Gedanken für den Tag

von Matthias Hartmann. "Wechsel und Veränderung"

Aus dramatischer, philosophischer und aus sehr persönlicher Sicht denkt Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann in den "Gedanken für den Tag" zum Jahreswechsel über Zeiten der Veränderung nach. Motive dafür liefern ihm auch die Stücke, die gerade auf dem Spielplan des Wiener Burgtheaters stehen - ebenso wie die, mit denen er sich in Hinsicht auf kommende Inszenierungen gerade beschäftigt.
Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer.

"Die Menschen sind ja so verrückt", stöhnt der Waldelf Puck in Shakespeares "Sommernachtstraum". Diese Erkenntnis spielt auch in Woody Allens "Mittsommernachts-Sex-Komödie", die wir heute, als Silvesterpremiere, auf der Burg-Bühne zeigen werden, eine zentrale Rolle: als Inschrift auf einer silbernen, aus Sentiment destillierten Gin-Flasche, die Andrew und Ariel einst gemeinsam in einer milden Mondnacht leerten. Jahre später treffen sie sich wieder. Drei Paare, ein Wochenende auf dem Land. Andrew, Banker und Hobby-Erfinder, ist mittlerweile mit Adrian verheiratet, die schöne Ariel mit dem luftigen Namen ist verlobt - mit einem singenden Philosophieprofessor. Komplettiert wird Allens Sextett vom Arzt und scheinbar unverbesserlichen Don Juan Maxwell in Begleitung der frivolen Krankenschwester Dulcy. In flirrender Waldatmosphäre geraten alle Paar-Beziehungen ins Wanken. Fast melancholisch wird die ironische Komödie stets dann, wenn sie vom "Traurigsten im Leben" erzählt - den verpassten Gelegenheiten. "Eine Mitsommernachts-Sex-Komödie" ist auch deshalb ein passendes Stück zum Jahreswechsel. Ein Stück über Wandel, Veränderung, Zeit, die gerade noch langsam verging und urplötzlich rasant verrinnt, ohne dass man den Bruch eigentlich bemerkt hat. Ariel und Andrew blicken zurück und ahnen, dass ihr Leben anders hätte verlaufen können, wären sie damals verwegener gewesen. "Wie die Zeit vergeht ...", sagt sie, "Plötzlich fallen einem die Haare aus ..., das kleinste Geräusch ist einem lästig -, wir verändern uns ..., wir werden andere Menschen." "Was verstreicht, das verstreicht ...", sagt Andrew. "Man muss etwas tun." Und genau das ist vielleicht die Botschaft dieser bittertraurigen Komödie: Man muss etwas tun. Gegen verpasste Gelegenheiten. Gegen Routine, Abstumpfung und flüchtende Illusionen. Sich wandeln, ein anderer werden, und gleichwohl die Träume lauer Sommernächte nicht vergessen. Oder, um mit Puck, um mit Shakespeare zu sprechen, die Lust am Spiel nicht verlieren, verrückt bleiben.

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Titel: GFT 111231 Gedanken für den Tag / Matthias Hartmann
Länge: 03:49 min

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