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Menschenbilder

Sonntag
25. November 2012
14:05

"Feinkost" - Ein Besuch bei Rose Mild. Gestaltung: Heinz Janisch

Ihr Geschäft ist eine Institution, sie selbst gilt als Grazer Original. Mehr als hundert Gedichte kann sie auswendig, Gedichte wie dieses von Peter Rosegger:

Ich bin ein Kind
und bleib ein Kind
weil ich nur so
den Himmel find.

Wenn man durch die Gassen der Grazer Innenstadt spaziert, kann es vorkommen, dass man plötzlich vor einem Geschäft steht, von dem man sich gleich doppelt eingeladen fühlt. Eine Tür führt in einen Feinkostladen mit gefüllten Regalen und Waren aller Art, die andere Tür führt ins Lokal, mit kleinen Tischen und Stühlen und Bänken, mit Fotografien und alten Schildern an den Wänden, mit einer Bar. Auf der einen Seite wird in Ruhe eingekauft, auf der anderen Seite wird gegessen, getrunken und geplaudert.

"Feinkost Mild" heißt das Geschäft in der Grazer Innenstand, das gleichzeitig auch ein Lokal ist. Das "Mild" war und ist eine Institution, man kennt den ungewöhnlichen Feinkostladen in Graz - und man kennt die drei Schwestern, die drei "Seelen" des Lokals, die hier schon als Mädchen anzutreffen waren, haben doch einst ihre Eltern dieses Geschäft geführt.

Edith sitzt in an einem kleinen Tisch und schält Eier für den Salat, Sieglinde, von den anderen Siegi genannt, nimmt gerade die weiße Schürze ab, sie ist nur vormittags im Laden. Und Rose Mild, die älteste der drei Schwestern, ist eben mit dem Fahrrad gekommen.

Die Liebe zur Lyrik

Ende Oktober hat Rose Mild ihren 72. Geburtstag gefeiert. Aber - was sind schon Jahreszahlen, was ist die Zeit? Rose Mild überrascht den Gast zur Begrüßung mit Gedichtzeilen des Lyrikers Alois Hergouth .Über fünfzig Jahre lang war er Stammgast im "Mild". Das Lachen und Reden der Gäste ringsum, das Kommen und Gehen der Gäste, es kann Rose Mild nicht stören.

Zeit für ein Gedicht

"Jetzt" von Alois Hergouth, einem Stammgast des Lokals.

"Jetzt!- Dies ist das einzige Paradies, das du hast." Stammgäste im "Mild" wissen um ihre Liebe zur Lyrik und fragen immer wieder gerne nach. Ständig kommen neue Gedichte hinzu, die sich Rose Mild - durch wiederholtes Lesen - ins Gedächtnis holt. "Die Gedichte fließen direkt ins Herz", sagt sie.

Selbstgemachte Delikatessen

Thomas Pagel, geboren 1981, ist 2010 für seine kranke Tante Rose Mild im Lokal eingesprungen. Sie war einen Monat im Krankenhaus, er konnte aushelfen. Es hat so gut funktioniert, dass der junge Gastronom, Sohn von Roses Schwester Sieglinde, inzwischen das "Mild" leitet - unterstützt von seiner Mutter und ihren beiden Schwestern.

Die einen kommen der selbstgemachten Aufstriche oder der belegten Brote wegen und lassen sich das Essen und Trinken schmecken, die anderen genießen eine kurze Rast mit Familienanschluss. Für die lyrische Seelennahrung ist dann Rose Mild zuständig. Auch der Schriftsteller Wolfgang Bauer, der in Graz lebte, war fast jeden Tag im Lokal, so wie viele andere steirische Künstlerinnen und Künstler.

Die Stammtischrunden im "Mild" sind legendär, es galt lange als Künstlertreff. Da wurden Texte gelesen und diskutiert, da war Platz für spontane Konzerte, und es gab - und gibt - immer noch Raum für kleine Ausstellungen von Künstlern.

"Es lassen sich nicht alle Träume erfüllen"

1956 wurde das Geschäft "Feinkost Mild" in Graz eröffnet. Ein altes Schild im Lokal erinnert noch an die Anfänge: "Stefan Mild. Kalte und warme Speisen. Spezialitäten" ist darauf zu lesen. Die drei Schwestern Mild helfen im Geschäft mit, so gut es ging. Rose Mild kann sich gut an die ersten Jahre nach dem Krieg erinnern. Die Spuren der Verwüstung in der Stadt waren nicht zu übersehen.

Lebensprägend für Rose Mild werden die Schuljahre in Graz, vor allem zwei Lehrerinnen gelingt es, ihr eine lebenslange Begeisterung für das geschriebene und das gesprochene Wort zu vermitteln. Sie lernt als Schülerin die Welt der Literatur kennen. Im Erzählen kommt Rose Mild - manchmal auch über Umwege - immer wieder auf besondere Erlebnissen und Begegnungen mit der Literatur zu sprechen. Und so ist plötzlich auch Franz Grillparzer zu Gast im "Feinkost Mild".

Neben der Liebe zur Literatur gab es bei Rose Mild auch schon früh eine große Begeisterung für das Kino. "Einmal die Woche war ich im Kino", erinnert sie sich und bis heute ist sie gern und oft im Kinosaal anzutreffen. "Es lassen sich nicht alle Träume erfüllen", sagt Rose Mild. "Aber man kann trotzdem aus seinem 'Jetzt' immer das Beste machen." Und: "Mir wird nie langweilig", sagte sie. "Ich hab ja die Bücher. Und das Kino."

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