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Musik

Matinee

Sonntag
03. März 2013
11:03

ORF Radio-Symphonieorchester, Dirigent und Klavier: Cornelius Meister; Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.
Edvard Grieg: "Peer Gynt", Suite Nr. 2 op. 55
Arvo Pärt: Credo für Klavier, Chor und Orchester (aufgenommen am 1. März im Großen Musikvereinssaal in Wien)
Präsentation: Renate Burtscher

Das RSO Wien spielt Jean Sibelius

"Er sprach von Wien wie von einem Sonnenuntergang", erzählt Gösta von Uexküll über Jean Sibelius, den progressiven Konservativen, den konservativen Modernisten, den die Vergangenheit in der Zukunft Suchenden. Kaum ein bedeutender Komponist der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde derart kontroversiell aufgenommen wie Jean Sibelius. Und die "5. Symphonie" (entstanden 1915 bis 1919) ist vielleicht das herausragende Beispiel für diesen Zwiespalt.

Jean Sibelius ist spätestens seit der patriotischen Tondichtung "Finlandia" aus 1899 und seiner dezidierten Unterstützung der Unabhängigkeitsbewegung Finnlands eine Art Nationalheld. Auch die "5. Symphonie" entsteht dann als Regierungsauftrag. "Meine Musik hat nichts, absolut nichts von Zirkus", schreibt Sibelius 1911 in einem Brief an die Musikwissenschaftlerin Rosa Newmarch, "was ich zu bieten habe, ist klares, kaltes Wasser."

Das hören im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts aber leider tendenziell weder die Anhänger/innen noch die Gegner/innen seiner Musik so. Kalt lässt sie wenige; dass sie "klar" sein will, nimmt man nicht wahr.

Widersprüchliche Rezeption

Parallel zu seinem Status als nationale Ikone in Finnland entwickelt sich die Sibelius-Rezeption extrem widersprüchlich. Während die Hörer/innenschaft der New York Philharmonic in einer Abstimmung Jean Sibelius zum "favorite living symphonist" kürt, attestieren progressive europäische Musikkenner/innen dem Violinkonzert "langweilige nordische Trostlosigkeit". Die Situation verschlimmert sich in ihrer Absurdität noch, als durch die Machtergreifung der Nationalsozialist/innen die Musik von Jean Sibelius plötzlich ausgerechnet in Deutschland favorisiert wird.

Die Schönheit der Schöpfung

Zurück ins Jahr 1915. Die "4. Symphonie" von Jean Sibelius war drei Jahre davor kühl aufgenommen worden, Sibelius war verstimmt und verunsichert. Die Leute, erinnert sich Sibelius' Frau später, vermieden, ihnen in die Augen zu sehen, lächelten ausweichend, kaum jemand kam nach der Uraufführung zum Künstlerzimmer. "This was a Skandalkonzert in Scandinavian style", merkt Alex Ross dazu ironisch an, "a riot of silence".

Jean Sibelius beobachtet, was in diesen Jahren in Paris, Wien und anderswo passiert, und zieht seine Schlüsse. Nach der als destruktiv empfundenen "4. Symphonie" soll nun eine die Schönheit der Schöpfung zelebrierende "5. Symphonie" folgen. Sie beginnt und endet in klarem Es-Dur. Es gibt dann nicht - oder scheint es nicht zu geben - das eine vorgefertigte Thema, an dessen Entwicklung oder Variation der Komponist arbeitet. In Sibelius' Symphonie ist es eher so, als würde uns der Komponist daran teilhaben lassen, wie sich Musik - und das bedeutet hier wohl auch Natur - vor den Augen und Ohren derjenigen, die aufmerksam sind, erst allmählich entwickelt.

Selbst als im letzten Satz die Hörner jenes Motiv intonieren, das Sibelius selbst mit dem beobachteten Flug von Schwänen verglich, geschieht das vorerst wie unbemerkt. Oder anders herum betrachtet: so als hätten die Hörner es immer schon gespielt und wir bemerkten es erst jetzt. Dann allerdings breitet das Motiv seine Flügel sehr weit aus.

Wilde Schwäne

"Er liebte die Sonnenuntergänge und den herbstlichen Schwingenschlag der wilden Schwäne. 'Manchmal fühle ich mich selbst als Seevogel', sagte er zu mir, als ich ihn vor nunmehr zwölf Jahren kurz vor seinem 80. Geburtstag in Ainola besuchte. Er sagte 'Seevogel', nicht 'Schwan', obwohl die Schwäne des Nordens noch wild und natürlich sind und keine eitlen Ziervögel."

Am 29.6.1957 erschien dieser Text von Gösta von Uexküll in der Wochenzeitung "Die Zeit" als Nachruf auf den wenige Tage zuvor 92-jährig verstorbenen Komponisten. "Er sprach von seinen Studienjahren in Wien, von der 'schönsten Zeit meines Lebens', wie er sagte. 'Ich werde niemals den Schein der tausend Kerzen hinter den langen Fensterreihen des Schlosses Schönbrunn vergessen, wenn Kaiser Franz Joseph dort Diplomaten empfing'. Er sprach von Wien wie von einem Sonnenuntergang".

Gestaltung: Renate Burtscher, Christian Scheib · zur Sendereihe

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