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Kultur

Du holde Kunst

Sonntag
05. März 2017
08:15

"Aus seiner Zeit kann Keiner springen". Erwin Steinhauer liest Gedichte von Kurt Tucholsky. Gestaltung: Edith Vukan und Michael Blees.

Von der flüchtigen Verheißung menschlicher Gesichter im Gewühl der Großstadt, vom Egalitären des Klatsches, von den Tücken der Sinnsuche und vom Leben, in dem alles eine Nummer zu klein ist. Lyrik eines Dichters mit "goldenem Herz und eiserner Schnauze".

Kurt Tucholsky
Augen in der Großstadt

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:

da zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:

Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
was war das? vielleicht dein Lebensglück…
vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.

Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hast´s gefunden,
nur für Sekunden…

Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die brauen, Pupillen, die Lider;
was war das? kein Mensch dreht die Zeit zurück…
vorbei, verweht, nie wieder.

Du musst auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.

Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein…
Es sieht hinüber
und zieht vorüber…

Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupille, die Lider;
was war das?
Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.

Das Persönliche

Schreib, schreib…
Schreib von der Unsterblichkeit der Seele,
vom Liebesleben der Nordsee-Makrele;
schreib von der neuen Hauszinssteuer,
vom letzten großen Schadenfeuer;
gib dir Mühe, arbeite alles gut aus,
schreib von dem alten Fuggerhaus;
von der Differenz zwischen Mann und Weib…
Schreib… schreib…

Schreib sachlich und schreib dir die Finger krumm:
kein Aas kümmert sich darum.

Aber:
schreibst du einmal zwanzig Zeilen
mit Klatsch – die brauchst du gar nicht zu feilen.
Nenn nur zwei Namen, und es kommen in Haufen
Leser und Leserinnen gelaufen.
„Wie ist das mit Fräulein Meier gewesen?“
Das haben dann alle Leute gelesen.
„Hat Herr Streuselkuchen mit Emma geschlafen?“
Das lesen Portiers, und das lesen Grafen.
„Woher bezieht Stadtrat Mulps seine Gelder?“
Das schreib – und dein Ruhm hallt durch Felder und Wälder.

Die Sache? Interessiert in Paris und in Bentschen keinen Menschen.
Dieweil, lieber Freund, zu jeder Frist
die Hauptsache das Persönliche ist.

Einkehr

Mit vierzig Jahren soll man sich besinnen…
Worauf?
Auf das, was außen und was innen –
und auf den Lauf
der Sterne, die im kalten Kosmos schweben,
sowie auch darauf:
Wovon mag eigentlich der Bornemann leben -?

Die Wiese summt und liegt grün eingesponnen –
ich mittendrin;
durch die geschlossenen Lider sagen tausend Sonnen,
dass ich lebendig bin.
Schreite die Straße der Einsamkeit empor,
Stimmen hörst du wie nie zuvor…
aus dem Äther kommen dir Einsicht und Stärke
Laßler platzt vor Neid. Ich werde ihn ärgern, indem
ich es nicht bemerke.

Wolken ziehn über die Sonne. Es rührt sich kein Blatt.
Stumm
liegt der See; der Weise, der einmal begriffen hat,
fragt nicht: Warum?
Er betrachtet nur noch das Wie; er sieht die Kristalle
zergehn,
wenn es geschneit hat-
Warum schneidet man sich eigentlich immer die
Nägel, wenn man keine Zeit hat -?

So schwingst du dich in die obern Regionen –
musst aber dennoch hier unten wohnen
Ein Vers von Morgenstern tanzt querfeldein
„Es zieht einen immer wieder hinein.“

Gefühle

Kennen Sie das Gefühl: „déjà vu“-?
Sie gehen zum Beispiel morgens früh,
auf der Reise, in einem fremden Ort
von der kleinen Hotelterrasse fort,
wo die andern alle noch Zeitungen lesen.
Sie sind niemals in dem Dorf gewesen.
Da gackert ein Huhn, da steht eine Leiter,
und Sie fragen – denn Sie wissen nicht weiter –
eine Bauersfrau mit riesiger Schnute…
Und plötzlich ist Ihnen so zumute
-wie Erinnerung, die leise entschwebt -:

Das habe ich alles schon mal erlebt.

Kennen Sie das Hotelgefühl -?
Sie sitzen zu Hause. Das Zimmer ist kühl.
Der Tee ist warm. Die Reihen der Bücher
schimmern matt. Das sind Ihre Leinentücher,
Ihre Tassen, Ihre Kronen –
Sie wissen genau, dass Sie hier wohnen.
Da sind ihre Kinder, Ihre Alte, die gute –
Und plötzlich ist Ihnen so fremd zumute:

Das gehört ja alles gar nicht mir…
Ich bin nur vorübergehend hier.

Kennen Sie… das ist schwer zu sagen.
Nicht das Hungergefühl. Nicht den leeren Magen.
Sie haben ja eben erst Frühstück gegessen.
Sie dürfen arbeiten, für die Interessen
des andern, um sich Brot zu kaufen
und wieder ins Büro zu laufen.
Hunger nicht.
Aber ein tiefes Hungern
nach allem, was schön ist: nicht immer so lungern –
auch einmal ausschlafen – reisen können –
sich auch einmal Überflüssiges gönnen.
Nicht immer nur Tag-für-Tag-Arbeiter,
ein bisschen mehr, ein bisschen weiter…
Sein Auskommen haben, jahraus, jahrein…?
Es ist alles eine Nummer zu klein.
Hunger nach Farben, nach der Welt, die so weit –
Kurz: das Gefühl der Popligkeit.

