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Zwischenruf

Sonntag
12. März 2017
06:55

von Diakoniedirektor Mag. Michael Chalupka (Wien)

Sicherheit und Gerechtigkeit

In Sicherheit wird investiert. Überall Kontrollen, mehr Polizei, mehr Geld für das Heer. Sicherheit wird versprochen. Doch die Unsicherheit steigt, oder zumindest die gefühlte Unsicherheit. Da helfen noch so viele Statistiken, die belegen, dass die Kriminalitätsrate gesunken ist und die Anzahl der Terroropfer in den 80er und 90er Jahren in Europa weit höher war als heute, wenig. Denn es geht um ein Gefühl der Unsicherheit und Gefühle sind oft faktenresistent.

Und wenn ich medial bei jeder islamistischen oder rechtsextremen Terrorattacke live dabei bin, wenn es jeden treffen kann, wenn ich täglich sehe, in welcher grenzenlosen Unsicherheit Menschen vor den Grenzen Europas leben, dann verdichtet sich dieses Gefühl.

Der Ruf nach noch mehr, nach perfekter Sicherheit als Antwort auf das Gefühl der Unsicherheit ist jedoch zum Scheitern verurteilt. Das Verlangen nach perfekter Sicherheit vergrößert das Gefühl der Unsicherheit. Absolute Sicherheit gibt es nicht.

Doch das Bedürfnis nach Sicherheit, das diffuse Gefühl der Unsicherheit, kann nicht wegdiskutiert und auch nicht wegadministriert werden. Es will ernstgenommen werden.
Auch in der Bibel findet sich vielfach der Wunsch, sicher zu leben, sich und die seinen in Sicherheit zu wissen. Am schönsten ist dieser Wunsch beim Propheten Micha beschrieben, wo es heißt: "Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken." Zum anderen aber sieht der Apostel Paulus in seinem Brief an die Thessalonicher die Welt in der Krise, wenn "Friede und Sicherheit" zur Parole, zum Slogan werden.

Die Bibel spricht von zwei Arten der Sicherheit, zum einen von der perfekten Sicherheit, die proklamiert und von Menschen versprochen wird und zum anderen von der Sicherheit, die gelebt wird. Beim Propheten Jesaja wird diese gelebte Weise der Sicherheit beschrieben: "Das Werk der Gerechtigkeit wird Friede sein und die Arbeit an der Gerechtigkeit ruhige Sicherheit auf Dauer."

Ob Sicherheit nur ausgerufen wird, zum politischen Slogan verkommt, der das Unsicherheitsgefühl noch steigert, oder zum lebendigen Teil des Lebens wird, entscheidet sich an der Gerechtigkeit. Der Zusammenhang zwischen Sicherheit und einer Gesellschaft, die den sozialen Ausgleich sucht ist evident. Wer krank ist fühlt sich sicherer, wenn ihm eine solidarische Krankenversicherung die Behandlung ermöglicht und wir sind froh, wenn die Vermögenden in Österreich nicht hinter bewachten Mauern leben müssen.

Doch wie wir auch wissen: Gerechtigkeit gibt es nicht in der reinen Form. Das Wort Gerechtigkeit kann wie das Wort Sicherheit zur politischen Parole verkommen, zur deklamatorischen Forderung, die man sich auf seine Fahnen heftet.

Der biblische Begriff der Gerechtigkeit, wie auch der Begriff der Sicherheit, sie sind kein Zustand, kein hehres Versprechen, das einfach herstellbar ist, sondern sie sind das Ziel und der Weg, die Richtlinie und die Praxis unseres Zusammenlebens. Sie sind auch, wenn man so will, Utopie. Und "mit dieser Utopie" ist (wie mit mancher anderen in der Bibel), wie der deutsche Theologe Jürgen Ebach sagt, " in der Tat kein Staat zu machen."

In der Tat sollten wir Sicherheit und Gerechtigkeit auch nicht allein dem Staat überlassen. Polizei und Militär, Kontrolle und Überwachung haben ihre Berechtigung. Doch Sicherheit und Gerechtigkeit werden täglich an ganz anderen Orten gelebt.

Dort wo Kranke gepflegt werden, dort wo Jugendliche im Park ihren Alltag zur Sprache bringen können, dort wo Frauen und Männer in mühsamer Repetition mit Flüchtlingen Deutsch lernen, dort wo Menschen ihr Geld teilen, weil sie darum wissen, wie ungerecht es verteilt ist auf dieser Welt, dort wo Alte die Weisheit des Alters weitergeben und von ihren Enkeln gehört werden, dort wo Begegnung stattfindet zwischen Fremden und Einheimischen, weil man dann einander kennt, besser als einen jede Datenbank je kennen kann, überall dort wird Gerechtigkeit und Sicherheit eingeübt, täglich an vielen Orten.

Sicherheit und Gerechtigkeit wollen nicht proklamiert werden, sie wollen gelebt werden. Denn "das Werk der Gerechtigkeit wird Friede sein und die Arbeit an der Gerechtigkeit ruhige Sicherheit auf Dauer."

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