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Radiodoktor - Medizin und Gesundheit

Montag
13. Oktober 2014
14:05

Das "schlechte" Geschlecht - Wie werden Männer zu Gesundheitsmuffeln und Gewalttätern?

Männer haben die kürzere Lebenserwartung, weil das starke Geschlecht nicht viel von Vorsorgeuntersuchungen hält und sich insgesamt wenig um seine Gesundheit kümmert. Übermäßiger Tabak- und Alkoholkonsum, hohe Risikobereitschaft, die dementsprechenden Sportarten und stressige Berufssparten tun ihr übriges.

Diese Mischung aus Klischees und statistischen Daten ist seit Jahrzehnten das Leitbild, um das sich die Diskussionen betreffs Männergesundheit bewegen.

Wie entsteht männliches Verhalten?

Sie kennen die obligaten Rollenzuschreibungen: Verwegen mutige Männer - feinfühlig zarte Frauen. Oder umgekehrt: der testosterongesteuerte Weiberheld und der männerverzehrende Vamp. Alles Geschlechterrollen, Zuschreibungsmuster ohne Wert und althergebrachte Normen, in die unsere Kinder hineinwachsen und oftmals auch hineingedrängt werden.

Nach wie vor werden Kinder von Geburt an mit stereotypen Erwartungshaltungen auf bestimmte Verhaltensweisen hin erzogen. Kommen diese Kinder in die Pubertät, wird ihnen genau dieses Verhalten dann vorgeworfen. Gleichzeitig fühlt sich die Gesellschaft in ihrem verallgemeinernden Urteil über junge Frauen und junge Männer bestätigt. Die jungen Leute haben dabei kaum eine Wahl aus diesen Mustern auszubrechen.

Denn wie "eine Frau zu sein hat" oder "ein Mann nun mal ist", sind gewachsene, gesellschaftliche Vorstellungen und haben nur wenig mit angeborenen Geschlechtsmerkmalen zu tun. So behauptet der Geschlechtsforscher Paul Scheibelhofer, mit der Spezialisierung "Männlichkeitsforschung", dass ganz in der Tradition von Simone de Beauvoir, auch Männer nicht als Männer geboren, sondern zu Männern gemacht werden.

Poika - gendersensible Bubenarbeit in Schule und Erziehung

Der Begriff Poika stammt aus dem Finnischen und bedeutet so viel wie Sohn, Knabe oder Bursche. Der Verein bietet Buben und jungen Männern im Volks- und Hauptschulalter auf pädagogischer Ebene Beratung und Hilfe für verschiedene Lebenslagen an. Das Ziel ist, gendersensible Bubenarbeit in den schulischen Alltag, den Unterricht und allgemein in der Erziehung zu etablieren. Was für Mädchen wichtig ist - ungestört über Sex, Stress in der Schule und Familie, etc. zu sprechen - wird nun auch Burschen ermöglicht.

Diskutiert wird auch darüber, welche Berufe die Jugendlichen einmal erlernen möchten und natürlich auch über Gesundheitsfragen, die speziell Männer betreffen und das Verständnis männlicher Identitäten.

Diese Unterstützung für Burschen ist zwar noch nicht allerorts üblich und wird manchmal als unwichtiger als die Förderung von Mädchen erachtet.

Insgesamt sehen aber immer mehr Lehrer in der Bubenarbeit einen wertvollen Beitrag zum Schulalltag und bilden sich in diese Richtung weiter. Das ist, so Philipp Leeb, der Obmann des Wiener Vereins POIKA, deswegen von Bedeutung, da die Lehrerinnen und Lehrer jene Multiplikatoren sind, die die begonnene Arbeit des Poika-Teams in den Klassen weiterführen. Geschlechtersensible Bubenarbeit geschieht immer in Form von Crossworking - also ergänzend zur Mädchenarbeit und es gibt gemeinsame Treffen.

Über Suchtverhalten entscheidet das Geschlecht

Während Mädchen in ihrer Reaktion auf Probleme, familiäre Spannungen, erlittene Gewalt etc. eher dazu neigen, den eigenen Körper zu schädigen, tendieren Burschen dazu, ihre Probleme mit grenzüberschreitendem Verhalten und gewalttätigen Handlungen gegenüber anderen zu bearbeiten.

Frauen neigen also zu Drogen und Süchten (Medikamente, Essstörungen etc.), mit denen sie ziemlich sicher auf einer psychiatrischen Station landen. Männer entscheiden sich eher für Drogen und Süchte, die sie in eine Gefängniszelle bringen. Das bedeutet, es geht jungen Männern bei der Wahl der Drogen nicht nur um die Wirkung der Substanz, sondern auch darum, wie risikoreich, also mutig und somit männlich es ist, mit ihnen in Verbindung gebracht zu werden.

