Gedanken für den Tag

von Cornelius Hell. "Die dunklen Krüge der Erinnerung" - Zum 100. Geburtstag der Schriftstellerin Gertrud Fussenegger. Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer

Als Historikerin und Schriftstellerin hat sich Gertrud Fussenegger intensiv mit der Vergangenheit befasst; im Roman "Das Haus der dunklen Krüge" verarbeitete sie Erinnerungen an ihre böhmische Heimat. Ihr Werk ist vom Katholizismus geprägt - und doch war sie glühende Nationalsozialistin.

Die Erinnerung an Begegnungen mit einer charmanten Persönlichkeit und ihrem oft auch fragwürdigen Werk zwingt zu Reflexionen über das katholische Milieu, die Rolle der Literatur und die Abgründe der Erinnerung.

Du bist "viel zu religiös, um jemals ein moderner Mensch zu werden", bekam die Schriftstellerin Gertrud Fussenegger als Jugendliche einmal zu hören. Die Freundin muss ihr Dilemma gut verstanden haben. Denn tatsächlich fällt auf, dass Gertrud Fussenegger die Moderne von Anfang an ausblendete. Sie war zweifellos eine Intellektuelle, die viel las und sich als Jugendliche kurzfristig für den Sozialismus oder für Nietzsche begeistern konnte. Aber von Freud ist nie die Rede, und von der Literatur, die in ihrer Jugend entstanden ist, hat sie offenbar nur Thomas Mann wahrgenommen; von den Expressionisten kein Wort. Und dass ihr die moderne, abstrakte Kunst fremd war, hält sie ausdrücklich fest.

Religiös war Gertrud Fussenegger nicht immer. Sie beschreibt auch Phasen eines heftigen Atheismus in ihrer Jugend. Mit zunehmendem Alter wurde allerdings die religiöse Komponente in ihrem Werk immer wichtiger. Den Konflikt zwischen Religiosität und Modernität thematisierte Gertrud Fussenegger in ihrem 1960 erschienenen Roman "Zeit des Raben, Zeit der Taube" anhand zweier historischer Figuren: dem katholischen Schriftsteller Léon Bloy und der Physik- und Chemie-Nobelpreisträgerin Marie Curie.

Wissenschaft kontra Religion, Moderne gegen Frömmigkeit - ich kann mich noch erinnern, dass ich in früher Jugend in dem katholischen Milieu, in dem ich aufgewachsen bin, diesen Konflikt ebenso spürte. Zum Glück habe ich bald begriffen, dass schon die Tatsache dieses Konfliktes gegen ein bestimmtes katholisches Milieu sprach. Eine Religion, die sich nur gegen die Moderne behaupten kann, verkommt schnell zur Ideologie oder zu einem gedankenlosen Ritualismus. Und heute würde ich auch hinzufügen, dass die Moderne ideologisch wird, wenn sie Religiosität ausschließt. Obwohl diese Haltung historisch verständlich ist, denn Vieles musste sich seit der Aufklärung gegen den erbitterten Widerstand der Katholischen Kirche entwickeln. Katholizismus und Anti-Moderne, das war ein langes und intensives Nahe-Verhältnis. Und so befürchte ich, dass die letzte Auszeichnung, die Gertrud Fussenegger in ihrem Leben erhielt - das Komturkreuz mit Stern des päpstlichen Sylvesterordens von Papst Benedikt XVI. -, auch einer christlichen Schriftstellerin galt, die sich der Moderne verweigerte. Ihr scharfer Blick auf die sozialen Verhältnisse in ihrer Jugend ist mir deswegen aber nicht weniger nahe.

Service

Gertrud Fussenegger, "Das Haus der dunklen Krüge", Deutscher Taschenbuch Verlag, 2004

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Sendereihe

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Titel: GFT 120510 Gedanken für den Tag / Cornelius Hell
Länge: 03:49 min

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