Eine alte, ewig böse Geschichte.
Aber darüber macht man keine Gedichte.

Zweifel

Ich sitz auf einem falschen Schiff.
Von Allem, was wir tun und treiben,
und was wir in den Blättern schreiben,
stimmt etwas nicht: Wort und Begriff.

Der Boden schwankt. Wozu? Wofür?
Kunst. Nicht Kunst. Lauf durch viele Zimmer.
Nie ist das Ende da. Und immer
stößt du an eine neue Tür.

Es gibt ja keine Wiederkehr.
Ich mag mich sträuben und mich bäumen,
es klingt in allen meinen Träumen:
Nicht mehr.

Wie gut hat es die neue Schicht.
Sie glauben. Glauben unter Schmerzen.
Es klingt aus allen tapfern Herzen:
Noch nicht.

Ist es schon aus? Ich warte stumm.
Wer sind Die, die da unten singen?
Aus seiner Zeit kann Keiner springen.
Und wie beneid ich Die, die gar nicht ringen.
Die habens gut.
Die sind schön dumm.

Die Pächter

Frauen sind eitel? I bewahre.
Das ist nichts gegen männliche Exemplare.

Einer versteht was von Pferderennen.
Einer kann Falsifikate erkennen
in Briefmarken… einer ist Tourist.
Einer weiß, was Romantik ist.
Einer ist mal in Japan gewesen.
Einer kann fließend Kontrapunkt lesen.
Einer reist in Amerika.
Einer brilliert in Algebra.
Einer macht in Illustrationen.
Einer weiß, wie die Sowjets wohnen.
Einer bearbeitet alles von Liszt,
und einer ist Original-Pazifist.

Und jeder hat, was er treibt und betrachtet,
ein für alle Mal gepachtet.
Was er da tut, ist tabu und immun –
und das darf nie wieder ein andrer tun.
Amerika, Gleitflug, Berlin und Franzosen –
besetzt! Die Falsifikations-Diagnosen –
besetzt! Die Sowjets, Fotografien –
besetzt! Es geht ja nicht ohne IHN!
Das ist für deinen Lebenslauf
besetzt. Es sitzt nämlich schon einer drauf.
Paris, Japan, das Rhône-Tal:
Erledigt. Ein für alle Mal.

Du hast nur um Entschuldigung zu stammeln.
Und es bleibt dir nichts übrig, als Menschen zu sammeln.

Nebenan

Es raschelt so im Nebenzimmer
im zweiten Stock, 310 –
ich sehe einen gelben Schimmer,
ich höre, doch ich kann nichts sehn.
Lacht eine Frau? Spricht da ein Mann?
Ich halte meinen Atem an –
Sind das da zwei? Was die wohl sagen?
Ich spüre Uhrgetick und Pulse schlagen…
Ohr an die Wand. Was hör ich dann
von nebenan -?

Knackt da ein Bett -? Rauscht da ein Kissen -?
Ist das mein Atem oder der
von jenen… alles will ich wissen!
Gib, Gott, den Lautverstärker her -!
Ein Stöhnen; hab ichs nicht gewusst…
Ich zecke an der fremden Lust;
ich will sie voller Graun beneiden
um jenes Dritte, über beiden,
das weder sie noch er empfinden kann…
„Marie -!“
Zerplatzt.
Ein Stubenmädchen nur war nebenan.

War ich als Kind wo eingeladen -:
nur auswärts schmeckt das Essen schön.
Bei andern siehst du die Fassaden,
hörst nur Musik und Lustgestöhn.
Ich auch! Ich auch! Es greift die Hand
nach einem nicht vorhandenen Land:

Ja, da -! Strahlt warmer Lampenschimmer.
Ja, da ist Heimat und das Glück.
In jeder Straße lässt du immer
ein kleines Stückchen Herz zurück.
Darfst nie der eigenen Schwäche fluchen;
musst immer nach einem Dolchstoß suchen.
Ja, da könnt ich in Ruhe schreiben!
Ja, hier -! hier möcht ich immer bleiben,
in dieser Landschaft, wo wir stehn,
und ich möchte nie mehr nach Hause gehn.

Schön ist nur, was niemals dein.
Es ist heiter, zu reisen, und schrecklich, zu sein.
Ewiger, ewiger Wandersmann
Um das kleine Zimmer nebenan.

Das Lächeln der Mona Lisa

Ich kann den Blick nicht von dir wenden.
Denn über deinem Mann vom Dienst
Hängst du mit sanft verschränkten Händen
und grienst.

Du bist berühmt wie jener Turm von Pisa,
dein Lächeln gilt für Ironie.
Ja… warum lacht die Mona Lisa?
Lacht sie über uns, wegen uns, trotz uns, mit uns, gegen uns –
oder wie -?

Du lehrst uns still, was zu geschehn hat.
Weil uns dein Bildnis; Lieschen, zeigt:
Wer viel von dieser Welt gesehn hat –
der lächelt, legt die Hände auf den Bauch
und schweigt.

Gestaltung: Edith Vukan, Michael Blees · zur Sendereihe

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