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Radiokolleg - Paroli bieten

Montag
27. Oktober 2014
09:05

Ein Plädoyer für die Freie Rede (1). Gestaltung: Nicole Dietrich

Noch ehe sie sich mit den Techniken und dem Training der geschliffenen Rede vor großem Publikum befasst, setzt sich Nicole Dietrich mit dem auseinander, was überhaupt zwischen Menschen im Gespräch passiert, welche Energien dabei freigesetzt, welche Medien eventuell mit eingesetzt werden.

Von Spickzetteln und Manuskripten, von Pulten und Kameras wird da die Rede sein, bis hin zur autocue, also der Vorrichtung, die unter einem Kameraobjektiv den Text für den TV-Moderator oder die Moderatorin anzeigt.

Das Recht auf Meinungsfreiheit

Das Recht auf freie Rede - die Meinungsfreiheit - ist 225 Jahre alt. 1789 wird es in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte in Frankreich festgeschrieben; ein kulturell und politisch erkämpftes Recht. Jeder darf sagen, was er/sie denkt. Damit verbinden sich Selbstbestimmung und Faszination des "Laut-Aussprechens", eine Kraft, die aber auch einschüchtern kann. Denn wer die Freiheit hat, hat auch die Qual der Gestaltung und den Zwang zur Selbstdarstellung.

Nicht jedem Menschen ist die geschliffene, witzige oder charmante Artikulation eines Anliegens in die Wiege gelegt. Wer sich für einen Job bewirbt oder einen Vortrag hält, mag den Druck und die damit verbundenen Schweißausbrüche kennen. Moderne Medien helfen aus. Mit Präsentationstools wie PowerPoint sind viele Konferenzen heute Wettbewerbe in medial-visueller Inszenierung. Mit Kaskaden von bunten Tabellen, Bildern und verschriftlichten Botschaften sind Dramaturgie und Aufbau des Vortrags besiegelt. Das Publikum darf mitlesen, vor- und zurückschauen und nebenbei zuhören. Aber was bleibt von all dem Gesagten im Gedächtnis?

Die Kunst des freien Sprechens, mit der Stimme allein, geleitet von verinnerlichten Bildern und Gedanken, beherrschen wenige. Ursprünglich von der Brillanz antiker Rhetorik angestoßen und von mittelalterlichen Memotechniken bewahrt, scheint die freie Rede mit der Option auf Instant-Befragung im Worldwide Web zu einer Fußnote der Kulturgeschichte zu verkümmern. Und auch die Kunst des Geschichtenerzählens ohne Bild und Ton aus der Steckdose, ohne zerstückelte "Level-Dramaturgie", mag es demnächst auf den Index bedrohter Kommunikationsformen schaffen. In der Aufmerksamkeit der Anderen kristallisiert sich die Macht. Wer seine Gedanken in die Köpfe und Herzen der Menschen zu pflanzen versteht, hat schon halb gewonnen. Das ist Standard in jedem Selbstpräsentations- und Bewerbungs-Worksshop.

Cicero, der sich in die kulturelle Unsterblichkeit zu reden verstand, oder der von einer Sprechbehinderung geplagte Demosthenes, der als Athens größter Redner galt, sind es ebenso wert, ins Gedächtnis gerufen zu werden, wenn es um Fragen geht wie: Was hemmt, was fördert den Redefluss? Wie bekommt man die notwendige Selbstsicherheit, um den "roten Faden" zu halten? Was bewirken Hilfsmittel wie Karteikarten, Teleprompter oder Haltungstraining? Ist es Begabung oder kann das freie Reden erlernt werden? Wie steht es um kulturelle und soziale Unterschiede in der Sprachsicherheit? Und gibt es die Freiheit der Rede überhaupt noch?

Gestaltung: Nicole Dietrich · zur Sendereihe

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