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Musik

Aus dem Konzertsaal

Freitag
10. März 2017
19:30

Eröffnungskonzert: "Zum Raum wird hier die Zeit".
Aufgenommen am 11. Jänner in der Elbphilharmonie Hamburg. Präsentation: Irene Suchy

NDR Elbphilharmonie Orchester, Dirigent: Thomas Hengelbrock; NDR Chor; Chor des Bayerischen Rundfunks; Ensemble Praetorius; Kalev Kuljus, Oboe; Margret Köll, Harfe; Thomas Bloch, Ondes Martenot; Xie Ya-ou, Klavier; Iveta Apkalna, Orgel; Hanna-Elisabeth Müller, Sopran; Wiebke Lehmkuhl, Alt; Philippe Jaroussky, Countertenor; Pavol Breslik, Tenor; Sir Bryn Terfel, Bassbariton

Programm

Benjamin Britten: Pan aus: "Sechs Metamorphosen nach Ovid" op. 49
Henri Dutilleux: Appels, Echos und Prismes aus: "Mystère de l'Instant"
Emilio de' Cavaliere: "Dalle piu alte sfere" aus: "La Pellegrina"
Bernd Alois Zimmermann: Photoptosis, Prélude für großes Orchester
Jacob Praetorius: "Quam pulchra es", Motette für 5 Stimmen und Basso continuo
Rolf Liebermann: Furioso
Giulio Caccini: "Amarilli, mia bella" aus: Le nuove musiche
Olivier Messiaen: Finale aus der Turangalîla-Symphonie für Klavier, Ondes Martenot und Orchester
Richard Wagner: Vorspiel zu "Parsifal"
Wolfgang Rihm: "Reminiszenz", Triptychon und Spruch in memoriam Hans Henny Jahnn (Uraufführung; Auftragswerk des NDR)
Ludwig van Beethoven: Finale aus der Symphonie Nr. 9 d-Moll op. 125

Die Elbphilharmonie ist Geschichte geworden

11. Jänner 2117: Deutschland ist ein Bundesstaat im Europäischen Staatenbund geworden, nach Voltaires Vorbild ist eine Europäische Republik als Gemeinschaft der Humanität entstanden. Die Musik war als profilbildend für das neue Staatsgebilde erkannt worden: politisch eine Haltung und Botschaft überbringend, integrativ, vielsprachig und visionär. Europa hat erkannt, wie zentral seine Konzerthäuser für seine politische Kultur geworden sind, und hält seine Versammlungen an den Orten der Musik ab. Denn: Die Pariser Philharmonie, ein UFO für 2.400 Menschen, erdacht von Jean Nouvel, ließ Utopien zu; das Muziekgebouw in Amsterdam wurde als Haus für neue Musik und neue Formationen auch ein Ort der neuen Ideen; der wandelbare Konzertsaal in der Barenboim-Said Akademie in Berlin ließ auch den Wandel der Ansichten zu.

Die Elbphilharmonie, aus der Idee der Wiener Kunsthistorikerin Jana Marko 2001 geboren, nun, vereint Kaufmannschaft und Künstlertum, Bürgerbeteiligung und Mäzenatentum. Die Verantwortung für die Musik der Gegenwart zeigte sich in der Übernahme der Kosten für die Errichtung der Orgel oder für das Auftragswerk Wolfgang Rihms durch Mäzene; das kaufmännische Talent der Bürgerschaft konnte mit exquisiten Wohnungen und Hotelbetten Gelder lukrieren. (Schon bei der Eröffnung mokierten sich Kritiker über die unverschämt hohen Preise im Restaurant und bei den Buffets in den Foyers.)

100. Jahrestag der Eröffnung

An der Einfahrt des Hafens dieses selbstbewussten weitläufigen Stadtstaates gelegen, einer Wolke gleich, thront das 110 Meter hohe Gebilde aus Glas auf der trapezförmigen Fläche des ehemaligen Kaiserspeichers, einem Statement gleich für Kommerz und Kultur, für Glanz und Bilanz. Betritt man das Haus nicht über die Tube, die Rolltreppe, im Bauch des Speichers, kommt man durch Parkhäuser, dem Automobil ist ganz profan viel Platz eingeräumt worden, aber die lästigen Fragen der Kritiker, warum denn die U-Bahn-Station so weit weg sei, sind längst verklungen.

