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Dienstag
23. Juli 2013
18:25

Myanmar - Welche Perspektiven haben die Minderheiten?
Gestaltung: Lise Abid

Seit Myanmar - das frühere Burma - eine Politik der Öffnung verfolgt, ist das Land verstärkt in den Fokus des internationalen Interesses gerückt. Hilfsorganisationen, die vor Ort tätig sind, sehen allerdings zwei Seiten der Medaille, sagt Manuela Hinterberger von "Helfen ohne Grenzen".

"Die Demokratiebewegung in Myanmar - seit mittlerweile 2 Jahren - ist zwar fortgeschritten, aber ich denke, das Land ist noch weit davon entfernt, wirklich eine Demokratie zu sein. Für die Minderheiten, die teilweise sehr weit von der Hauptstadt entfernt im Dschungel leben, hat sich bis dato überhaupt nichts geändert, sie haben genau die gleichen Probleme."

135 verschiedene Ethnien

Myanmar ist ein Vielvölkerstaat mit mindestens 135 verschiedenen Ethnien mit eigenen Sprachen und Dialekten. Neben verschiedenen Volksgruppen gibt es in dem überwiegend buddhistischen Land auch religiöse Minderheiten: über 6 Prozent Christen und 4 – 5 Prozent Muslime, außerdem noch indische Religionen und Animisten.

Obwohl die Militärherrschaft Anfang 2011 beendet wurde, toben in einigen Regionen noch immer bewaffnete Konflikte. Die Volksgruppe der Kachin im Norden verlangt mehr Autonomie; zeitweise Waffenstillstände haben die Region nicht wirklich befrieden können. Menschenrechtsorganisationen gehen von ca. 100.000 intern Vertriebenen aus. Aus östlichen Gebieten sind viele Menschen nach Thailand geflohen, berichtet Manuela Hinterberger.

"Warum die Menschen aus Burma geflohen sind oder teilweise immer noch fliehen, hat ganz verschiedene Gründe. Einer davon ist, dass die Minderheiten unter der Militärdiktatur systematisch vertrieben wurden, das passiert seit Jahrzehnten. Eine davon sind die Karen, von denen viele Christen sind, aber das passiert mit anderen Minderheiten auch. Wir betreuen Flüchtlinge, die über die thailändische Grenze geflohen sind. Ihre Dörfer, teilweise mitten im Dschungel, wurden überfallen, die Menschen wurden zur Zwangsarbeit gezwungen, mussten Straßenbau leisten …"

Helfen ohne Grenzen

"Helfen ohne Grenzen" ist eine offizielle anerkannte Stiftung in Mae Sot, einer kleinen Stadt in Nordthailand, direkt an der Grenze zu Myanmar, ca. 500 km nördlich von Bangkok. In Mae Sot lebt ein Konglomerat aus vielen Flüchtlingen, den ortsansässigen Thais, vielen Chinesen, die sich dort etwas aufgebaut haben, und den Mitarbeitern zahlreicher Flüchtlingsorganisationen. Viele Hilfsorganisationen sind aber mittlerweile innerhalb Myanmars aktiv, und die Flüchtlinge an der Grenze, die nicht von der UNO-Flüchtlingsorganisation UNHCR erfasst werden, sind als Illegale hilflos, da viele nicht oder noch nicht nach Myanmar zurück kehren können. "Helfen ohne Grenzen" betreibt mehrere Schulen und Schülerheime, erzählt Manuela Hinterberger.

"Für die Kinder in unseren Schulen, den Ray of Hope-Schulen, ist es sehr wichtig, dass sie eine Basisbildung bekommen, falls sie einmal nach Myanmar zurückgehen, was sie auch alle wollen."

Die am stärksten verfolgte Minderheit der Welt

Dramatisch ist die Situation im Westen Myanmars, wo eine muslimische Minderheit lebt, die Rohingyas. UNO- und Menschenrechtsorganisationen bezeichnen sie als die am stärksten verfolgte Minderheit der Welt. Obwohl Rohingyas seit Jahrhunderten in der westlichen Küstenprovinz Myanmars leben, werden sie als bengalische Migranten bezeichnet.

Nach blutigen Zusammenstößen in der Provinz Rakhine - früher Arakan - wurden lokale Untersuchungen durchgeführt, die den Anteil der muslimischen Minderheit dort mit knapp 41 Prozent angeben. Dennoch wollen viele aus der burmesischen Mehrheitsbevölkerung die Existenz einer Rohingya-Volksgruppe nicht anerkennen. Ulrich Delius, Asien-Referent der Gesellschaft für bedrohte Völker.

