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Religion

Zwischenruf

Sonntag
19. März 2017
06:55

von Gisela Ebmer (Wien)

"Hasspostings"

"Fort mit dir Satan, hinter mich! Du bist mir ärgerlich!" "Weh euch ihr Schriftgelehrten und Pharisäer! Ihr Heuchler, ihr verschließt den Menschen das Himmelreich!" " Weh euch ihr Reichen, denn ihr habt euren Trost dahin!" "Ich weiß, dass eure Vergehen zahlreich und eure Sünden gewaltig sind, die ihr den Gerechten bedrängt, Bestechung annehmt und die Armen wegstoßt." "Ja, mutwillig tut ihr Unrecht im Lande." "Gott, zerbrich ihre Zähne im Maul, zerstoße Herr, das Gebiss der jungen Löwen."

All das sind Zitate aus der Bibel. Hassreden hat es immer schon gegeben. Vor 3000 Jahren in den Psalmen und bei den Propheten des Alten Testaments, vor 2000 Jahren zur Zeit Jesu.

Eine österreichische Politikerin hat heuer schon 40 Verfahren gegen Hasspostings zu ihrer Person gewonnen. 11.000 Euro an Entschädigung sind nun karitativen Organisationen zu Gute gekommen.

Was soll ich tun, wenn ich wütend bin? Wenn Aggressionen mich innerlich auffressen? Wenn ich verzweifelt bin und nicht mehr klar denken kann vor lauter Enttäuschung und Ausweglosigkeit? Gefühle müssen raus, sonst geh ich daran zu Grunde. Aber warum sind die Hassreden damals sogar in DIE Heilige Schrift aufgenommen worden, wo hingegen die Hasspostings heute einen Straftatbestand darstellen?

Damals wie heute stehen die Reden schriftlich zur Verfügung und werden von vielen Leuten gelesen oder gehört. Vor 3000 Jahren zwar nur auf Tontafeln oder Leder aufgeschrieben, und doch oft vorgelesen und unzählige Male durch Abschreiben vervielfältigt. Heute elektronisch für eine viel größere Menge an Menschen verfügbar. Damals wie heute steht eine große Wut von jenen Menschen dahinter, die sich ohnmächtig fühlen, betrogen, ausgebeutet durch ein System, wo sie die Verliererinnen sind.

Ähnlich sind auch die biblischen Beschreibungen, wie Wut sich körperlich auswirkt: "Ich fühlte meine Nieren scharf gestochen, meine Zunge klebt am Gaumen, mich dürstet nach Gerechtigkeit, wie Wachs ist mein Herz, zerflossen in meiner Brust, meine Gebeine fallen auseinander, trocken wie eine Scherbe ist meine Kehle." Voll von körperlichen Wirkungen in Folge von Bedrohung und Verfolgung sind die biblischen Psalmen. Heute wissen wir von psychosomatischen Erkrankungen, die ganz ähnlich sind wie in der Bibel beschrieben.

Und doch ist einiges anders: Wenn Jesus zu Petrus gesagt hat: "Hinweg mit dir Satan", dann hat er nicht seinen engsten Freund Petrus als Satan bezeichnet. Jesus hat immer unterschieden zwischen Person und Tat eines Menschen. Als Petrus ihn gewarnt hat und ihn gebeten hat, nicht nach Jerusalem zu gehen, weil es dort wahrscheinlich zu gefährlich wird, da hat Jesus diese ängstlichen Gedanken seines besten Freundes als Satan bezeichnet. Satan ist der, der den Weg Gottes verhindern will. Jesus wollte ganz bewusst nach Jerusalem gehen, weil ihm seine Botschaft wichtig war. Ein Rückzug wäre kontraproduktiv gewesen. "Hinweg mit dir Angst", hat er gemeint, so wie wir heute sagen könnten: Hinweg mit dir Rassismus, hinweg mit dir Ausbeutung, hinweg mit dir Ungerechtigkeit.

Alle Hassreden in der Bibel nennen ganz konkrete Gründe für die Gefühle, die da zum Ausdruck kommen. Sie verurteilen nicht den Menschen an sich, sondern die ungerechten Taten, die konkretes Leid verursachen. Wenn heute einem Politiker gedroht wird mit dem Umbringen ohne in eine inhaltliche Diskussion einzusteigen, dann ist das Posten solcher Meldungen gefährlich. Es schürt den Hass, fördert gesellschaftliche Gewalt und macht unser Zusammenleben unsicher.

Gefühle müssen ein Ventil haben, damit sie nicht krank machen. Wenn ich mal so richtig wütend bin auf jemanden, dann setze ich mich aufs Fahrrad und trete mal ordentlich rein. Dann lass ich einen lauten Schrei los, wenn ich allein daheim bin. Dann nehme ich mein Saxophon zur Hand und spiele eine Stunde lang. Und wenn dann der körperliche Wut-Impuls draußen ist, dann setze ich mich hin und denke nach. Dann rede ich mit anderen über meine Argumente und schreib vielleicht einen gut durchdachten Leserbrief.

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