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Samstag
01. Jänner 2011
17:10

"Smiley Smile". Die Beach Boys als Ruinenbaumeister. Gestaltung: Christian Scheib

Die richtige Schwingung, das feine Vibrieren im geglückten Moment: Good Vibrations dies- und jenseits der lang ersehnten Welle können einen weit tragen. Das hätte sich auch Brian Wilson gewünscht, als er Mitte der 60er Jahre für und mit seinen Beach Boys am Album "Smile" arbeitete, mit dem er die Konzeptalben von Zeitgenossen wie The Beatles und Frank Zappa gleichsam in der Gischt einer geglückten Surfwelle überspielen wollte.

Und auch wenn Brian Wilson an der eigenen Vorgabe scheiterte, gewährt das schließlich als Fragment und Kompromiss veröffentlichte Album "Smiley Smile" mit seinen Songs und Songskizzen einen Blick in eine beglückende Schnittmenge aus Experiment, kalifornischer Sonne und letztendlich doch der Good Vibrations.

Von Nordamerika bis Hawaii

Die LP "Smiley Smile" wurde 1967 anstatt des ursprünglich geplanten "Smile" veröffentlicht. In "Heroes and Villains", dem ersten Song dieser Platte und ursprünglich auch als einer der zentralen Songs von "Smile" geplant, geht's zwar schon noch um ein "innocent girl" und um "to fall in love", aber eigentlich prägt die surreale Handschrift von Van Dyke Parks den Text und den Song. Zentral für das ursprünglich geplante Album "Smile" wäre diese Geschichte wohl gewesen, weil sich Brian Wilson und sein Partner viel vorgenommen hatten, unter anderem sollte dieses Pop-Album nämlich auch gleich die Geschichte Nordamerikas durchstreifen, eben inklusive Indianern, Spaniern und Pilgervätern - um schlussendlich bis nach Hawaii zu gelangen. Ein wenig Hawai und ein paar Helden und Verbrecher haben es ins dann doch erschienene Album "Smiley Smile" geschafft.

McCartneys Beißgeräusche

Einer der schrägsten Songs auf Smiley Smile heißt "Vegetables". Oder besser "Vege-Tables". Die Beach Boys singen - zumindest vorgeblich - von ihren bevorzugten Gemüsen. Und es zahlt sich aus, genau hinzuhören, wie im südkalifornischen Männerchorgesang aus den "Vege-tables" klammheimlich "Table-Vege" werden, wie diese Nummer minutiös aus allen möglichen Geräuschen gebastelt ist, von blubbernden Flaschen bis zum Beißen in Karotten.

Eine der Legenden aus der Entstehungsgeschichte von Smile besagt ja, dass Paul McCartney bei einem Besuch im Studio einer der Karottenbeißer gewesen sein soll. Die Legende sagt aber auch, dass McCartneys Beißgeräusche es nicht in die endgültige Fassung geschafft haben.

Auf dem Weg zum Konzeptalbum

Ein paar Fakten zur historischen Einordnung dieser LP, die ja wie gesagt eigentlich nur eine Art Restruine des anvisierten Konzeptalbums "Smile" war. Die Beatles hatten "Revolver" veröffentlicht, die Beach Boys "Pet Sounds". Beide Bands hatten begonnen, mit dem Studio zu experimentieren, anstatt darin bloß aufzunehmen. Verkehrt oder im falschen Tempo laufende Tonbandmaschinen wurden zum Instrumentarium. Psychodelisches und Halluzinogenes inklusive der dazugehörigen Drogen begann sich in Wort und Musik niederzuschlagen.

Die stereotyp gewordenen Themen der Suche nach dem richtigen Mädchen, egal ob am kalifornischen Strand, im London von Lennon/McCartney oder im Indien George Harrisons, sie wichen hintergründigeren und rätselhafteren Song-Themen. Und viele dieser Musiker waren in genau diesen Monaten unterwegs zu dem, was man später Konzeptalbum nennen sollte.

Böser Frank Zappa

Frank Zappa hatte 1966 als Debütplatte gleich das absurd abgründige Doppelalbum "Freak Out!" herausgebracht und während die Beatles an etwas arbeiteten, das dann als das "Sergeant Pepper"-Album erscheinen sollte - worauf Zappe umgehend mit dem grandios bösen "We're only in it for the Money" antwortete - genau währenddessen und in diesen Monaten arbeitete Brian Wilson wie besessen an seinem nächsten Streich.

Auch dieses Album sollte mehr werden, als eine Sammlung von netten Songs, sollte einen roten Faden haben, sollte die Studiotechnik bis ins Letzte ausreizen, wollte innerhalb des Popgenres experimentieren.

22 Aufnahmesessions für einen Song

Brian Wilson betrieb einen unglaublichen Aufwand beim Produzieren des Stückes "Good Vibrations". Sieben Monate wurde an diesen dreieinhalb Minuten gearbeitet, es bedurfte 22 Aufnahmesessions in sechs Tonstudios, in vieren davon wurde auch tatsächlich Material aufgenommen, das im Song zu hören. Das ergab 94 Stunden reine Aufnahmezeit für gut drei Minuten Popmusik. Veröffentlicht wurde "Good Vibrations" am 10. Oktober 1966. Am 21. Dezember war die erste Million verkaufter Singles erreicht. Auf LP erschien der Song dann erstmals am 11. September 1967, auf "Smiley Smile".

Auch wenn Brian Wilson an der eigenen Vorgabe scheiterte, gewährt das schließlich als Fragment und Kompromiss veröffentlichte Album "Smiley Smile" mit seinen Songs und Songskizzen einen Blick in eine beglückende Schnittmenge aus Experiment, kalifornischer Sonne und letztendlich doch der "Good Vibrations".

Späte Geburt von "Smile"

2004 wurde das Album "Smile" dann doch noch veröffentlicht. Fast vierzig Jahre nach Abbruch der Arbeit an "Smile" präsentierte Brian Wilson in London eine doch noch fertiggestellte Version des Albums. Die Platte wurde gelobt und bewundert, die Musikwelt freute sich mit und für Brian Wilson.

Es ist tatsächlich erstaunlich, dass Wilsons Stimme selbst nach all diesen Jahrzehnten immer noch eine Art Jugendlichkeit ausstrahlt. Allerdings ist die Leichtigkeit der Arrangements und die Eleganz der Grundstimmung der 1960er Jahre ersetzt durch ein etwas robusteres und gröberes Erscheinungsbild.

Gestaltung: Christian Scheib · zur Sendereihe

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