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Dimensionen - die Welt der Wissenschaft

Freitag
23. Dezember 2016
19:05

Zwischen Leistungszwang und Abstiegsangst.
Ein Lagebericht zur Mittelschicht.
Von Juliane Nagiller

Die Mittelschicht trägt durch ihre Steuerleistungen den Staat. Auch politisch ist sie die stärkste Kraft im Land. Doch die Mittelschicht sei zunehmend verunsichert. Überhaupt würden die europäischen Mittelschichten erodieren und schrumpfen, so heißt es oft. Die österreichische Mittelschicht ist im europäischen Vergleich jedoch immer noch sehr breit: Drei Viertel aller Haushalte können ihr zugerechnet werden.

Wer gehört zur Mittelschicht?

Die gängige Definition von Mittelschicht orientiert sich am Nettoäquivalenzeinkommen. Das ist das Einkommen, das nach Haushaltsgröße gewichtet wurde. Laut dem Sozialbericht des Sozialministeriums gehören jene Personen zur Mittelschicht, deren verfügbares Nettoäquivalenzeinkommen zwischen 60 und 180 Prozent des Medianeinkommens liegt. Das Medianeinkommen ist das mittlere Einkommen. Die Hälfte der Einkommen liegt darüber, die andere Hälfte darunter. Für Österreich würde das im Jahr 2015 bedeutet: Wer zwischen 14.000 und 42.000 Euro im Jahr verdient hat gehört zur Mittelschicht.

"Wenn wir von der Mitte sprechen haben wir automatisch drei Schichten vor Augen, aber dieses Modell ist ein äußerst fragiles", meint
Martin Schürz, Österreichische Nationalbank.

Obwohl die Reallöhne seit ein paar Jahren sinken, ist die Mittelschicht in Österreich relativ stabil – wenn man die Einkommen betrachtet. Analysiert man die Mittelschicht anhand des Faktors Vermögen, dann teilt sich diese in zwei Hälften: eine vermögende und eine nicht vermögende Mittelschicht.

Das Unterscheidungskriterium ist der Immobilienbesitz. Mieterhaushalte haben ein Nettovermögen von 11.000 Euro, während Eigentümer-Haushalte auf über 300.000 Euro Vermögen kommen. Fast ein Drittel der vermögenden Mittelschicht hat ihr Eigenheim geerbt.

"Die Menschen sehen, dasss sie härter arbeiten müssen, dass sie wesentlich mehr kämpfen müssen, als früher", sagt Roland Verwiebe, Professor für Soziologie an der Universität Wien.

Das mittlere Vermögen

Im Durchschnitt besitzt Herr oder Frau Österreicher 260.000 Euro. Aussagekräftiger für die Vermögensverteilung in Österreich ist jedoch der Median, das mittlere Vermögen. Der Median für Nettovermögen liegt bei etwa 86.000 Euro - die Hälfte der Österreicher besitzt mehr, die andere Hälfte weniger. Das oberste ein Prozent der Bevölkerung besitzt rund ein Viertel des gesamten Vermögens. Während die untere Hälfte der Bevölkerung nur vier Prozent des Vermögens besitzt.

"Die Mittelschicht wählt jemanden, der die Reichen weniger besteuern will. Hier zeigt sich das Phänomen, dass die Mittelschicht denkt sie sei auch reich", sagt Ulrike Herrmann, Wirtschaftsjournalistin und Buchautorin.

Hinter der Stabilität der Mitte kann man eine hohe Dynamik beobachten, sagt der Soziologe Roland Verwiebe von der Universität Wien. Der Druck auf die Beschäftigten wächst: Teilzeitbeschäftigungen, befristete Dienstverträge und prekäre Arbeitsverhältnisse nehmen zu.

Die Mittelschicht muss immer mehr tun, um ihre Einkommensposition zu halten. Ressentiments gegen die Unterschicht sind die Folge, auch gegen die wachsende Zahl an Fremden und sogenannten "Sozialschmarotzern".

Die Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann argumentiert, dass sich die Mittelschicht emotional stärker mit der Oberschicht identifiziert. Sie wolle sich nach unten abgrenzen und meide ängstlich jede Nähe zur Unterschicht. Dabei wird aber übersehen, dass eine höhere Besteuerung der Reichen die Mittelschicht stärker entlasten würde als Kürzungen bei Transferleistungen wie etwa der Mindestsicherung.

Mehr dazu in

ORF.at - Kluft zwischen Reich und Arm wächst

Gestaltung: Juliane Nagiller · zur Sendereihe

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