Standort: oe1.ORF.at

Wissen

Radiokolleg - Die Krise des Urheberrechts *

Montag
04. Juni 2012
09:05

Der Kampf um die digitale Kopie (1). Gestaltung: Sonja Bettel

Digitale Technologien und das Internet haben es extrem einfach und billig gemacht, Texte, Musik, Videos oder Bilder zu kopieren, zu bearbeiten und zu verbreiten. Das schafft neue Möglichkeiten für kreative Gestaltung und erleichtert den Zugang zu Kunst und Kultur.

Musiklabels, die Filmindustrie und einige Künstler/innen sehen darin jedoch eine Gefahr für ihre bisherigen Geschäftsmodelle. Seit Jahren rufen sie nach strenger Durchsetzung des Urheberrechts, um "Musikpirat/innen" und "Raubkopierer/innen" in die Schranken weisen zu können.

Der Drang nach totaler Kontrolle des Marktes für Kopien von kulturellen Werken hat in den vergangenen Jahren weltweit in Gesetzen gemündet, die die Kommunikation über das Internet kontrollieren und sanktionieren, damit die Grundrechte verletzen und die kulturellen Äußerungen der Menschen einschränken.

Radiokolleg zum Mitreden

Die Krise des Urheberrechts. Der Kampf um die digitale Kopie
Sonja Bettel, Gestalterin des Radiokollegs und Ina Zwerger, Leiterin der Sendereihe, laden zum Mitreden ein. Der Diskussion mit dem Publikum stellen sich die Interviewpartner/innen:

  • Franz Schmidbauer, Richter, internet4jurists.at
  • Markus Stoff, Initiative für Netzfreiheit
  • Mercedes Echerer, Schauspielerin, Initiative "Kunst hat Recht"
  • Martin Wassermair, World-Information Institute
Radiokolleg zum Mitreden: Mi 6.Juni 2912, 19:30 Uhr
ORF KulturCafe, Argentinierstraße 30a, 1040 Wien, Eintritt frei
Zum Mit-Twittern: #radiokolleg
Der Livestream im RadioKulturhaus

Für junge Menschen, die zum Spaß Videos gestalten, mit populärer Musik unterlegen und auf die Videoplattform YouTube stellen, damit ihre Freunde sie sehen können, sei diese Kriminalisierung völlig unverständlich, stellt Dirk von Gehlen, Redaktionsleiter des Jugendmagazins jetzt.de der Süddeutschen Zeitung und Autor des Buchs "Mashup. Lob der Kopie", fest: "Schon im Kindergarten haben sie gelernt, dass man teilen soll. Wenn sie nun Musik oder Videos mit ihren Freunden teilen, soll es plötzlich verboten sein." Der Effekt sei, dass das Urheberrecht als ungerecht und nicht zeitgemäß betrachtet werde und damit in die Krise geraten sei, so von Gehlen.

Ein Künstler, der die Begriffe "geistiges Eigentum" und "Urheber" ablehnt

Der Pianist und Komponist Ingvo Clauder hat sich intensiv mit dem Thema Urheberrecht beschäftigt und ist aus der deutschen Musikverwertungsgesellschaft ausgetreten. Er erzählt warum er sich selbst um die Lizenzierung seiner Werke kümmert und welche Vorteile das Lizenzmodell Creative Commons hat.

Ein Gesetz, das der Gesellschaft nicht mehr gerecht werde, müsse geändert werden, meint auch der Salzburger Richter Franz Schmidbauer, der mit seiner Website internet4jurists.at über die rechtlichen Grundlagen für das Internet informiert. "Früher mussten sich nur wenige Spezialisten wie Verlage oder Medienunternehmen mit dem Urheberrecht beschäftigen, heute ist jeder davon betroffen, der das Internet nutzt", so Schmidbauer.

