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Dienstag
18. Oktober 2016
18:25

Der Streit um das Burkaverbot: Große Aufregung um ein kleines Stück Stoff
Gestaltung: Ulla Ebner

Frankreich, Belgien und der Schweizer Kanton Tessin haben bereits eines, in vielen EU-Ländern wird es derzeit diskutiert: das sogenannte Burkaverbot, also ein Verbot der Vollverschleierung von Frauen im öffentlichen Raum. Aktuell sorgt die Debatte auch für Unstimmigkeiten in der österreichischen Bundesregierung. Geht es nach der ÖVP, dann soll ein Vollverschleierungsverbot im neuen Integrationsgesetz enthalten sein. Koalitionspartner SPÖ ist zurückhaltend.

Carla Amina Baghajati

"Wir leben in einer Zeit großer Verunsicherung und Ängste. Da suchen die Politiker nach starken Botschaften, wie: Wir verteidigen unsere abendländischen Werte."

Selbstbestimmt oder gehirngewaschen?

Schätzungen zufolge leben in ganz Österreich etwa 100 bis 150 Frauen, die eine Vollverschleierung tragen. Meist keine Burka, die selbst die Augen mit einem Gitter bedeckt, sondern einen sogenannten Niqab. Dieser bedeckt Haare, Hals, Stirn, Nase und Mund, aber lässt einen Schlitz für die Augen frei. Und auch, wenn es sich nur um wenige Frauen handelt, erhitzt das Thema die Gemüter - es spaltet Parteien, die Gesellschaft, Feministinnen und auch die europäischen Muslime und Musliminnen: Ist der Schleier Symbol für Unterdrückung? Oder verletzt vielmehr ein Verbot das Selbstbestimmungsrecht von Frauen?

Vertreterinnen der muslimischen Community pochen auf die Entscheidungsfreiheit. Jede Frau solle tragen dürfen, was sie wolle: egal ob Minirock oder Burka. Sie betonen, die meisten Frauen, die in Europa eine Vollverschleierung tragen, würden das aus eigener Entscheidung tun. Ein hoher Prozentsatz davon seien ohnehin konvertierte Christinnen, die es in ihrem religiösen Eifer ein wenig übertreiben würden.

Saida Keller-Messahli

"Es geht nicht nur um ein Stück Stoff. Es geht um den Platz der muslimischen Frau im öffentlichen Raum."

Einige prominente muslimische Frauenrechtlerinnen wiederum, fordern vehement ein Verbot der Vollverschleierung. Meist handelt es sich um Frauen, die selbst unter den Zwängen patriarchal-religiöser Gesellschaften gelitten haben: zum Beispiel die aus dem Iran geflüchtete Nobelpreisträgerin Shirin Ebadi, Soziologin Necla Kelek, Buchautorin Sabatina James und die Juristin Seyran Ateş - alle drei vor ihren eigenen Familien davongelaufen. Auch die tunesisch-stämmige Schweizerin Saida Keller-Messahli, Gründerin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, plädiert für ein Verbot. Für sie ist der Schleier Symbol des politischen Islam und der säkulare Staat müsse dieser "Geschlechter-Apartheid" der Konservativen einen Riegel vorschieben. Sie bezweifeln die "Freiwilligkeit" des Schleiers, denn in traditionell muslimischen Familien werden Töchter nicht zum freien Willen, sondern zum Gehorsam erzogen.

Lisz Hirn

"Die Idee der Freiheit in demokratischen Gesellschaften schließt die Toleranz gegenüber rückschrittlichen Bewegungen aus."

Das "Migrations-Paradoxon"

Die Standpunkte politischer Gruppierungen können durchaus verwirrend erscheinen: Ausgerechnet rechtspopulistische Männer entdecken plötzlich die Frauenrechte. Wo es sonst heißt, "Frauenhäuser zerstören Ehen", "Nein, Po-Grapschen sollte nicht strafbar sein" und "Familie statt Gender-Wahnsinn", da wird plötzlich propagiert: "Die Burka ist Symbol für die Unterdrückung der Frau".

Doch, ähnlich widersprüchlich die Position von gesellschaftsliberalen linken Gruppen: Sie betrachten Migranten als benachteiligte Minderheiten, deren Rechte man schützen muss - egal, welches Weltbild diese vertreten. Linke fordern Binnen-I und Frauenquoten, kritisieren patriarchale Strukturen der Mehrheitsgesellschaft - aber schweigen zu patriarchalen Strukturen in Migrantenfamilien. Der Integrationsexperte Kenan Güngör spricht von einem "Migrations-Paradoxon".

Doch abgesehen von einem - oft populistisch geführten - tagespolitischen Diskurs, steckt hinter der ganzen Aufregung eine tiefgreifende Gesellschaftsdebatte. Anhand eines kleinen Stückes Stoff über Frauengesichtern werden hitzig die Grundwerte unserer Gesellschaft verhandelt: Wie sollen wir in einer demokratischen Gesellschaft mit Minderheiten umgehen, deren Weltbild im Widerspruch zu unserer Demokratie steht? Wie viel kulturelles Anders-Sein muss eine offene Gesellschaft aushalten? Und wo endet die Religionsfreiheit? Diese Debatte, so Integrationsexperten, müsse auch tatsächlich geführt werden. Aber besser mit kühlem Kopf.

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