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Saldo - Das Wirtschaftsmagazin

Freitag
14. Jänner 2011
09:44

Wirtschaftswachstum - Fluch oder Segen? Moderation: Nadja Hahn, Gestaltung: Manuel Marold

Die Wirtschaftskrise hat Märkte schrumpfen lassen und Arbeitsplätze vernichtet - das zeigt, welche negativen Auswirkungen fehlendes Wirtschaftswachstum auf die wirtschaftliche Entwicklung und damit auf das Leben der Menschen hat.

Andererseits werfen der Klimawandel, Rohstoffknappheit oder ökologische Katastrophen wie die Ölpest im Golf von Mexiko die Frage auf, ob das Streben nach Wirtschaftswachstum nicht oft in eine falsche Richtung geht. Ob sich dahinter nicht ein einseitiger Expansionsdrang mächtiger Großkonzerne - etwa BP im Fall der Ölpest - oder politisches Kalkül verbergen, und ob für das große Ziel Wirtschaftswachstum nicht andere, wichtige Aspekte des Menschseins geopfert werden: Umweltschutz, Nachhaltigkeit, aber auch ethische Werte.

Ist Wirtschaftswachstum für unser Leben also Fluch oder Segen? Ist ein Umdenken erforderlich, in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik? Manuel Marold berichtet über ein Symposion zu diesem Thema in der Diplomatischen Akademie in Wien.

"Wir haben immer so getan, als gäbe es nur positive Wirkungen."

Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel, Norbert Zimmermann, Chef der Berndorf AG, und Heidegunde Senger-Weiss von Gebrüder Weiss mit ihren Positionen zum Wirtschaftswachstum

Exzessives Wirtschaften

Der deutsche Sozialforscher Meinhard Miegel erteilt dem Wirtschaftswachstum eine klare Absage. Vor allem zwischen 1950 und 1980, einer Zeitspanne mit teils hohen Wachstumsraten, sei in den Industriestaaten ohne Maß und Ziel und ohne Rücksicht auf ärmere Länder gewirtschaftet worden.

Zur Ankurbelung des Wirtschaftswachstums seien riesige Schuldenberge angehäuft worden, unter denen wir noch heute leiden. Das Ergebnis dieses exzessiven Wirtschaftswachstums: Die Natur sei von Schadstoffen überfrachtet, Rohstoffe seien großteils aufgebraucht, und die Menschen vom ewigen Gewinnstreben zermürbt und verroht.

Miegel plädiert daher für eine Rückkehr zu den immateriellen, zu den inneren Werten: bewusst leben, sich Zeit für Kinder, Freunde und Familie nehmen, mit sich selbst etwas anfangen können, die spirituell-kulturelle Komponente wiederfinden, die durch das Streben nach Wachstum und Erfolg verloren gegangen sei, sagt Meinhard Miegel, früher Berater des ebenfalls wachstumskritischen CDU-Politikers Kurt Biedenkopf.

Westlicher Lebensstandard bedroht?

Dass Miegels sozialromantisches Ausstiegs-Konzept in der Praxis anwendbar ist, bezweifelt unter anderem Norbert Zimmermann, Geschäftsführer des Werkzeug-, Metall- und Besteckherstellers Berndorf. "Wenn ich morgen in die Firma gehe und den Verkäufern sage, sie sollen meditieren und sich ausspannen, weil wir jetzt aufhören zu wachsen, dann wird man mich zu Recht für verrückt erklären", so Zimmermann.

Gerade nach der Wirtschaftskrise könne es sich Europa nicht leisten, dem Wachstum zu entsagen, denn sonst würde man gegenüber den aufstrebenden Märkten China oder Indien an Boden verlieren, sagt Zimmermann.

Ähnlich sieht das Karl Aiginger, Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts: Wirtschaftswachstum schafft Arbeitsplätze, ohne Wachstum könnten die Bedürfnisse der Bevölkerung nicht mehr befriedigt und Gesundheits- und Sozialsysteme nicht mehr finanziert werden, so Aiginger. Das Argument, Wirtschaftswachstum zerstöre die Umwelt, lässt Aiginger nur bedingt gelten: Ohne Wachstum sei es erst recht schwer, Klimaziele einzuhalten. Das sehe man daran, dass in ganz Europa die Umweltausgaben zurückgefahren werden, weil in wirtschaftlichen Krisenzeiten dafür kein Platz sei.

Eine Frage des Mittelwegs

Ein Ergebnis des Diskussionsabends: Ohne Wirtschaftswachstum fällt es auf Dauer schwer, den Lebensstandard der Bevölkerung sicher zu stellen. Gleichzeitig muss aber dafür gesorgt werden, dass das Streben nach Wirtschaftswachstum intelligent und nachhaltig ist, dass natürliche Ressourcen nicht ausgebeutet werden und dass kommende Generationen lebenswerte Voraussetzungen vorfinden.

Hier einen Mittelweg zu finden, ist eine der großen wirtschaftspolitischen Herausforderungen der Zukunft.

Gestaltung: Manuel Marold · zur Sendereihe

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