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Musik

Konzert am Vormittag

Montag
28. Jänner 2013
10:05

ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Dirigent: Timothy Brock.
"Das neue Babylon", Stummfilm, Russland 1929. Musik: Dmitrij Schostakowitsch (Bearbeitung: Timothy Brock); Regie: Grigori Kosinzew, Leonid Trauberg (aufgenommen am 18. Jänner im Großen Konzerthaussaal in Wien). Präsentation: Christian Scheib

Wie furios, schnell und überraschend die herausragenden Werke der Stummfilmära geschnitten sind und welch unglaubliche Wirkung Filmsprache hat, konnte man jahrzehntelang nur sehen und damit nur erahnen. Man sollte sie aber auch hören.

Konzipiert waren die Filme im Idealfall für das Hören eines großen Orchesters, das live zum Film spielte. Seit einigen Jahren werden mehr und mehr dieser Filmpartituren rekonstruiert und zur Aufführung gebracht. "City Lights" von Charles Chaplin hat das RSO Wien mit Chefdirigent Cornelius Meister in der Saison 2011/12 zur Aufführung gebracht.

Kongeniale Zusammenarbeit

Im Jänner 2013 rückt ein lange ignoriertes filmisches Meisterwerk aus der Sowjetunion ins Rampenlicht, "Das neue Babylon" der Regisseure Grigorij Kosinzew und Leonid Trauberg. Emotional beeindruckend und leitmotivisch interessant sind viele der Orchesterfilmmusiken aus jenen Jahren. Fast nie aber führte die Zusammenarbeit zwischen Regisseuren und Komponisten zu einem derart kongenialen Aufeinanderzugehen wie zwischen Grigorij Kosinzew und Dmitrij Schostakowitsch. Was immer der Film an überraschenden Schnitten vorgibt, Schostakowitschs Musik ist auf Augenhöhe.

Schostakowitsch "schneidet" ebenfalls virtuos, bricht Musik unvermittelt ab, um sie nach hartem Schnitt anders fortzusetzen, versetzt der atemlos eindrücklichen Optik des Films damit akustisch - und das scheint vorerst paradox - einerseits ein Äquivalent in seiner Unmittelbarkeit, zugleich aber einen Hauch musikalisch überhöhter Ironie und Distanz in all der Expressivität. Vielleicht geht dieses künstlerische Konzept deswegen auf, weil sowohl Regisseure als auch Komponist auf je eigene Weise mit einer Art Stilisierungskonzept arbeiten. "Gefühle wurden 'dargestellt', nicht 'nachempfunden'. Die Musik steht also permanent in Anführungszeichen", notiert der Musikwissenschaftler Kevin Clarke.

Uraufführung war Misserfolg

Dmitrij Schostakowitsch ist erst 22 Jahre alt, als er die Musik zum Film über die revolutionären Ereignisse rund um das Kaufhaus "Nouvelle Babylon" im Paris zur Zeit der Kommune 1871 und eine darin verwobenen Liebesgeschichte komponiert. Manches aus dieser Partitur, von der "schnittartigen" Charakteristik der Musik bis hin zu einzelnen Themen und Motiven, findet sich in seinen späteren, auch musiktheatralischen Werken wieder. Schostakowitsch kannte die Filme von Charlie Chaplin und hatte sich in jungen Jahren auch als Stummfilm-Pianist sein Geld verdient.

Mit dem Regisseur Grigorij Kosinzew und dem zwei Jahre jüngeren Schostakowitsch hatten sich zwei gefunden, die sofort bemerkten, künstlerisch am selben Strang zu ziehen - eine Freundschaft, die über Jahrzehnte halten sollte.

Die Uraufführung von "Das neue Babylon" war ein bemerkenswerter Misserfolg. Optisch zu revolutionär wohl und musikalisch schlicht technisch viel zu schwierig für die Fähigkeiten eines Filmorchesters der 1920er Jahre. Bald wurde dem Film ein anderer, konventionellerer Soundtrack unterlegt. Schostakowitschs Musik wurde vergessen und erst 1975 wiederentdeckt.

Timothy Brock, Komponist und Filmmusikspezialist, hat die originale Partitur rekonstruiert und dirigiert das RSO Wien im Wiener Konzerthaus.

Gestaltung: Christian Scheib · zur Sendereihe

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