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matrix - computer & neue medien

Sonntag
17. Oktober 2010
22:30

Zwischen Markt und Gemeingut. Forschung über Freie Kultur. Gestaltung: Sonja Bettel

Durch das Internet und digitale Technologien haben sich die Produktion und die Verbreitung von Kultur verändert. Die jahrtausendealte Praxis des Kopierens und Adaptierens hat dadurch aber auch einen kriminellen Touch erhalten.

Als Antwort darauf ist in den vergangenen Jahren die "Free Culture"-Bewegung entstanden, die den freieren Umgang mit Kulturgütern im digitalen Zeitalter propagiert. Die Fragen nach rechtlichen Rahmenbedingungen, sozialen Entwicklungen, wirtschaftlichen Auswirkungen und neuen Geschäftsmodellen beschäftigen seit einigen Jahren auch die Wissenschaft. An der Freien Universität Berlin fand Ende vergangener Woche erstmals eine eigene Konferenz zu diesem Themenbereich statt.

Im Jahr 2004 veröffentlichte Lawrence Lessig, Rechtsprofessor an der Harvard University in Cambridge und Gründer des alternativen Lizenzmodells Creative Commons ein Buch mit dem Titel "Free Culture. How Big Media Uses Technology and the Law to Lock down Culture and Control Creativity". In diesem Buch geht es um den Kampf zwischen der Medienindustrie und neuen Technologien. Es geht um das Urheberrecht, geistiges Eigentum, Piraterie und neue Formen des kulturellen Schaffens.

Das Buch steht in digitaler Form gratis zur Verfügung und darf für nicht-kommerzielle Zwecke weitergegeben, kopiert und bearbeitet werden. Nur zwei Tage nach dem Erscheinen war es dadurch möglich, eine Audioversion des Buches zu veröffentlichen. Eine Reihe von Leserinnen und Lesern hatte dafür einzelne Kapital gratis aufgenommen und ins Netz gestellt.

Frei ist nicht gratis

"Free Culture" nennt sich auch die Bewegung, die für einen derart freien Umgang mit Kultur im Zeitalter des Internets eintritt. Es gehe dabei nicht unbedingt um "frei" im Sinne von gratis und auch nicht nur um Hobby-Künstler, die etwas verschenken wollen, betont Leonhard Dobusch, der am Institut für Management der Freien Universität Berlin über freie Kultur forscht und die "Free Culture Research" Konferenz organisiert hat.

Der Free Culture Bewegung gehe es vielmehr darum, die Möglichkeiten, die das Internet und digitale Technologien bieten, auch nutzen zu können. Dazu zählen neben dem einfachen Zugang zu Kultur und dem Schaffen von neuen kulturellen Werken auch das Tauschen, Kopieren und remixen von Werken anderer. Diese kulturelle Praxis steht aber zumeist im Konflikt mit bestehenden Regulierungen, Gesetzen und Geschäftsmodellen.

Auch für professionelle Künstlerinnen und Künstler gebe es Einschränkungen der Nutzung digitaler Technologien zum Tauschen und Teilen, zum Beispiel, weil Verwertungsgesellschaften es ihren Mitgliedern nicht gestatten, einen Teil ihrer Werke frei zur Verfügung zu stellen.

Wer Mitglied einer Verwertungsgesellschaft ist, überträgt dieser nämlich sämtliche Wahrnehmungsrechte und darf daneben keine anderen Vereinbarungen treffen, wie zum Beispiel mit einer Creative Commons Lizenz für freie, nicht-kommerzielle Nutzung. Die Frage, wie man dieses Problem lösen kann oder wie das Recht auf Privatkopie im digitalen Zeitalter anzuwenden ist, hat schon früh Juristen beschäftigt und den Forschungszweig "Free Culture Research" begründet.

Neue Anbietermodelle

Leonhard Dobusch selbst, der in Linz Wirtschaft und Recht studiert hat, hat sich in seiner Forschung mit Urheberrecht, Open Source, Open Access und Free Knowledge beschäftigt und gemeinsam mit Christian Forsterleitner das Buch "Freie Netze. Freies Wissen" zum Linzer Kulturhauptstadtjahr 2009 herausgegeben.

In seiner aktuellen Forschungsarbeit beschäftigt er sich mit freier Kultur aus sehr unterschiedlichen Perspektiven. Bei einem Projekt untersucht er gemeinsam mit seiner Kollegin Elke Schüßler, wie innerhalb der deutschen Musikindustrie über das Urheberrecht und die vielbeschworene Krise diskutiert wird. Dabei ist ihm aufgefallen, dass es in jüngerer Zeit einen regelrechten Boom der Musikindustrie-Events und -diskussionen gibt. Einige Vertreter würden auch schon neuen Möglichkeiten suchen, Musik zu produzieren und von Musik zu leben, ohne ihre Fans zu Verbrechern zu stempeln.

Ein paar solcher Beispiele gibt es bereits. Der Musikanbieter Magnatune zum Beispiel bietet Musik von Alternative Rock bis World für private Zwecke gratis als Stream oder gegen 15 Dollar Monatsgebühr als unlimitierten Download in bester Qualität an.

Wer die Musik kommerziell verwenden möchte, zahlt einen festgelegten Preis. Alle Einkünfte werden fifty fifty mit den Musikern geteilt. Die Fotoplattform Flickr bietet ebenfalls Gratis-Zugang für private Zwecke, ermöglicht die Einbindung von Creative Commons Lizenzen und stellt für kommerzielle Zwecke einen Kontakt zu den Fotografen her.

Gestaltung: Sonja Bettel · zur Sendereihe

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