustimmung von zehn Staaten und einer europäischen Behörde.

Aber die Diskussionen zeigen auch, dass im Grunde auch in Europa über den Aufbau von Computernetzwerken bereits in den 1960er Jahren nachgedacht wurde; sowohl unter Wissenschafter/innen als auch bei der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft in Brüssel.

Technik ist immer auch Politik

Seit 1965 trafen einander in Brüssel europäische Regierungsvertreter/innen in diversen Arbeitsgruppen, um mit vereinten Kräften die Forschung in Europa voranzutreiben. Vor allem im Bereich Hochtechnologie erkannte man einen Nachholbedarf gegenüber den USA.

Vergleichbar mit der ARPA in den USA und ganz den Ergebnissen der OECD-Studie "Gaps in Technology" aus dem Jahr 1968 folgend, wollte man in Europa die Forschungsarbeiten in den Bereichen Meteorologie, Ozeanografie und Metallkunde vorantreiben. Grenzüberschreitende Aktivitäten wie Fernmeldewesen, Transport und Datenkommunikation sollten koordiniert und Umweltprobleme gemeinschaftlich angegangen werden.

Aufbruchsstimmung in Europa

In der europäischen Forschungsgemeinde herrschte Aufbruchsstimmung. An die 50 Projekte erreichten Brüssel und wurden an diverse Arbeitsgruppen zur Beurteilung weitergereicht. Darunter fanden sich Ideen zum Bau eines europäischen Supercomputers, der Standardisierung von Software, elektronische Hilfsmittel für den Autoverkehr, Gasturbinen für Züge, ein gigantisches Luftkissenfahrzeug, zahlreiche Vorschläge zur Bekämpfung der Wasser- und Luftverschmutzung und eben EIN, der Plan, ein europäisches Forschungsnetzwerk aufzubauen.

Die Pläne waren durchaus ambitioniert: Obwohl in Europa damals die Post- und Telegrafengesellschaften das Sagen hatten, waren es Wissenschafter/innen, die für den Aufbau eines großen, grenzüberschreitenden Datennetzwerkes sorgten. Die notwendigen Bauelemente sollten diesmal nicht aus den USA importiert, sondern die Aufträge an europäische Firmen vergeben werden.

Ein Computernetzwerk für Europa

Allen Willenserklärungen zum Trotz musste zuallererst die Bürokratie befriedigt und die Strukturen festgelegt werden. Eine gemeinsame Forschungspolitik, grenzüberschreitend und europäisch, hatte man noch nie zuvor versucht. Aber man kam voran: Einige Jahre und Vorsitzende später, 1971, kam es zur Ausschreibung des Vertrages für "COST Project Number Eleven", dem Projekt EIN.

Der offizielle Auftrag für das Projekt lautete: Aufbau eines experimentellen Computernetzwerks für Europa und den Zusammenschluss bestimmter Rechenzentren, um den Austausch von Forschungsarbeiten zu erleichtern.

Ein überraschter Vorsitzender

Den Vorsitz für das Projekt erhielt der Engländer Derek L. A. Barber vom National Physical Laboratory (NPL). Überraschend, weil Großbritannien Anfang der 1970er Jahre noch kein Mitglied der EG war und Englisch keine offizielle Sprache der Beamten in Brüssel: "Ich muss sagen, ich war sehr erleichtert, als auch die anderen Delegierten höflicherweise zustimmten, Englisch zu sprechen und betonten, dass sie kein Problem damit hätten. Aber meine Erleichterung währte nur kurz. Sie wurde sehr schnell von weiterem Erstaunen abgelöst, als sie zur Abstimmung schritten und mich zum Vorsitzenden kürten."

Fast ein Jahr feilte das Team rund um Derek Barber an den Spezifikationen für EIN und am Aufbau der Organisationsstruktur. Am 23. November 1971 wurde schließlich das "Abkommen zum Aufbau des European Informatics Network" bei der ersten offiziellen COST-Konferenz verabschiedet.

Die Geburtsstunde von EIN

Anwesend waren Vertreter/innen aus Frankreich, Italien, Norwegen, Portugal, Schweden, der Schweiz, Großbritannien, Jugoslawien und der Organisation EURATOM. Obwohl es einige Jahre dauerte, bis alle Staaten den Vertrag ratifizierten - erst zwei Jahre später setzten die Niederlande und 1976 schließlich auch Deutschland ihre Unterschriften unter den Vertrag -, begannen die Arbeiten an EIN am 1. Februar 1973.

Fünf Zentren wurden für das Netzwerk ausgewählt: das Centre Rete Europea di Informatica (CREI) in Mailand, die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) in Zürich, das Institut de Recherche en Informatique et en Automatique (IRIA, später umbenannt in INRIA) in Rocquencourt (nahe Paris), das NPL in Teddington (nahe London) und das Joint Research Centre der Commission of the European Communities in Ispra. Sie bildeten die Hauptknotenpunkte im Netzwerk, das im Juni 1976 seinen Betrieb aufnahm.

Catenet

Am Anfang nannte man das Internet sogar Catenet, nach dem lateinischen Wort catena, Kette. Ein Vorschlag aus Frankreich, der aber deswegen nur kurze Zeit erfolgreich war, weil niemand so genau wusste, wie man es aussprechen sollte.

Aber das war nicht der einzige Vorschlag, der aus Europa stammte. Es gab Ideen, die wieder in den Schubladen landeten, und solche, die als großer Erfolg gefeiert wurden und in den Tiefen des Internets noch immer das Label "Made in Europa" tragen.

Gestaltung: Mariann Unterluggauer · zur Sendereihe

Service

  • Tom Standage, The Victorian Internet, Walker and Company, 1998

    OECD Bericht: Gap in Technology, 1968
    Article:
    Nelson M. Blachman, "The State of Digital Computer Technology in Europe", Communications of the ACM, 1961
    John McCarthy, Reminiscences on the history of time sharing, 1983.

    Peter Paul Sint, Istvan Sebestyen: Grenzüberschreitender Datenfluss und Österreich, OCG Schriftenreihe, 1985
    Jaques Vallee, The Heart of the Internet, Hampton Roads Publishing Comp., Charlottesville, 2003
    Wendy Sandholtz, High-Tech Europe, the Politics of International Cooperations, University of California Press, Berkeley, Los Angels, Oxford, 1992
    James Gillies, Robert Caillau, "how the web was born", Oxford University Press, New York, 2000
    John Naughton, A Brief History of the Future, Weidenfeld & Nicolson, London, 1999
    Mariann Unterluggauer " European Informatics Network - Knotenpunkt Schweiz" in: Computergeschichte Schweiz - eine Bestandesaufnahme, Chronos Verlag, Zürich, 2009


    Futurezone
Mo Di Mi Do Fr Sa So
1 2 3 4 5
6 7 8 9 10 11 12
13 14 15 16 17 18 19
20 21 22 23 24 25 26
27 28 29 30

Um dieses Service nutzen zu können, müssen Sie eingeloggt sein und über eine gültige Download-Berechtigung verfügen.

Downloadbare Sendungen sind mit * gekennzeichnet.

mehr mehr

Mehr dazu auf oe1.orf.at

Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick