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Radiokolleg - "Her mit dem ganzen Leben!"

Montag
07. März 2011
09:05

100 Jahre Frauentag (1). Gestaltung: Martina Nußbaumer und Brigitte Voykowitsch

Am 19. März 2011 wird die Wiener Ringstraße fest in weiblicher Hand sein. Zumindest wenn es nach den Plänen jener Plattform von Frauenorganisationen und Einzelaktivistinnen geht, die Frauen aus den unterschiedlichsten Gruppen der Gesellschaft zur größten Demonstration für Frauenrechte seit Jahren mobilisieren will. "20.000 Frauen" lautet der Name der Plattform.

Annähernd so viele Frauen (und einige Männer) waren es, die anlässlich des ersten Internationalen Frauentages vor hundert Jahren, am 19. März 1911, von der Gartenbaugesellschaft über die Alleen der Ringstraße bis zum Wiener Rathaus marschierten und mehr politische und soziale Rechte für Frauen einforderten. "Heraus mit dem Frauenwahlrecht!", lautete die zentrale Losung, die von zahlreichen weiteren Forderungen flankiert wurde – zum Beispiel nach der Abschaffung des Paragrafen 30 im Vereinsgesetz, der Frauen die Mitgliedschaft in politischen Vereinen verbot; nach Wöchnerinnen- und Kinderschutz; nach "gleicher Zahlung für gleiche Leistung". Oder, wie es ein Transparent zusammenfasste, nach "gleichem Recht für Mann und Weib".

Initiative der II. Sozialistischen Fraueninternationale

Dass viele der damaligen Demonstrierenden nicht nur Standarten und Tafeln mit Forderungen mitführten, sondern auch rote Fahnen schwenkten und rote Nelken angesteckt hatten, ist kein Zufall. Die Initiative zum ersten Internationalen Frauentag war von der II. Sozialistischen Fraueninternationale in Kopenhagen 1910 ausgegangen, wo auf Anregung der US-amerikanischen Sozialistin May Wood-Simons der Beschluss gefasst wurde, jedes Jahr einen Frauentag zu begehen, der in erster Linie dem Kampf für das Frauenwahlrecht dienen sollte.

Die männlichen Genossen waren von dieser Idee anfangs "gar nicht entzückt", erinnerte sich im Jahr 1930 Adelheid Popp, Pionierin der proletarischen Frauenbewegung in Österreich. Dennoch erhielten die Frauen bei der Mobilisierung für die erste Großdemonstration männliche Unterstützung. Da auch die bürgerlich-liberalen Frauen ab den 1880er Jahren kontinuierlich für das Wahlrecht eingetreten waren und mit Ernestine von Fürth eine Sprecherin aus diesem Teil der Frauenbewegung bei der Demonstration auftrat, ließen sich über das engere Umfeld der Sozialdemokratie hinaus weitere Frauen zur Teilnahme motivieren.

Unmittelbare Gesetzesänderungen konnte der erste Internationale Frauentag nicht bewirken. Dennoch hat der massenhafte Auftritt von Frauen auf der Straße – noch dazu von überwiegend einfachen Arbeiterinnen – ein kräftiges Zeichen gesetzt.

Ab 1924 begehen auch Sozialistinnen den Frauentag

1918 schien der Internationale Frauentag in Österreich seinen Hauptzweck erfüllt zu haben: Das allgemeine gleiche (aktive und passive) Wahlrecht wurde eingeführt. In den ersten Jahren der jungen Republik wurde der Tag nicht mehr begangen. Doch bereits 1921 beschlossen die kommunistischen Frauen die Wiederaufnahme dieser Tradition und eine jährliche Feier am 8. März – in Erinnerung an den Frauenstreik am 23. Februar 1917 und an die Februarrevolution in Moskau. Dem wollten im Mobilisierungswettbewerb der Parteien die Sozialistinnen nicht nachstehen, zumal die ersten weiblichen Nationalratsabgeordneten der SDAP rasch die Erfahrung gemacht hatten, dass es mit der formalen politischen Gleichstellung und dem Wahlrecht allein in Sachen gleicher Teilhabe noch nicht getan war. Ab 1924 begingen auch sie den Frauentag wieder – separat von den Kommunistinnen, zu anderen Terminen, mit mehr Teilnehmer/innen.

