Freitag
04. November 2011
23:03
"comfortzone im Kaleidoskop der Nacht". Gestaltung: Susanna Niedermayr mit Christina Nemec
Vor zwei Jahren veröffentlichte Christina Nemec aka chra auf dem frisch von ihr in Kooperation mit Konstantin Drobil ins Leben gerufenen Label comfortzone ihr Solo-Debüt derive. Seither geht es Schlag auf Schlag, eine Veröffentlichung jagt die andere. comfortzone beeindruckt mit - wie es scheint - schier unermüdlichem Tatendrang, mit politischem Bewusstsein und mit viel spannender Musik von u.a. Cherry Sunkist, den Kumbia Queers, Crazy Bitch in a Cave sowie Lydia Lunch und Philippe Petit.
Christina Nemec
Christina Nemec weist ihr Label als queer-feministisch aus, offenbar zwei noch immer provokante Zuschreibungen, wie sie immer wieder feststellen muss. "Ich hab schon böse E-Mails bekommen, in denen beklagt wurde, dass ich auf meinem Label nicht auch Musik von Männern herausbringe, weil ich ja so eine Emanze sei", erzählt sie. "Abgesehen davon, dass das gar nicht stimmt - ich würde niemals auf die Idee kommen, mich bei einem Label darüber zu beklagen, dass es nicht auch Musik von Frauen herausbringt. Und bei vielen Labels erscheint tatsächlich keine Musik von Frauen. Es ist interessant, dass jedes Mal, wenn sich eine minorisierte Gruppe einen Freiraum schafft, es eine gewisse Anfeindung seitens der Mehrheit gibt, die einem dann vorwirft, superprivilegiert zu sein. Das sind wir nicht. Wir versuchen, uns einfach etwas zu erarbeiten, und zwar, wenn möglich, in einem internationalen Rahmen."
Ursprünglich war "queer" ein homophobes Schimpfwort für Schwule und Lesben. In den 1980er Jahren haben diese dann in einem Prozess der Selbstermächtigung den Begriff positiv gewendet. Seither erfreut er sich wachsender Beliebtheit und ist Ausdruck für das steigende Bedürfnis, sich endgültig von dem Diktat der Zweigeschlechtlichkeit zu befreien.
Die damit verbundene zunehmende Deutungsfreiheit würde aber nicht von allen begrüßt, so Nemec, vor allem die politischen Aktivist/innen der Szene würden sich mitunter darüber beschweren, dass das Wörtchen "queer" in den vergangenen Jahren zu einem Lifestyle-Begriff verkommen sei, was mitunter zu gar rigide gehandhabtem Ausschluss führt.
Auch Christina Nemec möchte "queer" politisch verstanden wissen. Engstirnigkeit kann man ihr dabei sicherlich nicht vorwerfen. Eingeladen werden von Nemec mitunter auch Musiker/innen, die sich jeder Kategorisierung entziehen, wie Mika Vainio.
Kürzlich ist auf comfortzone eine Stückreihe von Nemec selbst erschienen, die wir mitangeregt haben. Im Rahmen unserer "langen Nacht der neuen Musik. Gender Bender" zum 100. Jubiläum des Internationalen Frauentages vergangenen März haben wir in Kooperation mit der IGNM vier Kompositionsaufträge vergeben. Nemec hat daraufhin unter ihrem Pseudonym chra "TWELVE that matter" geschaffen, gewidmet zwölf Frauen, die eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielen. Die Musikerin hat jeweils ein zentrales Datum aus deren Leben in eine Sinuswelle verwandelt. Diese zwölf Sinustöne bildeten das musikalische Ausgangsmaterial für die zwölf rund einminütigen Stücke, die gemeinsam ein Ganzes bilden. "Es heißt ja immer, Frauen machen die Bauchmusik und Männer die Kopfmusik", führt Nemec aus, "auch deswegen habe ich ganz bewusst ein strenges und technisch angelegtes Konzept verfolgt."
Ein halbes Jahr nach dem 100. Internationalen Frauentag möchten wir gemeinsam mit comfortzone weiter nach vorne blicken und Musikerinnen präsentieren, die sich in ihrem Werk bereits seit langem mit feministischen und queeren Bezügen auseinandersetzen. Wir versuchen u. a. mit Ulrike Maier, der Veranstalterin des Girls Rock Camp, und den beiden Laminadyz Rosa Danner und Anna Steiden, einer eingangs nicht näher benannten Künstlerin auf die Spur zu kommen, die mit ihrem resoluten Auftreten und ihrem unvergleichlichen Werk für die Emanzipation von Frauen und den Feminismus bahnbrechend war - Auflösung des Rätsels inklusive.
Die musikalische Reise führt dabei an die verregnete Küste Mallorcas und in den verschwitzten Technoclub, mit u.a. in dieser Freitagnacht erstmals präsentierten Stücken von p.K.one und Karin Fisslthaler alias Cherry Sunkist.
Urheber/Urheberin: chra
Titel: TWELVE that matter - Alice Walker
Ausführender/Ausführende: Christina Nemec
Länge: 01:09 min
Label: Comfortzone cz014
Urheber/Urheberin: Cherry Sunkist aka Karin Fisslthaler
Titel: Projection Screens
Ausführender/Ausführende: Cherry Sunkist aka Karin Fisslthaler
Länge: 05:53 min
Label: comfortzone records cz011
Urheber/Urheberin: The Lighters
Titel: Encourage
Ausführender/Ausführende: The Lighters
Länge: 05:10 min
Label: Manus
Urheber/Urheberin: Laminadyz
Titel: slot machines
Ausführender/Ausführende: Anna Steiden, Rosa Danner
Länge: 04:55 min
Label: moozak mzk001
Urheber/Urheberin: p.K.one
Titel: Raindrop Remix
Ausführender/Ausführende: Petra Kißlinger
Länge: 04:41 min
Label: Manus
Urheber/Urheberin: Manami N,
Xyramat,
Donna Maya,
Electric Indigo,
Gavana,
Strict Status,
Sci-fi sol,
caro snatch,
Manou
Titel: Delias Darlings
Ausführender/Ausführende: Manami N,
Xyramat,
Donna Maya,
Electric Indigo,
Gavana,
Strict Status,
Sci-fi sol,
caro snatch,
Manou
Länge: 04:49 min
Label: Manus