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Kultur

Du holde Kunst

Sonntag
19. März 2017
08:15

"Im Theater ist schlichtweg alles möglich" - Peter Matic zum 80. Geburtstag. Peter Matic liest Karel Capek. Aus dem Tschechischen von Otto Pick und Vincy Schwarz. Gestaltung: Edith Vukan und Renate Burtscher.

Peter Matic, Burgschauspieler und einer der profiliertesten Sprecher im deutschsprachigen Raum, feiert am 24. März seinen 80. Geburtstag. Wir gratulieren und wiederholen die Sendung "Im Theater ist schlichtweg alles möglich", eine heitere Liebeserklärung von Karel Capek an jene Institution, der sich Peter Matic seit Jahrzehnten verschreibt.

22 Jahre spielte Peter Matic an deutschen Bühnen, vor allem am Berliner Schillertheater, bevor er 1994 in seine Heimatstadt Wien zurückkehrte. Seitdem gehört er dem Burgtheater-Ensemble an. Regelmäßig zu Gast ist er auch bei den Salzburger Festspielen und in Reichenau. Viel Anerkennung erhielt der musikalische Schauspieler für seinen Haushofmeister in der Hofmannsthal/Strauss-Oper "Ariadne auf Naxos", den er in gleich zwei Salzburger Inszenierungen verkörperte. Matic markante Stimme erklingt in zahllosen Rundfunk- und Hörbuchproduktionen. 2001 erhielt Matic den Albin-Skoda-Ring als "bester Sprecher unter den deutschsprachigen Schauspielern", 2014 für seine Darstellungen in Karl Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit" den Nestroy-Preis. Filmfreunde kennen seine Synchronstimme des Briten Ben Kingsley ("Gandhi").

Karel Čapek
Die Anfänge

Seinen ersten keimenden, tapsenden Anfang erlebt das Theaterstück freilich außerhalb des Theaters, auf dem Schreibtisch des ambitionierten Autors. Ins Theater kommt es erst dann, wenn es der Autor für fertig hält. Bald darauf – in einem halben Jahr oder so – erweist sich jedoch, dass es mitnichten fertig ist. Im günstigsten Fall wandert es dann zum Autor zurück mit der Aufforderung, er möge es doch bitte kürzen und außerdem den letzten Akt umschreiben. Aus irgendwelchen geheimnisvollen Gründen ist es immer der letzte Akt, der umgeschrieben werden muss, genau wie es immer der letzte Akt ist, der auf der Bühne garantiert misslingt und in dem die Kritik ausnahmsweise einhellig die Schwäche des Stücks erkennt. Es ist verwunderlich, dass Theaterautoren trotz dieser unumgänglichen Erfahrung bei ihren Stücken jeweils auf einem letzten Akt bestehen. Es sollten einfach gar keine letzten Akte geschrieben werden. Oder aber man schneidet den letzten Akt grundsätzlich weg. Oder man führt das Stück andersrum auf, beginnt mit dem letzten Akt und setzt den ersten, der immer als der beste gilt, an den Schluss. Kurz und gut, es muss etwas passieren, um die Bühnenautoren ein für alle Mal vom Fluch des letzten Aktes zu befreien... Wenn nun also der letzte Akt zwei- oder dreimal eingestrichen und umgearbeitet und das Stück einmal angenommen worden ist, beginnt die Wartezeit.

Die Regie

Der Regisseur, der mit der Regie des Stücks betraut worden ist, geht von der vernünftigen Annahme aus, dass man dem Stück sozusagen erst einmal auf die Beine helfen muss, das heißt, man muss es natürlich ganz anders aufziehen, als der Autor es sich zusammengereimt hat.
...