Zentrale Themen waren nun vor allem der Kampf gegen die patriarchal bestimmte Abhängigkeit der Frauen im bürgerlichen Familienrecht, der Kampf gegen die Paragrafen 144 bis 148, die das Abtreibungsverbot enthielten, sowie die Förderung der Frauenerwerbstätigkeit. Viele der damals artikulierten Forderungen muten aus heutiger Sicht äußerst modern an. "Bei den Themen, die in den 1920er und frühen 1930er Jahren verhandelt wurden, ging es nicht nur um die Erweiterung der festgeschriebenen Rechte, sondern auch darum, wie Geschlechterverhältnisse im Alltag gelebt werden", erklärt Gabriella Hauch, Professorin für Frauen- und Geschlechterforschung an der Universität Linz.

"Wer verrichtet zu Hause die 'Reproduktionsarbeit'? Ist es wirklich so eindeutig, dass das Frauen machen sollen? Wie steht es um die Gewalt gegen Frauen auf der Straße? Haben sie nicht das Recht, am Abend allein auszugehen? All diese verschiedenen Facetten von frauenspezifischen Handlungsspielräumen, die in den 1970er Jahren das Aufflammen der autonomen Frauenbewegung begleitet haben, wurden in den 1920er Jahren schon öffentlich verhandelt."

Unterbrochene Tradition wird wieder aufgegriffen

Der Backlash, den vier Jahre Austrofaschismus mit der Verdrängung von Frauen aus dem Erwerbsleben und die sieben Jahre Nationalsozialismus mit einer verheerenden Geschlechterpolitik mit sich brachten, wirkte weit in die Zweite Republik. Nach Kriegsende wurde die zwischen 1933 und 1945 unterbrochene Tradition der Frauentage wieder aufgegriffen. Lange blieb der Internationale Frauentag allerdings ein zahnloses "Ritual im sozialistischen und kommunistischen Jahreszyklus", wie die Historikerin Maria Mesner, Leiterin der Stiftung Bruno Kreisky Archiv, kritisch anmerkt. Frauen wurden fast ausschließlich als Mütter adressiert, die Symbolik von Frauentagen und Muttertagen war kaum mehr unterscheidbar, "Frieden" wurde zum dominierenden Thema.

Erst mit dem gesellschaftspolitischen Aufbruch der 1960er und 70er Jahre, im Zuge dessen auch die zweite Frauenbewegung entstand, avancierte der Frauentag neuerlich zum feministischen Kampftag, der nicht mehr nur den etablierten Parteien überlassen wurde, sondern von unterschiedlichen autonomen Frauengruppen mit neuen Inhalten und neuen aktionistischen Protestformen versehen wurde.

Der 8.März wird zum Internationalen Frauentag

Die Ernennung des 8. März zum Internationalen Frauentag der UNO im Jahr 1977 trug zur Aufwertung dieses Datums bei, das nun aus der kommunistischen "Schmuddelecke" rückte und überparteilich anschlussfähig wurde. Zentrale geschlechterpolitische Reformen, die bereits im Zuge der Frauentage während der Monarchie und in der Ersten Republik gefordert worden waren, wurden in den 1970er Jahren realisiert: die Gleichstellung von Mann und Frau im Familienrecht und die Entkriminalisierung der Gesetzgebung zum Schwangerschaftsabbruch.

Viele alte Forderungen – "am augenfälligsten jene nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit" – seien jedoch bis in die Gegenwart unerfüllt geblieben, sagt Petra Unger, Mitinitiatorin der Plattform "20.000 Frauen". "Auch viele Forderungen aus den vergangenen Jahren – zum Beispiel jene des Frauenvolksbegehrens von 1997 – harren nach wie vor der Umsetzung." Gründe dafür, anlässlich des Internationalen Frauentages 2011 erneut über die Ringstraße zu marschieren und bei der Abschlusskundgebung vor dem Parlament an die vielen offenen Baustellen zu erinnern, sieht die Aktivistin also genug.

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