Standort: oe1.ORF.at

Kultur

Ex libris

Sonntag
05. März 2017
16:00

Bücher, Menschen, Themen. Moderation: Peter Zimmermann

"Wer ist interessanter, Othello oder Jago? Leute, die auf alles und jedes wütend sind, sind für mich viel interessanter als etwa Dawn, obwohl ich sie mag", sagt T.C. Boyle über eine Protagonistin seines neuen Romans "Die Terranauten". Im Unterschied zu ihrer Freundin Linda darf Dawn am Experiment in der "Ecosphäre 2" teilnehmen.

"Das wissen wir schon" von Noemi Schneider

Die Münchner Autorin thematisiert in ihrem Roman die zentrale Frage vieler junger Menschen: Wie soll man leben, wenn weder Konformismus noch Kampf Optionen sind, um sein Glück im Hier und jetzt zu finden?

Die Hauptfigur und namenlose Ich-Erzählerin ist Anfang dreißig, müde, ausgebrannt und Pleite. Einst erfolgreiche Absolventin einer Filmhochschule, findet sie sich nun auf dem beruflichen Abstellgleis wieder. In ihrer Not hat sie ihre Wohnung untervermietet und einen Job an der Kasse eines "verpackungsfreien" Supermarkts angenommen. Weil sie meint, sie bräuchte eine Auszeit, besucht sie ihre Mutter auf dem Land, eine überzeugte Weltverbesserin. Dort begegnet sie nicht nur Flüchtlingen, sondern auch dem türkischstämmigen Patensohn der Mutter, der sich zum Dschihad bekennt. Ein flott geschriebener, herrlich überdrehter und oft umwerfend komischer Debütroman.

Noemi Schneider, "Das wissen wir schon", Roman, Hanser Berlin

"Dass wir uns haben" von Luise Maier

Eine Familiengeschichte österreichischer Ausprägung erzählt die gebürtige Oberösterreicherin Luise Maier in ihrem Debütroman. Scheinbar österreichischer Ausprägung allerdings, denn wir sind ja darauf konditioniert, innerfamiliären Terror, betende Hände, die sich zu Fäusten ballen, und den Keller als Reich der Triebabfuhr als Teil der heimischen Kulturgeschichte zu betrachten. Die Intensität dieses fragmentarischen Romans schöpft sich vor allem aus seiner Sprache: Luise Maier erzählt nüchtern und schmucklos, in eindringlichen, zwingenden Bildern - und mit viel Feingefühl für das Atmosphärische.

Luise Maier, "Dass wir uns haben", Roman, Wallstein Verlag

"Die Terranauten" von T.C. Boyle

Um das Zusammenleben mehrerer Menschen auf engem Raum und unter entbehrungsreichen Bedingungen geht es auch in T.C. Boyles jüngstem Roman. Boyle bedient sich oft realer Personen oder Ereignisse, um aus dem Besonderen, dem Einzigartigen, dem Unerhörten etwas Allgemeingültiges herauszuschälen. Nichts kann so abartig sein, als dass es uns ganz fremd wäre, denn im Menschen ist alles angelegt, das Hohe und das Niedere, das Gute und das Böse und alle Schattierungen zwischen diesen Polen. Was er daraus macht, ist ihm überlassen.

Terranauten nennen sich jene acht Männer und Frauen, die sich in einem künstlichen Ökosystem einschließen lassen. Die Nutztierwärterin Dawn Chapman ist eine von drei Stimmen in Boyles Roman: Neben ihr erzählen Ramsay Roothoorp, der Kommunikationsoffizier der Terranauten, und Linda Ryu, Dawns Freundin, die nicht für die Mission ausgewählt wurde, weil sie, wie sie vermutet, nicht blond, schlank und fotogen genug ist.