Wenn man die nicht-substanzgebundenen Süchte betrachtet, sind Burschen besonders gefährdet, Geldspiel- und Computersüchtig zu werden. Bei der Geldspielsucht geht es vor allem um die Möglichkeit, rasch zu viel Geld zu kommen und so aus einer meist eher trostlosen, ungewollten Situation auszubrechen. Ähnlich attraktiv ist das Computerspiel, mit dem junge Männer in eine Scheinwelt treten, in der sie all das schaffen, was ihnen in der Realität verwehrt ist.

Prägende Gewalterfahrungen

In Österreich sind rund ein Fünftel der Kinder psychischer oder physischer Gewalt ausgesetzt. Schon das Miterleben von Gewalt - etwa des Vaters gegenüber der Mutter - ist als Gewalterfahrung einzustufen. Ist demnach also jeder fünfte Bub aufgrund der schrecklichen Erlebnisse und des Fehlens eines positiven Männerbildes zur Täterschaft gezwungen?

Um der unerträglichen familiären Gewaltsituation zu entkommen, suchen viele Frauen Zuflucht in einem Frauenhaus. Minderjährige Kinder kommen dorthin natürlich mit. Meist schwer traumatisiert und mit einem denkbar negativen Männerbild.

In vielen Frauenhäusern arbeiten deswegen stundenweise auch junge Männer, um positive Erfahrungen zu ermöglichen - auch den Mädchen, aber vor allem den Buben, denen möglicherweise eine brauchbare Identifikationsfigur fehlt.

Wichtig ist für diese Kinder oder Jugendlichen aber, im Frauenhaus zur Ruhe zu kommen, sich sicher zu fühlen, zu lernen, wieder Vertrauen zu fassen. Das ist meist ein längerer Prozess, der psychotherapeutische Begleitung notwendig macht, da die posttraumatischen Auswirkungen vielfältig und massiv sein können.

Gesundheitszentren für Männer

In der psychotherapeutischen und psychiatrischen Versorgung von Kindern besteht eine permanente Mangelsituation - wie von Seiten der engagierten Ärzteschaft zu hören ist. Hat ein Kind Gewalt erlebt, ist eine solche Betreuung aber in zweierlei Hinsicht wichtig: erstens, um das Trauma zu bewältigen - und zweitens um alternative Verhaltensweisen kennen zu lernen.

Es ist in diesem Zusammenhang unbestreitbar eine Errungenschaft, dass es in Österreich seit geraumer Zeit in jedem Bundesland zumindest eine Einrichtung gibt, die sich speziell mit Männergesundheit, Fragen rund ums Mann-Sein und Gewaltprävention beschäftigt.

Bubenarbeit bedeutet hier, Vorstellungen von Männlichkeit zu hinterfragen. Das passiert einerseits in Gesprächen und Diskussionen - andererseits mit Rollenspielen. Dabei lernen die Burschen, welche Alternativen sich ihnen bieten. Etwa sich zu wehren, ohne Gewalt auszuüben.

In einer Welt der Ungleich-Verteilung von Chancen, Korruption, Wirtschaftskrise und politischem Stillstand macht sich oft Resignation breit. Medienwirksam diskutiert wird diese Situation vor allem deswegen, weil diese Perspektivenlosigkeit in den vergangenen Monaten als Basis für Radikalisierung gilt - bis hin, dass junge Leute freiwillig in den Krieg ziehen.

Männer raus?!

Haben Buben Gewalt erlebt - etwa zu Hause, in der eigenen Familie, verarbeiten sie dieses Trauma häufig so, indem sie selbst gewalttätig werden. Das ist auch der Grund, warum Burschen, die mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern in einem Frauenhaus leben, die Geborgenheit und den Schutz dieser Zufluchtsstätte in der Regel aufgeben und ausziehen müssen, wenn sie das 14. Lebensjahr erreicht haben.

In den Frauenhäusern wird zwar von Fall zu Fall entschieden, ob diese jungen Männer tatsächlich, etwa in eine Krisenwohngemeinschaft übersiedeln müssen, denn 14-jährige Buben sind ja meist noch halbe Kinder. Letztendlich erwarten aber alle Frauen im Frauenhaus, ihre Töchter und jüngere Buben, vor Gewalt geschützt zu werden.

Eine zwiespältige Situation für die Mitarbeiterinnen in den Frauenhäusern und ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig es wäre den Stellenwert von Männer- und Burschenarbeit zu erhöhen, um präventiv mehr erreichen zu können.

Text: Uschi Mürling-Darrer

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