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Kultur
John Cage

Ö1 extra

Sonntag
12. August 2012
21:30

Kontinentalverschiebung. Die "Sonatas and Interludes" von John Cage.

Ein Ö1 extra mit dem Pianisten Markus Hinterhäuser und Christian Scheib.

Das Formale vergangener Epochen

Sonaten: Klar, Musik von Haydn, Mozart, Beethoven. Und von Schubert natürlich auch. Oft und gern für Klavier. Eigentlich oft Musik der Klavier spielenden Komponisten für sich selbst oder diverse Gönnerinnen und Prinzessinnen, komponiert rund um die eigenen Fähigkeiten - und die Fähigkeiten anderer - sowie gleichzeitig Experimentierfeld zur Auslotung der eigenen Visionen.

Gebändigt durch Handfertigkeit, herausgefordert durch soziale und künstlerische Konstellationen. Domenico Scarlatti hatte es im virtuos-genialen Kleinformat vorgemacht, in den Jahrzehnten nach Haydn/Mozart/Beethoven folgten noch Generationen von Komponisten, die über das formale Musikinstrument "Sonate" ihr Persönlichstes mitteilten. Aber irgendwann schien es damit vorbei zu sein; das Formale vergangener Epochen schien nicht mehr zeitgemäß, für zeitgemäß Relevantes schien im Laufe des frühen 20. Jahrhunderts die Sonate schön langsam passé.

Uncage Cage

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Gegenstände zwischen den Saiten

Dann taucht Mitte des 20. Jahrhunderts der notorische Quergeist John Cage auf und liefert - um einem Topos der Musikgeschichtsschreibung lustvoll zu folgen - nach dem Alten Testament des Klavierspiels, dem Wohltemperierten Klavier von Bach, und dem Neuen Testament der Beethoven‘schen Klaviersonaten ein noch ungeschriebenes drittes Testament ab, die Sonatas and Interludes für präpariertes Klavier.

1940 hatte John Cage begonnen, den perkussiven Klangfarbenreichtum des Klaviers durch diverse "Präparierungen" zu erweitern. Kleine Gegenstände aus verschiedenen Materialien werden zwischen die Klaviersaiten gesteckt und verändern das Timbre des Tons. 1946 begann John Cage mit dem komplexesten seiner Werke für präpariertes Klavier, eben den ausgedehnten Sonatas and Interludes, und beendete die Arbeit daran 1948.

Indische Einflüsse

Man könnte diese teils fragilen, teils energetischen Klavierstücke als ein Zusammenspiel mehrerer Kontinente hören. In den Jahren der Entstehung traf John Cage die indische Musikerin Gita Sarabhai und man vereinbarte, einander wechselseitig die Musik des Westens respektive Indiens näherzubringen. Bei John Cage fiel das auf fruchtbaren Boden, indisches philosophisches Denken prägte sein Komponieren fortan, und an manchen Stellen der Sonatas and Interludes ist nicht nur das dahinter liegende Denkmodell indisch angehaucht, sondern auch das Klangbild selbst.

Auf Europa bezieht sich Cage schon durch die Wahl des Titels "Sonate" mehr als deutlich, wobei seine Vorbilder eben nicht Haydn, Mozart und Beethoven waren, sondern frühere Formen wie die erwähnten kurzen Sonaten von Domenico Scarlatti. Und den für Cage so typischen amerikanischen Erfinder- und Entdeckergeist muss man in dieser kleinen Kunde zur Kontinentalverschiebung nicht eigens erwähnen.

Muscheln am Strand

John Cage schrieb vier mal vier Sonaten, unterbrochen von jeweils einem Interludium. Zahlenrelationen und Proportionsverhältnisse sind konstitutiv für dieses Werk, in der großen Anlage ebenso wie im Kleinräumigen des Motivischen, Melodischen und Rhythmischen. Immerhin 45 der Klaviersaiten sind präpariert und John Cage zaubert einen ganzen Kosmos an Stimmungen aus diesen Konstellationen kurzer Stücke aus fremdartigen Klängen.

Das Komponieren hätte beinahe etwas Improvisatorisches gehabt, erzählte John Cage einmal, er habe einfach viel ausprobiert, verworfen, weiterversucht, Entscheidungen getroffen. Das Komponieren der Sonatas and Interludes sei ein wenig wie das Suchen nach schönen Muscheln am Strand gewesen, "like collecting shells while walking along a beach".

Form und Struktur aus verschiedenen Welten

Die mit Cage damals befreundete Pianistin Maro Ajemian spielte die Uraufführung des gesamten Zyklus am 12. Jänner 1949 in der Carnegie Hall. John Cage war zu diesem Zeitpunkt von Erfolg nicht gerade verwöhnt, er hatte in den Jahren zuvor auch eine veritable Krise in seinem Selbstverständnis als Komponist durchlebt. Aber die Aufführung seines großes Sonatenzyklus in der Carnegie Hall provozierte auch sehr positive Resonanz. Vor allem führte die Aufführung dazu, dass Cage ein Guggenheim-Stipendium zugesprochen bekam, durch das er einen sechsmonatigen Aufenthalt in Europa finanzieren konnte.

In dieser Zeit lernte er Olivier Messiaen kennen, entdeckte Erik Saties Musik für sich und fand in Pierre Boulez einen Verbündeten und Mitstreiter. Messiaen organisierte Konzerte mit Musik von Cage, Boulez hielt Vorträge darüber. Auch Boulez beobachtete natürlich schon die Kontinentalverschiebung in den Sonaten: Die Anlage dieser Sonaten, konstatierte Boulez sinngemäß, verknüpfe eine vor-klassische Form mit proportionalen rhythmischen Strukturen, also Form und Struktur aus zwei gänzlich verschiedenen Welten.

Text: Christian Scheib

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