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Musik

Aus dem Konzertsaal live

Donnerstag
29. November 2012
19:30

Concentus Musicus Wien, Dirigent: Nikolaus Harnoncourt; Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien; Roberta Invernizzi, Sopran, Werner Güra, Tenor; Gerald Finley, Bass.
"Festkonzert 200 Jahre Gesellschaft der Musikfreunde in Wien".
Georg Friedrich Händel/Wolfgang Amadeus Mozart: "Timotheus, oder Die Gewalt der Musik" (Fassung der Wiener Aufführung von 1812) (Übertragung aus dem Großen Musikvereinssaal in Wien in Dolby Digital 5.1 Surround Sound). Präsentation: Bernhard Trebuch

(in der Pause) Bernhard Trebuch im Gespräch mit Dr. Thomas Angyan, Intendant der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

Timotheus

Wer kennt ihn nicht, den "Goldenen Saal" des Wiener Musikvereins, aus dem pünktlich als Matinee am ersten Tag des Jahres das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker tönt und tanzt? Doch wer weiß schon, welches Werk zur Taufe jener "Gesellschaft der Musikfreunde" erklang?

Heuer, zum 200. Geburtstag der noblen Sozietät, wird dieses opulent besetzte Tongemälde, eine Ode, wieder aufgeführt, und zwar in originaler Fassung. Und wer wäre dazu berufener als Nikolaus Harnoncourt, der dem ehrwürdigen Hause mit seinem Concentus Musicus Wien seit Jahrzehnten verbunden ist?

Wer jetzt allerdings vermutet, dass es sich dabei um ein Auftragswerk von Beethoven oder eines anderen Komponisten der Stadt von 1812 handelt, der irrt: Der Gesellschaft der Musikfreunde wurde "Alte Musik" in die Wiege gelegt.

Alexander’s Feast or The Power of Musick

Bereits beinahe 80 Jahre zuvor wurde Alexander’s Feast or The Power of Musick auf einen Text von John Dryden mit der Musik von Georg Friedrich Händel zum ersten Mal aufgeführt. 1790 im Auftrag des legendären Baron Gottfried van Swieten mit deutschem Text in Übersetzung von Karl Wilhelm Ramler von Wolfgang Amadeus Mozart zeitgemäß bearbeitet, sollte das Werk unter dem Dirigenten Ignaz von Mosel in dieser Fassung anno 1812 erneut in Wien erklingen. Kenner/innen sei verraten, dass von Mosel der Mozart-Fassung noch zusätzliche Instrumentalstimmen hinzufügte, Bläser mehrfach besetzte und die 280 Chorstimmen von 1812 sich "sowohl aus dem Adel, als dem Mittelstand" rekrutierten.

Alexander’s Feast or The Power of Musick. An Ode Written in Honour of St. Cecilia by Mr Dryden. Set to Musick by Mr Handel - so der Titel der Erstausgabe - entstand 1736, in einer Zeit, da Händel dem schwindenden Interesse an seinen italienischen Opern mit Oratorien in englischer Sprache zu begegnen versuchte. Tatsächlich gelang ihm mit diesem Werk, das einem Oratorium nahe steht, eine Komposition, die auf Anhieb ungeteilten Zuspruch fand und alsbald zusammen mit dem Messiah zu seinen beliebtesten Schöpfungen zählte. Zu Lebzeiten des Komponisten wurden nur Acis and Galatea sowie Messiah häufiger aufgeführt.

Eine von Plutarch überlieferte Episode

Die zugrundeliegende Ode von John Dryden, die von Newburgh Hamilton - und wahrscheinlich sogar zum Teil auch von Händel selbst - oratoriengerecht, also für den Wechsel von Rezitativen, Arien und Chören, eingerichtet wurde, fußt auf der folgenden, vom griechischen Historiker Plutarch überlieferten Episode:

Bei der Siegesfeier, die Alexander der Große zum Abschluss seines Feldzuges gegen die Perser für seine Getreuen ausrichtete, stiftete ihn die Hetäre Thaïs mit einer flammenden Rede dazu an, die Zerstörung ihrer griechischen Heimat durch die Perser mit einer Feuersbrunst in Persepolis zu sühnen. Dryden wandelte in seiner Ode die Begebenheit insofern ab, als sich Alexander nicht von den Sinnesreizen und Redekünsten der Hetäre hinreißen lässt, sondern von dem das Fest musikalisch bereichernden Timotheus, einem legendären Kitharöden, der es laut Drydens Dichtung schon zuvor verstanden hatte, den siegreichen Feldherrn mit der Macht der Musik zu besiegen.

So erleben wir in der Vertonung nach einer festlichen Ouvertüre und Jubelchorszene, wie Timotheus den Stolz des Siegers Alexander durch die Darstellung von dessen göttlicher Abstammung erhöht und anschließend die allgemeine Hochstimmung mit einem Loblied auf den Gott der Reben steigert. Doch auch respektvolles Mitleid für den auf dem Schlachtfeld gebliebenen Perserkönig weiß Timotheus dem Makedonenkönig Alexander abzuzwingen, um ihm vor diesem Hintergrund umso nachhaltiger die Liebe zu Thaïs als das eigentliche Lebensglück anpreisen zu können.

Alexander allerdings schläft bei der Siegesfeier in den Armen der Hetäre Thaïs ein. Timotheus rettet diese peinliche Situation - und damit auch das Fest - im zweiten Teil des Werkes, indem er den Gastgeber nicht aus seiner Kriegsherrenpflicht entlässt, sondern zusammen mit den sich zunehmend vereinenden Kräften aus dem Liebesschlaf reißt und die Vision der nach Rache rufenden gefallenen Griechen beschwört.

Alexander ist kampfbereit und stellt sich mit Thaïs an die Spitze eines Zuges, der Persepolis in Flammen aufgehen lassen soll. Dass der historische Alexander das Feuer alsbald zu löschen befahl, erwähnt Dryden nicht, er thematisiert vielmehr, dass die von Timotheus ausgelösten Haltungen und Handlungen nur einen Teil des Wirkungsbereichs der Musik spiegeln und dessen Gesamtheit erst durch das Erscheinen der Heiligen Cäcilia, das heißt durch die Erweiterung um das Spirituelle, sichtbar und quasi hörbar gemacht worden ist: "Er riss den Menschen himmelan, den Engel sie herab."

Die Macht der Musik

"Die Anzahl aller singenden und spielenden Personen belief sich bei der General-Probe ungefähr auf 617 und bei der ersten Aufführung ungefähr auf 630 - 640", schwelgt eine Gazette über die Aufführung dieser "Cantate von Händl" anno 1812.

Heute, 200 Jahre danach, ist das Motiv der Interpret/innen und Musikliebhaber/innen beim Singen, Spielen, Zuhören oder Darüber-Reden noch immer gleich: Die Sehnsucht, durch Musik sinnlich bewegt zu werden und ihre Macht zu spüren.

Gestaltung: Bernhard Trebuch · zur Sendereihe

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