Um hier schon mal Einblick in die tieferen Geheimnisse der dramatischen Kunst zu geben: Ein schöpferischer Autor ist jemand, der sich nicht durch die Bühne festlegen lässt, und ein schöpferischer Regisseur ist jemand, der sich nicht vom Text festnageln lässt. Was den schöpferischen Schauspieler angeht, so bleibt dem armen Teufel keine andere Wahl, als sich entweder an sich selbst zu halten, was natürlich eine "völlig falsche Auffassung von Regie" wäre, oder an den Regisseur, was wiederum eine völlig falsche Auffassung von der Rolle des Schauspielers wäre.

Tritt durch besondere Umstände der außergewöhnliche Fall ein, dass bei der Premiere niemand im Dialog stecken bleibt, dass keine schlecht angeschraubte Kulisse umfällt, kein Scheinwerfer durchbrennt und auch sonst kein Unglück passiert, dann wird dem Regisseur von der Kritik lobend "eine sorgfältige Regie" bescheinigt. Was reinster Zufall ist. Bevor wir allerdings zur Premiere schreiten, müssen wir noch das Martyrium der Proben durchstehen.

Der Schauspieler

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, sei hier gesagt: Das Schauspielgewerbe ist härter als das Kriege führen; und falls jemand von Ihnen Schauspieler werden will, so rate ich – anstelle von Vater und Mutter – mit gefalteten Händen und erhobener Stimme dringend davon ab. Wer es sich dennoch felsenfest in den Kopf gesetzt hat, der prüfe zuvor seine Widerstandskraft und Geduld, er probiere aus, wie man unter der Perücke und der Schminke schwitzt, und überlege sich, ob er es aushält, nackt im Frost zu gehen oder in wattierte Kleidung gepackt ein Dampfbad zu nehmen, ob er fähig ist, acht Stunden am Stück zu stehen, zu laufen, zu schreien, zu flüstern, seine Mahlzeiten aus Papiertüten einzunehmen, Mastix mit Wanzenduft unter der Nase zu haben, von Scheinwerfern gesotten und von der Windmaschine aus der Versenkung angefaucht zu werden, etwa so viel Tageslicht zu erhaschen wie ein Bergmann, sich auf Schritt und Tritt schmutzig zu machen, Pech beim Kartenspielen zu haben, eine ganze halbe Stunde lang nicht niesen zu dürfen, ein von zwanzig Vorgängern durchschwitztes Trikot zu tragen, sechsmal die Kleider von der verbrühten und regelrecht dampfenden Blöße abzustreifen, mit Knochenhautentzündung, Angina und vielleicht sogar Beulenpest zu spielen und noch viele andere Qualen auszuhalten, die ein Schauspieler, der spielt, ertragen muss; während ein Schauspieler, der nicht spielen darf, noch hundertmal schlimmere Martern zu durchleben hat.

Die Generalprobe

Die Generalsprobe ist theoretisch die Probe, bei der alles "wie am Abend" sein soll, mit Bühnenbild, Beleuchtung, Kostümen, Schminke, Geräuschen, Requisiten und Komparsen, in der Praxis ist es eine Probe, bei der nichts von alldem tatsächlich zur Stelle ist, bei der sich in der Regel erst die Hälfte der Dekorationen auf der Bühne befindet, während die andere Hälfte noch trocknet, gerade gerahmt wird oder sonst wie "unterwegs" ist; wo zwar die Hosen fertig genäht sind, aber nicht die Röcke; wo sich zeigt, dass im ganzen Theater keine geeignete Perücke aufzutreiben ist; wo offenbar wird, dass gerade die Hauptrequisiten fehlen; wo die Statisten nicht kommen können, weil der eine als Zeuge bei Gericht aussagt, der andere auf irgendeiner Behörde weilt und die restlichen im Krankenhaus oder sonst wo sind; wo der bestellte Flötist erst um drei Uhr kommen kann, weil er im Privatleben Kirchenvorstand irgendeines Pfarramtes ist. Die Generalprobe ist, kurz und bündig, ein Generalüberblick über all das, was im letzten Moment noch fehlt.

