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Musik

Live aus der Wiener Staatsoper - Giuseppe Verdi: "Un ballo in maschera"

Samstag
23. April 2016
19:30

Mit Piotr Beczala (Gustav III.), Dmitri Hvorostovsky (Graf René Ankarström), Krassimira Stoyanova (Amelia), Nadia Krasteva (Ulrica) u.a.
Chor und Orchester der Wiener Staatsoper; Dirigent: Jesús Lopez Cobos. Präsentation: Michael Blees

Auf eine Oper aus der Feder von Daniel Francois Esprit Auber geht Giuseppe Verdis Oper "Un ballo in maschera" inhaltlich zurück: auf "Gustave III ou Le bal masqué", nach einem Libretto von Eugene Scribe. 1833 hatte man dieses Werk erstmals an der Pariser Oper gezeigt und in den nachfolgenden Jahren an vielen bedeutenden Bühnen, auch in New York, London, Dresden und Wien nachgespielt. Einer der führenden englischen Kritiker in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Henry Chorley, soll sogar gesagt haben, dass Aubers "Gustave" herrliche, ausgezeichnet komponierte Musik enthalte und dass man sich des Werts seiner Oper erst bewusst werde, wenn man die Beleidigungen höre, die Verdi zum gleichen Thema verfasst habe.

Piotr Beczala und Krassimira Stoyanova

Piotr Beczala und Krassimira Stoyanova

In Paris erlaubt

Natürlich ist nicht nur der musikalische Vergleich zwischen Auber und Verdi interessant, bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass Auber und Scribe in Paris 1833 scheinbar keine Probleme mit der Zensur hatten, dieses Sujet auf die Opernbühne zu bringen. Doch nicht nur das: Die Autoren hatten offensichtlich auch keine Bedenken, eine Geschichte aufzugreifen und zu verarbeiten, deren historische Figuren teilweise noch lebten.

Madame Anckarström, die Frau des Mörders an König Gustave, befand sich damals sogar in Paris und soll sich sehr beklagt haben, welche Geschichte ihr von Scribe angedichtet wurde. Gemeint damit ist natürlich die vollkommen frei erfundene Liebesbeziehung zwischen ihr und dem König, die in der Oper als Hauptmotiv zum Mord am König dient.

In Italien zensuriert

Auch Verdi hätte seinen "Maskenball" gerne in Schweden spielen lassen, für die Zensur in Italien war es allerdings ganz unmöglich, zu erlauben, was 26 Jahre zuvor in Paris möglich war. Zählt man "Die Lombarden auf dem ersten Kreuzzug" und die Zweitfassung "Jerusalem", sowie "Stiffelio" und die Umarbeitung "Aroldo" als jeweils ein Werk, so ist der "Maskenball" Verdis 21. Oper. Nach den Premieren von "Simon Boccanegra" und "Aroldo", beide 1857, hatte Verdi mit Antonio Somma korrespondiert, bezüglich einer neuen Oper, die er für das Teatro San Carlo von Neapel schreiben sollte. Nach der Erörterung vieler möglicher Sujets, darunter auch Shakespeares "King Lear" fiel die Wahl schließlich auf "Gustave III", das Drama, das Eugene Scribe als Libretto für Auber verfasst hatte.

Antonio Somma formte das französische Buch in fünf Akten zu einem dreiaktigen Opernlibretto für Verdi um, doch bereits mit dem Prosaentwurf begannen die Einwände der Zensur: Im Mittelpunkt der Oper sollte kein Herrscher stehen, die Ehegattin sollte zur Schwester umgearbeitet, die Zeit der Handlung entschieden zurückverlegt werden, der Mord hätte hinter der Bühne geschehen müssen, der Ball und die Auslosung der Namen, wer den Herrscher töten dürfe, sollten ganz gestrichen werden.

Verständlich, dass sich Verdi diesen Änderungswünschen wiedersetzte und die Oper zurückzog. Noch während man sich über die vertraglichen Formalitäten stritt, bot der Komponist das Werk dem römischen Teatro Apollo an. Zwar musste sich auch hier der Komponist den Änderungswünschen der Zensur stellen, doch fielen diese vergleichsweise harmlos aus. Grundbedingung war hier nur, die Handlung in einen außereuropäischen Staat zu verlegen, sonst hatte man kaum Einwände gegen das Buch.

Gustav und das andere Geschlecht

Die Handlung des "Maskenballs" geht zwar auf ein historisches Ereignis zurück, doch selbst wenn man das Werk in der originalen "Schweden-Fassung" spielt, werden die Vorgänge nicht den wirklichen Gegebenheiten entsprechen. Der schwedische König Gustav III. fiel zwar wirklich einem Attentat zum Opfer, das während eines Maskenballs auf ihn verübt wurde, die Hintergründe der historischen Tat waren jedoch politischer Natur. Als reine Opernerfindung darf man die Liebesbeziehung zwischen dem König und Amelia betrachten: Gustav III. war zwar verheiratet, hatte auch Kinder, dürfte sich im Übrigen aber kaum etwas aus Frauen gemacht haben.

"Er ist vollkommen frei von jeder Schwäche für das weibliche Geschlecht und gänzlich unempfindlich für dessen Anmut", so hat seine Schwägerin den König umschrieben. Gustav III. von Schweden, 1746 geboren und 1772 zum König gekrönt, war der Neffe Friedrichs des Großen. Er war ein überaus kunstsinniger Mensch, hat selbst Schauspiele, Libretti und Ballettszenarien geschrieben. Auf ihn geht auch der Bau des ersten Opernhauses in Stockholm zurück. Es wurde 1782 eingeweiht und stand bis 1891 auf dem Platz, wo auch heute die Königliche Oper Stockholm ihr Haus hat.

Verdi und Auber

Wie erwähnt basiert Verdis "Maskenball" auf einem Libretto zu einer Auber-Oper, die Verdi selbst auch gekannt haben dürfte. Immerhin gibt es auch über das rein thematische hinausgehende Parallelen. Wie Auber hat auch Verdi für das große Liebespaar die klassischen Stimmfächer Sopran und Tenor gewählt, während der Widersacher einer tieferen männlichen Stimme in beiden Werken zugeordnet ist. Noch auffälliger ist allerdings, dass auch Verdi wie Auber die Rolle des Pagen Oscar für einen hohen Sopran geschrieben hat; in der italienischen Oper war so etwas zu jener Zeit durchaus unüblich: Wenn Hosenrollen, so war dies eher die Domäne der Mezzosopranistinnen. Es wäre also durchaus möglich, dass Verdi diese ungewöhnliche Stimmfachwahl direkt von Auber übernommen hat.

Im römischen Teatro Apollo war Verdis "Maskenball" im Februar 1859 erstmals über die Bühne gegangen. Schauplatz der Handlung war - nach den gewünschten Zensur-Änderungen - Boston, zu Ende des 17. Jahrhunderts. In neueren Produktionen hat man aber auch oft wieder Schweden zum Handlungsort gewählt.

Gestaltung: Michael Blees · zur Sendereihe

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