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Musik

Aus dem Konzertsaal live

Freitag
05. April 2013
19:30

ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Dirigent: Cornelius Meister; Christiane Oelze, Sopran; Iris Vermillion, Mezzosopran. "Skandalkonzert vom 31. März 1913". A. Webern: Sechs Stücke für Orchester op.6
A. Zemlinsky: Vier Orchesterlieder nach Gedichten von Maeterlinck
(ca. 20:10 Uhr in der Pause) Brigitte Voykowitsch im Gespräch mit Nuria Schönberg-Nono
A. Schönberg: Kammersinfonie Nr. 1 E-Dur op. 9 (Fassung von 1913)
A. Berg: Zwei Orchesterlieder nach Ansichtskartentexten von Peter Altenberg op.4
G. Mahler: Kindertotenlieder, nach Gedichten von Friedrich Rückert (Übertragung aus dem Großen Musikvereinssaal Wien in Dolby Digital 5.1 Surround Sound). Präsentation: Johannes Leopold Mayer

Mit heutigen Ohren das Skandalöse des "Skandalkonzerts" von 1913 im Wiener Musikverein nachzuvollziehen, ist gar nicht so einfach. Die Musik von Schönberg, Berg und Freunden scheint viel zu gut in das Bild vom morbiden spätbürgerlichen Fin de Siècle zu passen, als dass man das Skandalöse sofort hören würde.

Andererseits mag Alban Bergs Lied "Siehst Du nach dem Gewitterregen den Wald?" schon allein dadurch provoziert haben, dass es nach einer Minute schon vorüber ist. Und ein Orchesterklang wie jenseits von eindeutiger Tonalität flirrend zu Beginn des Liedes "Über die Grenzen des All blicktest du sinnend hinaus" trägt bis heute ein Potenzial zur Irritation in sich.

Dennoch hört man mit heutigen Ohren in dieser Musik tendenziell weniger den Skandal als die Fortschreibung der großen Tradition des Expressiven aus so unterschiedlichen Wurzeln wie Wagner, Strauss, Mahler.

 

Radiokolleg: Das Skandalkonzert von 1913 - Teil 1

Das Konzert vom 31. März 1913 im Wiener Musikverein war bei weitem nicht der einzige Skandal jener Zeit, in der Künstler in diversen Sparten radikal neue ästhetische Wege beschritten.

Aber die Echauffierten unter den musikgebildeten Zuhörer/innen hörten wohl etwas anderes, nämlich den Verlust, den ihnen diese Musik beschert, den Verlust der gewohnten Ordnungen, das Entziehen des Bodens zugunsten unmittelbarer Ausdruckskraft.

Schon sechs Jahre zuvor, bei der Uraufführung von Schönbergs Kammersymphonie in der ursprünglichen Fassung für 15 Instrumente im Februar 1907, war es zu intellektueller Entrüstung und erbitterter Debatte gekommen. Nun steht dieses Werk in großer Besetzung wieder auf dem Programm.

Oft finden diese Konzerte im Großen Saal des Wiener Musikvereins statt. Dort hatte einige Wochen vor dem "Skandalkonzert" die Uraufführung von Arnold Schönbergs Gurre-Liedern, dirigiert von Franz Schreker, einen überwältigenden Erfolg ausgelöst. Schönberg aber verweigerte sich dem von ihm wohl als konservativ verachteten Publikum und stieß es damit vor den Kopf.

Radiokolleg: Das Skandalkonzert von 1913 - Teil 2

Die Beifallsspender und Zischer lieferten sich laut einem Zeitungsbericht bereits nach dem ersten Stück "einen minutenlang Kampf".

Vielleicht war das auch nicht ohne Folgewirkung für jenen Abend des 31. März 1913 im selben Saal, an dem Arnold Schönberg nun selbst am Dirigentenpult steht und das Konzert mit Musik von Anton Webern eröffnet.