Urheberrecht - eine schwierige Materie

Allerdings sei das Urheberrecht eine so schwierige Materie, dass sogar unter Juristen nur wenige wirklich firm darin seien. Kein Wunder also, dass jede/r Internetnutzer/in irgendwann unwissentlich eine Urheberrechtsverletzung begehen wird, und sei es nur, weil ein Freund auf jemandes Facebook-Wall ein Foto postet, das er nicht selbst geschossen hat.

Das Urheberrecht stammt in seinen Grundzügen aus dem 18. Jahrhundert. Bis zum Mittelalter war ein Recht auf "geistiges Eigentum" unbekannt, Künstler galten als Handwerker und nicht als Urheber, die aus sich heraus Neues schöpfen. Mit dem Buchdruck kam die Frage auf, wer ein Buch drucken durfte und damit ein Einkommen sichern konnte, denn der Erstdrucker hatte zumeist den Autor zu bezahlen.

Diese Privilegien wurden vom Herrscher verliehen und konnten jederzeit wieder entzogen werden. Erst 1710 wurde das erste modernere Gesetz dafür erlassen, das britische "Statute of Anne". Im Prinzip ging es im Urheberrecht über 300 Jahre hinweg in erster Linie darum, wer ein Werk verlegen, also mit den Kopien Geld verdienen kann.

Ein Modell in der Krise

Das Modell, wonach in die erste Kopie viel investiert werden müsse und man deshalb mit möglichst vielen identischen Kopien möglichst viele Einnahmen lukrieren möchte, sei nun in der Krise, sagt der Kulturwissenschaftler Felix Stalder.

Das Publikum hat das längst verstanden. Einerseits, weil die digitale Kopie so frei verfügbar ist, dass sie weniger wert wird. Andererseits, weil aufgrund der Verbilligung der digitalen Produktionsmittel jede/r Konsument/in gleichzeitig sehr leicht zum Produzenten bzw. zur Produzentin von kulturellen Äußerungen werden kann. In gleichem Maße, wie die Kopie an Wert verloren hat, haben jedoch Konzerte, Lesungen, Theateraufführungen oder Sondereditionen an Wert gewonnen.

Diese Verschiebung der Wertigkeiten und die Schwierigkeit, sie zu verstehen und zu akzeptieren, sind Gründe dafür, dass die Debatte um das Urheberrecht derzeit zunehmend heftiger und mit teilweise massiver Kriegsrhetorik geführt wird. Nur vordergründig sind das internationale Abkommen ACTA und der Erfolg der Piratenpartei in Deutschland die Auslöser.

Sind kulturelle Produkte nie fertig?

Durch den Buchdruck ist das Gefühl entstanden, dass sich ein Werk in einer endgültigen und unabänderlichen Form materialisiert. Im digitalen Zeitalter löst sich diese Logik auf.

Für den Kulturwissenschaftler Felix Stalder kommt noch etwas Wesentliches hinzu: "Was im Moment schwer zu verstehen ist, ist, dass ein kulturelles Produkt eigentlich nie fertig ist." Jedes Werk kann stets bearbeitet und weiterentwickelt werden, es verflüssigt sich.

Aus diesem Grund haben viele heute das Gefühl, die Frucht ihrer Arbeit würde ihnen zwischen den Fingern zerrinnen. Doch wie so oft ist die Krise auch beim Urheberrecht eine Chance. Bald schon, so sagen die positiv Gestimmten, werden wir neue Formen der kulturellen Wertschöpfung finden. Das Gute daran ist: Künstler/innen und ihr Publikum werden (wieder) näher zueinander rücken.

zur Sendereihe

Service

Delicious - Links und Meinungen zum Thema Urherberrecht

Wissen

Programm

Mo Di Mi Do Fr Sa So
1 2 3
4 5 6 7 8 9 10
11 12 13 14 15 16 17
18 19 20 21 22 23 24
25 26 27 28 29 30

Mehr dazu auf oe1.orf.at

Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick