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Radiokolleg - Keime der Vielfalt

Dienstag
10. April 2012
09:05

Ressource Saatgut (1). Gestaltung: Matthias Haydn und Joanna Stockhammer

Josef Bstiehler bewirtschaftet einen Hof im Osttiroler Virgental auf mehr als 1.300 Meter Seehöhe. In seiner Gegend halten die Bauern heute Kühe, Grünland dominiert das Landschaftsbild. Das war nicht immer so: Seit den 1950er Jahren, als er jung war, hat sich hier alles geändert, erzählt der Landwirt.

Früher waren die Leute notgedrungen Selbstversorger und lebten nicht von Milch allein, sondern bauten Weizen und Gerste, Kartoffeln und Rüben sowie die Ackerbohne an. Er sei heute der Einzige hier, der noch verschiedene Feldfrüchte für den Eigenbedarf auf einem kleinen Acker anbaut, denn das zahle sich wirtschaftlich überhaupt nicht mehr aus.

Wenn Pflanzenvarietäten verschwinden, verschwindet auch Kultur

Im Zuge der Modernisierung der Landwirtschaft seit etwa hundert Jahren gab es beeindruckende Fortschritte in der Pflanzenzüchtung. Diese Entwicklung brachte aber auch das Verschwinden einer Vielzahl weniger markttauglicher Sorten mit sich. Weltweit gingen über drei Viertel der Varietäten verloren. Zur Konservierung des wertvollen Genmaterials wurde ein Bunker im Permafrostboden Spitzbergens errichtet. Mit dem genetischen Reichtum der Pflanzenvarietäten verschwindet aber auch das dazugehörige lokale Wissen über Vermehrung, Anbau, den Nutzen für Medizin oder Kochrezepte - kurz: Kultur.

Wenn die ersten Ackerbohnen reif werden, gibt es jedes Jahr ein Fest im Dorf - den Bohnengunkel. Die bei diesem Anlass verspeiste Varietät der Ackerbohne erhält er zusammen mit einigen wenigen anderen Bauern und Bäuerinnen aus der Umgebung und bewahrt damit ihr Saatgut.

Die frosttolerante Ackerbohne ist mit herkömmlichen Bohnen und Fisolen nicht verwandt und war vor der Entdeckung Amerikas die bedeutendste pflanzliche Eiweißquelle in Europa. Josef Bstiehler braucht die stickstoffbindende Pflanze auch für die Fruchtfolge auf seinem Getreideacker. Die eine Sorte, die es im Lagerhaus als Saatgut zu kaufen gibt, stellt ihn nicht zufrieden: Sie sei wohl nicht an die Höhe angepasst und reife nicht aus.

Die vielen anderen Sorten, von Mohn bis Weizen, Kartoffel bis Kraut, die über Jahrhunderte unter den hier herrschenden Bedingungen herausgezüchtet worden waren und die der Großvater noch erntete, gibt es nicht mehr. "Genetische Erosion" nennen Botaniker diesen Vorgang, der in den vergangenen Jahrzehnten dazu geführt hat, dass - vorsichtig geschätzt - zwei Drittel der einstigen genetischen Vielfalt im Agrarbereich verschwunden sind.

Verlorene Vielfalt

Saat- und Pflanzgut wurden über viele tausend Jahre von Menschen in aller Welt ausgelesen und weiterentwickelt. So entstand eine Vielfalt, die sich in hunderttausenden kleinräumig angepassten Sorten niederschlug.

Die Ernten nur dreier Grasarten machen die Hälfte der menschlichen Ernährung aus: Weizen, Mais und Reis. Die wilden Vorfahren dieser Kulturpflanzen zu entdecken und weiterzuentwickeln, so dass ganze Zivilisationen auf der Basis ihrer Erträge errichtet werden konnten, ist eine der ersten großen Kulturleistungen der Menschheit.

Dieser Umbruch vollzog sich in verschiedenen Gegenden der Erde mehr oder weniger zur gleichen Zeit. Warum es gerade in jenem Zeitraum vor etwa 10.000 Jahren zu dieser Revolution kam, ist heute schwer zu sagen. Es passierte jedenfalls dort, wo Gräser mit dem Potenzial zur Hochleistungspflanze in der wilden Flora zu finden waren und domestiziert wurden - im Nahen Osten der Weizen, in Mittelamerika der Mais und in Ostasien der Reis.

In diesen Gegenden konnte der nötige Überschuss geerntet werden, um Verwaltung, Handwerker oder Kunstschaffende mit zu ernähren. Wo immer sich Menschen daraufhin niederließen, brachten sie ihr Saatgut mit und sorgten durch bäuerliche Züchtung dafür, dass sich eine überwältigende Vielfalt entwickelte.

Saatgutentwicklung – ein industrieller Geschäftszweig

Saatgutentwicklung ist Teil eines industriellen Geschäftszweiges, der Saatgutwirtschaft, mit äußerst starker Konzentration bei einigen wenigen Firmen. Es stellt sich die Frage, welche alternativen Wege beschritten werden können zur Freisetzung der größtmöglichen Kreativität und Förderung der Innovationen, die im Bereich Pflanzenzüchtung in den kommenden Jahren nötig sein werden.

Aufgrund der Züchtung zur Ertragsmaximierung wurden viele Kulturpflanzen in den vergangenen Jahrzehnten immer einheitlicher, sowohl genetisch innerhalb der Sorten, als auch die Sorten untereinander. Bei neu auftretenden Schädlingen oder sich ändernden Umweltbedingungen kann dieser Umstand zum Problem werden. Heute rücken daher die Ursprungsgebiete unserer uralten pflanzlichen Weggefährten wieder in den Fokus. Pflanzenzüchter suchen bei der wilden Verwandtschaft nach Genen, die Schutz gegen Krankheiten, Trockenheit oder anderes Unbill bieten.

Die Kreativität derer, die selbst Pflanzen anbauen und von ihnen leben - der Bauern und Bäuerinnen -, soll nun wieder verstärkt fruchtbar gemacht werden. Partizipative Ansätze sind in der Pflanzenzüchtung gefragt. Traditionelle Kultursorten werden - wo noch vorhanden - gesichert und mit modernen Züchtungsmethoden verbessert. Der freie Austausch von Wissen und Saatgut ist für diese Prozesse eine unverzichtbare Grundlage.

Konzentrationsprozesse in der Saatgutbranche deuten jedoch in eine andere Richtung. Eine Handvoll großer Firmen kaufen seit einigen Jahren die kleineren Anbieter systematisch auf. Man lässt sich Saatgutentwicklungen als geistiges Eigentum in Form von Patenten sichern und kann so weitere Forschungen an den Produkten verhindern.

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