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Gesellschaft

Im Gespräch

Donnerstag
12. Mai 2011
21:00

Michael Kerbler spricht mit Robert Pfaller, Professor für Philosophie an der Universität für angewandte Kunst in Wien

Neu ist, meinte jüngst der Autor und Essayist Robert Menasse in einem Interview über "Die Demokratie der blöden Tiere" in den OÖN, dass es in katholischen Ländern noch nie so viele verordnete oder selbst auferlegte Einschränkungen gegeben habe wie heute, auch in Hinblick auf Genussmittel. Und das überrascht Menasse offenbar, denn katholische Länder waren eigentlich immer barock sinnlich, protestantische dagegen puritanisch.

Es sei wirklich eigenartig: heute werden sogar katholische Länder puritanisch, und protestantische Länder korrupt. Des Essayisten Resümee: Zitat - wir haben die eigentümlichste Mischung in der Geschichte der Moderne: Puritanismus plus Korruption. Lustfeindlichkeit und Gier. Das ist ein widerlicher gesellschaftlicher Prototyp: der nicht rauchende, Cola light trinkende, fettarm essende Schmiergeldempfänger.

Genau diese Entwicklung hat in den zurückliegenden zehn Jahren den Wiener Philosophen Robert Pfaller umgetrieben, der entwürdigende Alltagssituationen zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen gemacht hat. Etwa die Sicherheitskontrollen am Flughafen. "Und das Rauchen wird verboten, als ob wir Minderjährige wären und die Universitäten Europas verwandeln sich in repressive Obermittelschulen" diagnostiziert Robert Pfaller und stellt die Frage, ob es nicht erstaunlich sei, was wir uns gegenwärtig alles gefallen lassen. Um sie - die Frage - dann ausführlich in seinem neuen Buch "Wofür es sich zu leben lohnt" zu beantworten.

Ein Teil der Schuld liege bei uns selbst, meint der Philosoph, und verweist auf die deutliche Tendenz, Verbote zu fordern, ja nach der Polizei zu rufen, wenn das Neobiedermeier gestört werde. Und das obwohl gleichzeitig nach außen der weltgewandte Genussmensch präsentiert wird. Allerdings sei ein genussfeindliches Verhalten im Vormarsch, das dadurch gekennzeichnet ist, dass es so tut als ob: wir konsumieren Schlagobers ohne Fett, Bier ohne Alkohol, wie haben Sex ohne Körperkontakt, das Sprechen ist frei von Kraftausdrücken, die Kunst ohne Genie. Pfallers Diagnose mündet in der Feststellung, dass es die reichsten Bevölkerungen der Welt sind, die es verlernt haben, sich die Frage zu stellen, wofür es sich zu leben lohnt.

An diesem Punkt beginnt das Gespräch, das Michael Kerbler mit Universitätsprofessor Robert Pfaller, er lehrt an der Universität für Angewandte Kunst in Wien, führt.

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