Montag
23. August 2010
09:05
Körperkontakt ist die ursprünglichste Form der Kommunikation. Wenn wir berührt werden, schüttet der Körper Oxytocin aus, ein Hormon, das Angst und Stress reduziert. Säuglinge können ohne Körperkontakt nicht überleben.
Berührungen können Heilungsprozesse unterstützen. Bei Psychotherapien, in Altenheimen und auf onkologischen Stationen geht man deshalb dazu über, die Patienten neben der herkömmlichen Behandlung zu streicheln oder ihnen die Hände aufzulegen.
Die Entwicklungspsychologin Heidi Keller von der Universität Osnabrück erforscht seit 20 Jahren, wie Mütter und Väter weltweit mit ihren Kindern umgehen. In Kamerun bat sie Frauen vom Stamm der Nso vor einen Bildschirm. Sie zeigte ihnen Videos vom Alltag deutscher Mittelschicht-Eltern und ihrer Kleinkinder.
"Die Nso-Frauen waren schockiert", erzählt Heidi Keller, "sie fragten mich, warum deutsche Frauen ihre Babys so hassten und wollten jemanden herschicken, um die Kinder zu retten."
Säuglinge, die alleine in einem Bett liegen und weinen: Das war für sie nicht nachvollziehbar. Afrikanische Frauen, die in einfachen Verhältnissen am Land leben, haben ununterbrochen Körperkontakt mit ihren Neugeborenen. Diese werden in ein Tuch gebunden, sind bei der Haus- und Feldarbeit dabei und schlafen bei den Müttern.
Durch die körperliche Nähe wissen die Frauen, dass die Kinder hungrig sind, noch bevor sie zu schreien beginnen. Weinen ist für Nso-Frauen ein Alarmzeichen, denn ihre Babys weinen aufgrund des intensiven Körperkontaktes nur, wenn sie krank sind.
Videoaufnahmen sind die Basis der Forschungsarbeit von Heidi Keller. Sie hat Familien in Deutschland, in Afrika und Indien gefilmt und deren Verhalten analysiert: Gebildete Eltern sehen ihren Babys öfter in die Augen und sprechen mehr mit ihnen als jene aus einfachen Verhältnissen. Sie wollen die Autonomie der Kinder fördern. Diese sollen lernen, selbstständig zu sein, sich zu beschäftigen und auch alleine einzuschlafen.
Der Erfolg: Kinder erkennen früher ihr eigenes Spiegelbild und können schneller ihren Willen deklarieren, "Nein" sagen. Aber das basale Gefühl der Geborgenheit kommt zu kurz.
"Bei uns sind Kinder im Bezug auf Körperkontakt am unteren Limit oder darunter", erklärt Heidi Keller. Die Eltern merken nicht, dass es nur anlassbezogen - wenn gespielt oder wenn gekuschelt wird - zu körperlicher Nähe kommt. Und: Die neuesten Untersuchungsergebnisse legen nahe, dass in den letzten Jahren der Körperkontakt zwischen Eltern und Kind weiter gesunken ist.
"Noch nie haben wir uns so wenig angefasst wie heute", sagt Charles Spence vom Institut für experimentelle Psychologie an der Universität Oxford. Berührungsarmut sei ein Leiden der modernen Gesellschaft, diagnostiziert er und ist überzeugt, dass viele Menschen unter "touch hunger" - also Berührungshunger - leiden. Besonders alte Menschen und jene, die nicht in einer Partnerschaft leben.
Im Zuge der Aufklärung ist die Wand, die sich zwischen Mensch und Mensch, zwischen Körper und Körper erhebt, kontinuierlich gewachsen, schreibt der Soziologe Norbert Elias in seinem Werk Über den Prozess der Zivilisation.
Die Geschichte der Aufklärung liest sich wie eine Geschichte der körperlichen Distanzierung. Die Mitglieder einer zivilisierten Gesellschaft versuchen, ihre Trieb- und Affektregungen zu beherrschen und ihr Bedürfnis nach körperlicher Nähe zu unterdrücken.
"Berührungen stehen unter dem Generalverdacht des Erotisch-Sexuellen", erklärt Matthias Riedel, Soziologe an der Berner Fachhochschule für soziale Arbeit und der Universität Freiburg. In Freundschaften, Bekanntschaften und unter Verwandten kann eine Umarmung, eine Hand auf der Schulter, eine flüchtige Berührung als etwas potenziell Übergriffiges wahrgenommen werden.
Ausnahmen sind überwältigende Momente von Trauer oder Freude - wenn ein Angehöriger stirbt oder jemand aus der Fußballmannschaft ein Tor schießt. Intensiver Körperkontakt ist nur dort möglich, wo die Grenze zwischen Alltagsberührung und sexueller Berührung keine Rolle spielt - nämlich in der Paarbeziehung.
Gestaltung:
Natasa Konopitzky
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