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Musik

Apropos Musik

Freitag
10. März 2017
15:05

LongPlay: Count Basie - The Atomic Mr. Basie. Gestaltung: Michael Neuhauser

Das Cover der LP mit der Abbildung eines riesigen, leuchtenden Atompilz zu versehen, war schon einmal ziemlich verwegen. Dass dann noch als Untertitel vollmundig die Formel ausgegeben wurde: "E = MC² = Count Basie Orchestra + Neal Hefti Arrangements", mag für den zwei Jahre zuvor verstorbenen Albert Einstein ein Grund gewesen sein, sich im Grab umzudrehen, Jazzfreunde des Jahres 1957 aber durften ihre Erwartungen an Count Basie und sein Orchester getrost in die Höhe schrauben. Und sie wurden nicht enttäuscht.

Die Kombination von Heftis Kompositionen und Arrangements mit dem saftig-knackigen Sound des Count Basie Orchestra war tatsächlich eine hochenergetische Angelegenheit. Da machte es auch nichts, dass die Blütezeit von Swing und Big Bands längst vorüber war, denn Count Basie verstand es, den Musikern seiner Band innerhalb des homogenen Orchesterklangs auch solistische Höhenflüge zu ermöglichen, die sich mit denen anderer zeitgenössischer Jazzer messen konnten. "The Atomic Mr. Basie" ist ein atemberaubender Musiktrip ohne jeglichen Durchhänger. Und nebenbei wird bei dieser LP auch noch deutlich, wie großartig Mono-Aufnahmen klingen können.

Big Band Jazz - das war im Jahr 1957 Jahre gewissermaßen "Alte Musik". Und selbst wenn in diesem Jahr etwa auch Miles Davis und Gil Evans für das Album "Miles Ahead" ein Dutzend Musiker beschäftigten, so war das doch etwas völlig anderes als das, was Count Basie mit seinen Orchestern seit Dekaden gemacht hatte und nun immer noch machte. Und so war es, rein marketing-strategisch gesehen, vielleicht eine kluge Entscheidung, der neuesten Schallplatte des immerhin schon 53-jährigen Basie einen vollmundigen, ja fast schon anmaßenden Titel und eine ebensolche grafische Aufmachung zu geben.

Große Worte für große Musik

"The Atomic Mr. Basie" steht als Titel auf der Rückseite des Albumcovers, und mit dem Wörtchen "atomic" ist nicht mehr und nicht weniger gemeint als eine musikalische Nuklearexplosion, die man sich da erwarten darf. Grafisch untermauert wird diese Ankündigung durch einen riesigen Atompilz, der das gesamte Cover ausfüllt und dessen metaphorische Bedeutung dann noch durch einen ebenfalls wenig bescheidenen Untertitel in Form einer Formel verdeutlicht wird: "E = MC² = Count Basie Orchestra + Neal Hefti Arrangements".

Doch es war kein leeres Versprechen. Die Musik, die Basie und seine Truppe am 21. und 22. Oktober 1957 in den Capitol Studios in New York City einspielten, ist tatsächlich hochexplosiv, und der Bandleader und seine Musiker sahen alles andere als alt aus mit ihrem Big-Band-Konzept, als diese Platte im Jänner des Folgejahres auf den Markt kam.

Das Alte und das Neue Testament

Schon in den 30er Jahren hatte Count Basies Orchester die Benchmark für Big Band Jazz gesetzt, damals vor allem bestehend aus ehemaligen Musikern der Band von Bennie Moten, wo Count Basie zu Beginn seiner Karriere als Arrangeur und Pianist engagiert gewesen war. Diese Band ist als "Old Testament" in die Geschichte eingegangen. Nach dem Krieg brillierte Basie dann mit dem "New Testament", einer Band, die wesentlichen Anteil an seinem Comeback hatte und für "The Atomic Mr. Basie" bei der ersten Grammy-Verleihung der Geschichte im Jahr 1959 gleich zwei Auszeichnungen einheimste: eine in der Kategorie "Best Jazz Performance by a Group" und eine in der Kategorie "Best Performance by a Dance Band".

Kompakter Ensembleklang und solistische Höhenflüge

Zurecht, denn die 16 Musiker zeichnen sich durch eine enorme Kompaktheit, Homogenität und Präzision im Ensembleklang aus, treten aber gleichzeitig immer wieder als herausragende Solisten in Erscheinung, etwa Eddie "Lockjaw" Davis am Tenorsaxophon, Frank Wess am Altsaxophon oder die Trompeter Thad Jones und Joe Newman, um nur einige zu nennen. Diese solistischen Höhenflüge können sich mit anderen Soli im zeitgenössischen Jazz der späten 50er Jahre allemal messen.

Meister der musikalischen Ökonomie

Count Basie selbst begnügt sich am Klavier oft mit funkelnden Einsprengseln und braucht meist nur eine Handvoll Noten, um den sich kraftvoll auftürmenden Klangwellen aus seiner Band feine Schaumkrönchen aufzusetzen. Und wenn er selbst soliert, dann erweist er sich einmal mehr als Meister der ungespielten Noten und der musikalischen Ökonomie.

Neal Hefti

Ökonomisch aufgebaut sind auch die Stücke selbst. Da sitzt jede noch so kleine Note perfekt, nichts kann weggelassen, nichts braucht hinzugefügt werden. Und das ist Neal Hefti zu verdanken, der die elf Songs nicht nur komponiert, sondern auch arrangiert hat. Der Trompeter Hefti, der übrigens eine Dekade später die Titelmusik der TV-Serie "Batman" schrieb, wusste, worauf es bei einer Big Band ankommt. Die fast alle auf Blues basierenden Kompositionen sind weder harmonische Labyrinthe, noch melodische Kaskaden, sondern luzide und einfach aufgebaute Songs, in denen die Band ihre dynamische Bandbreite und ihren Klangfarbenreichtum voll ausspielen kann.

Ob in den romantischen Balladen oder in den rasanten Up-Tempo-Stücken - immer weiß man beim Hören genau, wo es in der Komposition lang geht, und kann sich so in den faszinierenden, feinen Details verlieren, was einen leicht dazu verführen kann, nach einer Dreiviertelstunde Musikgenuss ohne jeglichen Durchhänger die Platte gleich noch einmal von vorn zu spielen.

Gestaltung: Michael Neuhauser · zur Sendereihe

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