Nach dessen 'Orchesterstücken op. 6' "lieferten sich", einem von Joachim Reiber zitierten Zeitungsbericht zufolge, "die Beifallsspender und Zischer einen minutenlangen Kampf". Diese "Orchesterstücke" mögen in ihrer Radikalität der abstrahierten und zugleich kondensierten Expression tatsächlich der musikalisch provokanteste Beitrag dieses Konzertabends gewesen sein, aber auch hier lässt einen allein schon die Lektüre der sechs Stücktitel alias Satzbezeichnungen, die Webern seinen Stücken gab, erkennen, dass es den Wiener Avantgardisten nicht um Provokation, sondern um eine Erweiterung der emotionalen Ausdrucksmöglichkeiten ging: "Marcia funebre", "Sehr langsam", "Zart bewegt" heißen die letzten drei Stücke.

Trotz des beginnenden Aufruhrs wird das Konzert mit Orchesterliedern von Alexander von Zemlinsky fortgesetzt. Eigentlich wollten Schönberg und seine Freunde das Konzert von allen potenziell skandalösen Beifalls- oder Unmutsäußerungen sogar expressis verbis freihalten und hatten um eine "Hintanhaltung von Beifallsbezeugungen u. dgl." gebeten.

Nach dem dritten Stück des Abends - nun dirigiert Arnold Schönberg die vorhin schon erwähnte eigene Kammersymphonie in der Fassung für großes Orchester - ist es aber endgültig vorbei mit den guten Manieren. Nun mischen sich "in das wütende Zischen und Klatschen auch die schrillen Töne von Hausschlüsseln und Pfeifchen - und auf der zweiten Galerie kam es zur ersten Prügelei des Abends."

Radiokolleg: Das Skandalkonzert von 1913 - Teil 3

"Ein schrecklicher Skandal! Watschen. Raufereien. Entsetzlich!", schrieb Anton von Webern in einem Brief wenige Tage nach dem Konzert im Wiener Musikverein.

Der anwesende Polizist - wieder zitiert nach Joachim Reiber - steht auf verlorenem Posten. "Wollte er in irgendeinem Rudel Raufender intervenieren und Ruhe schaffen, so hörte man zu gleicher Zeit von allen Seiten das Aufklatschen von Ohrfeigen."

Zwei der schon erwähnten "Fünf Orchesterlieder nach Ansichtskartentexten von Peter Altenberg" von Alban Berg werden noch aufgeführt, aber während der als finale Verbeugung vor dem Mentor Gustav Mahler gedachten Aufführung der "Kindertotenlieder" wird das Konzert nach dem eröffnenden "Nun will die Sonn' so hell aufgeh'n" abgebrochen.

Kein Skandal dieser Jahre hat ausschließlich aus der Musik, aus der Phänomenologie des Klangs heraus erklärbare Wurzeln. Auch der Skandal im Paris desselben Jahres um die Uraufführung von Strawinskys Le Sacre du Printemps hat viele Gründe.

Einer der vorrangigsten ist dort wohl das so radikal mit allen Balletttraditionen brechende Bewegungsrepertoire der stampfenden Tänzer unter Nijinskys Leitung. Aber im Wiener Fall, in dem keine andere Kunstform wie Tanz, keine provokanten Texte, keine religiösen Tabubrüche als Skandalauslöser ins Treffen zu führen sind, ist es wohl tatsächlich eine Kraft in der Musik, die die Nerven bloß liegen lässt.

Radiokolleg: Das Skandalkonzert von 1913 - Teil 4

Das Publikum war derart entsetzt über die neuartige Musik der zeitgenössischen Komponisten, dass es sich nicht bändigen ließ. Es kam zu Ausschreitungen und Tumulten, sodass das Konzert vorzeitig abgebrochen werden musste.

Gerade dieses Selbstverständnis der Komponisten als Fortführer einer großen Tradition und eben nicht als Bilderstürmer ist im Verhältnis zum provozierten Skandal die aus heutiger Sicht interessante und nach wie vor herausfordernde Facette dieses Umbruchs. Denn sosehr man sich damals ganz bewusst in der und aus der Tradition kommend versteht, ein ästhetischer Umbruch ist das ja doch.

Diejenigen, die 1913 fühlen, wie ihnen der Boden der bequemen, aber brüchig gewordenen Tradition unter den Füßen weggezogen wird, waren nicht die unaufmerksamsten Zuhörer/innen.

Mehr dazu in

ORF.at - Die große "Hetz" im Musikverein

Gestaltung: Johannes Leopold Mayer · zur Sendereihe

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