Im 98. Bestandsjahr der "Elphi" wurde eine Generalrenovierung notwendig, zur Wiedereröffnung am 100. Jahrestag der Eröffnung der Elbphilharmonie hielt die europäische Präsidentin eine Rede, das Bild, das das Publikum gab, war bewegend und bunt: Die afrikanischen, arabischen, die indischen und japanischen Bewohner/innen Hamburgs kamen in Sari und Kimono, trugen Turban und Tücher auf dem Kopf. Der Chor aus den Aller-Welts-Deutschen sang in mehreren Sprachen Beethovens "Neunte", wie schon 2017 die "Neunte" bei der Eröffnung erklungen war. Mittlerweile war es schon die vierte oder fünfte Generation, nachkommend jenen ersten Choristen und Choristinnen, die den ersten, von Elphi-Intendant Christoph Lieben-Seutter begründeten Chor bildeten.

Kammblasende Putzfrauen

In den 100 Jahren ihres Bestehens wurden die Werkstatt- und Probenräume mehrfach ausgebaut; die Amateurszene von Hamburg hatte begeistert die Vermittlungs- und Mitmachangebote angenommen. Anfangs hatte der Wahlspruch geheißen: Jedes Kind sollte einmal in seiner Schulzeit die Elbphilharmonie erlebt haben, nicht nur besucht. Aber wer einmal da war, wollte gleich wieder kommen.

Der Kaufmannsgeist war erfolgreich. Die beste Werbung ist das Geschenk, die Konzertkarten der Eröffnungsserie waren alle durch das Los vergeben worden, danach stürmten die Leute die Kassen, Intendant Christoph Lieben-Seutter hatte sogar behauptet, er könne derzeit sogar mit kammblasenden Putzfrauen die Elbphilharmonie füllen. Na ja.

Waren es anno 2017 große Werke des 20. Jahrhunderts gewesen, von Olivier Messiaen und Bernd Alois Zimmermann, von Benjamin Britten und Henri Dutilleux, von Rolf Liebermann und Richard Wagner, so hat man nun, 2117, ebenfalls einen Komponisten aus Hamburg, aber sonst Komponierende aus aller Welt im Programm versammelt. Wie anno 2017 hat man die Werke zu einem nahtlosen mehrstündigen Ereignis gefügt, nur durch eine Pause mit exquisitem Buffet getrennt. Seinerzeit, 2017, saßen die deutsche Bundeskanzlerin und der Bundespräsident und der Hamburger Bürgermeister in der ersten Reihe, jetzt waren es die führenden Europapolitiker.

Im Grundstein versteckt

Die Renovierung war sorgsam gewesen: Man hatte die Flecken von Rotwein und Regen nicht abgeschmirgelt von den hellen Holzstiegen, denn so wie sich der Klang in das Haus hineingespielt hatte, so war der "Schmutz der Wirklichkeit" ins Haus gedrungen, wie die Worte des Pazifisten Hans Henny Jahnn, die Wolfgang Rihm für sein Werk "Reminiszenz" 2017 gewählt hatte. Sorgsam war an der Akustik des großen Saals nachgefeilt worden, der in Weinberg-Bauweise eine besondere Herausforderung war: gerade durch das wunderbare Geschenk ans Publikum, dass kein Platz weiter als 30 Meter vom Podium entfernt ist.

In den nun wiederentdeckten Grundstein hatten die Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron einen Zettel geschmuggelt, darauf stand: 100 Jahre später wird kein Mensch mehr von der jahrelangen Bauverzögerung, der vielfachen Kostenüberschreitung und dem zeitweiligen Baustopp reden.

Gestaltung: Irene Suchy · zur Sendereihe

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