"Eines der Hauptprobleme dieser Minderheit ist, dass ihnen die Staatsbürgerschaft Myanmars verweigert wird, auf der Grundlage eines Gesetzes von 1982, das dem Staat die Möglichkeit gibt, sie dann auch zu diskriminieren, genau zu regeln, wer heiraten darf, die Bewegungsfreiheit einzuschränken, dass man ihnen keine Arbeit gibt. Das sind massive Diskriminierungen, und daher sagen wir und andere Menschenrechts-Organisationen, es muss ein neues Staatsbürgerschaftsrecht geben, das nicht mehr eine einzelne Gruppe wie die Rohingya aufgrund ihrer ethnischen Abstammung so stark benachteiligt."

Tief sitzende Angst

Das gegenseitige Misstrauen zwischen den buddhistischen Rakhine und den muslimischen Rohingya sitzt tief, nicht erst seit dem Ausbruch blutiger Unruhen im Vorjahr. Gerüchte machen die Runde, werden aufgebauscht, und das kann leicht zur Eskalation führen. Die neutrale Organisation "Ärzte ohne Grenzen" ist deshalb vor Ort bemüht, den Menschen durch ein psychosoziales Projekt die Angst zu nehmen und langsam wieder Vertrauen zwischen den Volksgruppen aufzubauen.

Sowohl die Rakhine als auch die Rohingya sind politisch organisiert, teilweise verfolgen auch buddhistische Mönche eine radikal-nationalistische Agenda. Mittlerweile leben rund 140.000 Rohingyas, die vor den Ausschreitungen geflohen sind, entweder in provisorischen, militärisch überwachten Lagern zusammengepfercht in Myanmar, oder in UNHCR-Flüchtlingslagern oder auch inoffiziellen Flüchtlingslagern in Bangladesh, das bereits die Grenze geschlossen hat.

Ihre verzweifelte Lage treibt viele Rohingyas dazu, zu versuchen, auf überfüllten Booten andere südostasiatische Länder oder sogar Australien zu erreichen. Die Nachbarländer Myanmars sind jedoch durch den Flüchtlingsstrom überfordert und drängen auf eine interne politische Lösung.

Viele Konflikte und Probleme

Seit den Zusammenstößen zwischen Buddhisten und Muslimen im vergangenen Herbst gilt in den Konfliktgebieten in Myanmars Provinz Rakhine teilweise der Ausnahmezustand. Hilfsorganisationen, die innerhalb Myanmars tätig sind, äußern sich nicht zu den Verhältnissen, da sie ihre Einsatzmöglichkeiten nicht aufs Spiel setzen wollen.

Die politische und wirtschaftliche Öffnung des Landes hat auch Begehrlichkeiten internationaler Konzerne und Energieversorger geweckt, und im Norden Myanmars macht das Nachbarland China Wirtschaftsinteressen geltend. Minderheitenvölker wehren sich gegen Enteignungen wegen großer Staudammprojekte auf ihrem Land. Der Dokumentarfilmer Roland Wehap hat Myanmar und dessen Außengrenzen mehrmals bereist.

"Man muss sich vorstellen, ein Land das so lange hinter dem Bambusvorhang verschwunden ist und von heute auf morgen aufgeht - das ist natürlich ein Eldorado für sämtliche großen Konzerne, die ihre Billigarbeiter suchen, für Geschäftemacher … die Grundpreise in Burma sind in astronomische Höhen gestiegen, ich habe jetzt gehört, dass Rangoon die siebent-teuerste Stadt der Welt ist - unvorstellbar, wenn man das noch vor ein paar Jahren kennt, und dadurch sind Situationen aufgetreten, die ein neues Konfliktpotential in sich bergen - also nach der Geißel des Militärs kommt jetzt die Geißel des Kapitals."

Solche Begleiterscheinungen von Öffnungsprozessen, vor allem aber die Rechte der Minderheiten, müssen erst geregelt werden, um den Demokratisierungsprozess zu stabilisieren.

Myanmars Präsident Thein Sein versprach während seiner Auslandsreisen die Freilassung politischer Häftlinge und konkrete Schritte zur Beilegung der Minderheitenkonflikte. Das forderte kürzlich auch UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon, einschließlich der Klärung der Staatsbürgerschaft für die Rohingyas.

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