T.C. Boyle, "Die Terranauten", Roman, Übersetzung: Dirk van Gunsteren, Hanser Verlag, Originaltitel: "The Terranauts"

"Das Wasser unserer Träume" von Marica Bodrozic

Identität hat etwas mit Grenze zu tun. Niemand ist grenzenlos, jeder ahnt zumindest, dass er nur deshalb einigermaßen mit sich selbst zurechtkommt, weil er sich in Territorien bewegt, die ihm entweder vertraut sind oder sicher erscheinen. Es gibt ein Bedürfnis, den Horizont auszumachen und das Ungewisse möglichst von sich fern zu halten. Selbst jene, die Grenzen überschreiten, sichern sich ab, sofern sie nicht den Verstand verloren haben.

Marica Bodrozic, die deutsche Schriftstellerin kroatischer Herkunft, erkundet in ihrer Prosa das Überschreiten von Grenzen. Von geografischen, von sprachlichen, von kulturellen. Es geht darin um die Frage der Identität auf unsicherem Terrain, um Exil, um Flucht, um Anpassung und Abgrenzung. In ihrem neuen Roman "Das Wasser unserer Träume" geht sie noch einen Schritt weiter. Wer sind wir, wenn Körper und Geist keine Einheit mehr bilden? - lautet nun die Frage.

Marica Bodrozic, "Das Wasser unserer Träume", Roman, Luchterhand Verlag

"Gold" - Gedichte von Richard Wagner

"Wer Dichten kann ist Dichtersmann", meinte H.C. Artmann lakonisch und brachte so zum Ausdruck, dass der Dichter der Welt keine Rechenschaft schuldig ist über sein Tun. Der Dichter dichtet eben, das lässt sich auch über Richard Wagner sagen, den aus Rumänien gebürtigen deutschen Schriftsteller. So viel Selbstbestimmtheit kommt in autoritären Regimen nicht gut an.

Während Ceausescus Herrschaft wurden Richard Wagner und seine damalige Frau Herta Müller drangsaliert und überwacht. 1987 konnten sie nach Deutschland übersiedeln. Seine lange Publikationsliste umfasst Romane, Erzählungen, historische Bücher und viele Gedichtbände. Eine Auswahl seiner Lyrik ist nun unter dem Titel "Gold" erschienen.

Richard Wagner: "Gold", Gedichte, Aufbau Verlag. Im Wieser Verlag erscheint demnächst das Buch "Poetologik. Richard Wagner im Gespräch mit der Literaturwissenschaftlerin Christina Rossi"

Comic als erzählende Kunst - Zum 100. Geburtstag von Will Eisner

Der Begriff "Graphic Novel" hat sich als Gattungsbezeichnung auch im deutschsprachigen Raum durchgesetzt. Gemeint ist ein Comic im Buchformat, der erstens eine durchgängige Geschichte erzählt und zweitens in der Regel an ein erwachsenes Publikum gerichtet ist.

Der erste, der diesen Begriff auf einen Buchumschlag drucken ließ, war Will Eisner im Jahr 1978. "A Contract with God" ist der Titel seiner gezeichneten Erinnerungen an das Leben in den Einwanderervierteln der Bronx in New York. Eisner war zu diesem Zeitpunkt so etwas wie der Hemingway des amerikanischen Comics, einer, der nicht nur die Ästhetik erneuert hat, sondern eine mit Literatur und Film gleichwertige Form des Erzählens etablieren wollte. Am 6. März 1917 wurde Will Eisner als Sohn österreichischer Einwanderer in New York geboren. Seit 1988 ist der Eisner-Award die wichtigste Auszeichnung für Comicschaffende.

Die Bücher von Will Eisner sind allesamt im Buchhandel erhältlich. Zuletzt sind die Bände "Ein Vertrag mit Gott" und "Comics als erzählende Kunst" im Carlsen Verlag neu aufgelegt worden.

Gestaltung: Peter Zimmermann · zur Sendereihe

Kultur

Programm

Mo Di Mi Do Fr Sa So
1 2 3 4 5
6 7 8 9 10 11 12
13 14 15 16 17 18 19
20 21 22 23 24 25 26
27 28 29 30 31

Mehr dazu auf oe1.orf.at

Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick