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Kultur

Da capo: Tonspuren

Donnerstag
13. Februar 2014
16:00

"Zwischen Kreuz und Galgen." Der Publizist Kurt Neumann, der Februar 1934 und sein Roman "Gefangen zwischen zwei Kriegen". Feature von Helene Belndorfer und Alfred Koch

"Aufruf zum Generalstreik! Alles heraus zum Kampf gegen den Faschismus", schrieb der leitende Redakteur Kurt Neumann am 12. Februar 1934 in einer Sonderausgabe des sozialdemokratischen Grazer "Arbeiterwillen". "Anstiftung zum Aufruhr" lautete die schwerwiegende Anklage gegen ihn. Dem steirischen Bürgersohn, der sich der Arbeiterbewegung verschrieben hatte, drohte das Todesurteil durch das Standgericht. Als Zeit "zwischen Kreuz und Galgen" hielt er diese Februartage nach seiner Flucht aus Österreich im Roman "Gefangen zwischen zwei Kriegen" fest.

80 Jahre nach den Februarkämpfen 1934 und 30 Jahre nach seinem Tod stellen die "Tonspuren" einen Autor vor, der selbst Protagonist der Zeitgeschichte war und aus sich eine Romanfigur machte, um über sich und die Zeit reden zu können. Die Botschaften aus dem Exil hätten der Nachkriegsgesellschaft zugestellt werden sollen, aber erst 2012 erschien Neumanns Roman im Grazer Clio-Verlag. "Aus einem brisanten politischen Zeitroman war ein zeithistorischer Roman, aus der Anklageschrift von einem Überlebenden des österreichischen Bürgerkriegs und der Annexion von 1938, das Panorama einer Epoche geworden", schreibt Christian Teissl im Nachwort. Er hat den Roman gemeinsam mit dem Historiker und Verleger Heimo Halbrainer herausgegeben. Mit literarischen Bildern, die tiefe gesellschaftliche Gräben illustrieren, Erinnerungen des Autors und biografischen Fakten öffnen die "Tonspuren" Fenster in eine Zeit, die durch das Versagen der maßgeblichen Akteure in Politik und Wirtschaft auf die Katastrophe zusteuerte: "Als habe sich die österreichische Leere, die österreichische Blindheit und Hoffnungslosigkeit bereits über die ganze Welt ausgebreitet".

Graz, Wien, Paris - für ihn ab 1935 und 1938 "Arche Noah" - und Los Angeles waren die Lebensorte Neumanns. An der Grazer Universität war der 1902 Geborene zum Doktor der Staatswissenschaften promoviert worden, hatte er sich von den deutschnationalen Burschenschaften ab- und den Sozialistischen Studenten zugewendet. In Graz saß er nach dem Februar 1934 drei Monate im Gefängnis, bevor er dank der solidarischen Falschaussagen der Zeitungsdrucker mangels an Beweisen freigelassen wurde.

In Wien agierte er - nach dem Verbot der Sozialdemokratie durch das diktatorische Dollfuß-Regime - 1935 als Mitherausgeber der "Roten Fahne" für die KPÖ. Ab 1937 versuchte er, angesichts der drohenden braunen Aggression die Kluft zwischen den politischen Lagern zu überbrücken und eine "Volksfront" gegen den Nationalsozialismus zu errichten. Just am 12. März 1938 erschien zum ersten und letzten Mal das gemeinsame mediale Organ.

"Diese Zeitschrift, die 'Neue Österreichische Blätter' geheißen hat, war eine Sensation, in dem Sinn, dass alle Gruppen Österreichs darinnen vertreten waren", erzählte Kurt Neumann in einem Interview aus dem Jahre 1978, das die Multimedialen Sammlungen des steirischen Universalmuseums Joanneum aufbewahren. "Es hat begonnen mit den illegalen Kommunisten, den illegalen Revolutionären Sozialisten, Betriebsräten und auch Professor Dobretsberger, der in der Regierung war der Propaganda-Minister of Schuschnigg, religiöse Autoritäten, mit einem Wort, die ganze österreichische Front." Der nachgeborene Schriftstellerkollege Erich Hackl sieht in dieser – wenn auch gescheiterten – Front gegen den Naziterror einen "Funken der Hoffnung" für die Zukunft.

Mit dem letzten Zug gelang Kurt Neumann die Flucht nach Prag und weiter nach Paris. 1940 verließ er Europa Richtung Nordamerika, wo er sich anfangs als Gärtner und in mehreren Hollywood-Produktionen als kleiner Nebendarsteller über Wasser hielt. Ironischerweise waren es fast immer Nazi-Rollen, für die man das ehemalige KPÖ-Mitglied engagierte. Nach Österreich kam er nur selten zu Besuch. 1984 starb Kurt Neumann, der sich politisch nicht mehr betätigt, sondern als Kulturmanager gearbeitet hatte, in Los Angeles.

Der Roman beginnt mit der Jahrhundertwende, einer "Welt, die friedlich schien und gepflegt, maßvollem Glanz ergeben und bedächtigem Übermut, rauen Worten abgewandt und rohen Taten", und endet im Mai 1940 in Paris. "Gefangen zwischen zwei Kriegen" zeichnet die Lebensstationen Neumanns mit Variationen nach. Anders als der Autor war der Romanheld Peter Wendel Architekt und engagierte sich für den modernen, sozialen Wohnbau. Wie Neumanns enger Freund Herbert Eichholzer, der bei Le Corbusier und Clemens Holzmeister gearbeitet hatte und 1943 als Widerstandskämpfer wegen "Hochverrats" in Wien hingerichtet wurde.

Anders als im Roman blieb Kurt Neumanns erste Ehefrau, Anni Feuerlöscher, die Tochter eines Papier- und Pappendeckelindustriellen, 1938 in Österreich zurück. Das Landhaus Feuerlöscher in Prenning bei Deutschfeistritz, wo sich in den 1930er Jahren im "Prenninger Kreis" regelmäßig linke Intellektuelle und Künstler getroffen hatten, wurde zu einer Anlaufstelle des Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Anni Neumann wurde 1942 wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt.

In Prenning begann 2010 mit einer Ausstellung des Vereins prenninger gespräche die späte Renaissance Kurt Neumanns. Die in den USA ausfindig gemachte Tochter Neumanns, Maria Ramas, kam zur Ausstellung nach Österreich. Im Gepäck hatte sie ein - in der elterlichen kalifornischen Garage aufgefundenes - Romanmanuskript ihres Vaters, das sie nicht lesen konnte, weil es in deutscher Sprache verfasst war.

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Gestaltung: Helene Belndorfer, Alfred Koch · zur Sendereihe

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