Das Bühnenvolk

Das Bühnenvolk ist bekanntlich abergläubisch; so darf man zum Beispiel niemals einer Schauspielerin vor der Premiere "viel Glück" wünschen, sondern „Hals- und Beinbruch“, wobei die Betreffende anzuspucken ist. Ähnlich wird berichtet, dass es bei der Generalprobe Krawall geben muss, damit die Premiere glatt verläuft. Vielleicht ist da was dran; das Gegenteil lässt sich zumindest nicht beweisen, denn bis zum heutigen Tage hat es noch nie eine Generalprobe ohne Krawall gegeben.
Das Ausmaß des Krawalls hängt mit der Autorität des Regisseurs zusammen; am heftigsten ist er, wenn der Chef persönlich Regie führt. Ist der Regisseur zu schwach, dann sorgen andere für den nötigen Krach: der Ausstattungsleiter, der Inspizient, der Bühnenmeister, der Beleuchter, der Maschinenmeister, der Dekorateur, der Requisiteur, der Souffleur, der Gewandmeister, der Garderobier, der Mann auf dem Schnürboden, der Maskenbildner, der Bühnenarbeiter oder eine andere technische Kraft. Einzige Regel dabei ist: Es dürfen weder Schuss- noch Stichwaffen benutzt werden. Alle anderen Arten des Angriffs oder der Verteidigung sind mehr oder weniger erlaubt, insbesondere Schreien, Brüllen, Heulen, Weinen, sofortige Kündigung, Beleidigung, Beschwerden bei der Direktion, rhetorische Scheinfragen und andere Grausamkeiten. Damit will ich keineswegs behaupten, dass das Theatermilieu besonders wild, blutrünstig oder gewalttätig sei; es ist nur sozusagen etwas verrückt.

Der Souffleur

Irrig ist die Annahme, der Souffleur sage den Schauspielern nur ganz mechanisch den Text vor. So verhält es sich keineswegs.
Ein großer und begnadeter Souffleur lebt förmlich mit dem Schauspieler mit; beherrscht der Schauspieler den Text wie am Schnürchen, dann klönt ihm der Souffleur nicht dazwischen; meist weiß er schon zwei Sekunden vorher, wann der Schauspieler einen "Hänger" haben wird. Der Schauspieler reagiert bloß dann gereizt, wenn der Souffleur unnötigerweise in seinen Redefluss einbricht, und erst recht, wenn er ihm in einer Sekunde der Unsicherheit um ein paar Worte voraus ist; es handelt sich da um einen geheimnisvollen Kontakt, weshalb der Beruf des Souffleurs eine Art göttlicher Mission ist. Ein guter Souffleur wird deshalb verhätschelt wie kaum jemand sonst. Der Souffleur hat ein persönliches Verhältnis zum Stück. Es gibt Stücke, die er gern souffliert, und andere, die er ungern souffliert; er langweilt sich bei einem langweiligen Stück und amüsiert sich, wenn es lustig zugeht.
Wenn Autoren bei der Besetzung mitreden, vergessen sie immer den Souffleur; was davon zeugt, wie wenig sie von der Bühne verstehen.

Das Besondere am Theater

Das Besondere am Theater ist: dass die Dinge in der Regel immer anders ausfallen, als man sie sich am Anfang vorgestellt hat. Wenn zum Beispiel die Dekorationen auf die Bühne kommen, ist in der Regel der Bühnenbildner verwundert, dass die einzelnen Stücke höher, breiter, kürzer oder kleiner, immer aber anders sind, als er sie sich gedacht hatte, und auch der Regisseur ist erstaunt, dass das Bühnenbild ganz anders aussieht, als er es sich bei der Auftragsvergabe vorgestellt hat. Es bleibt nichts anderes übrig, als sich damit abzufinden, und so ist es höchst sonderbar, dass, je schlimmer das Bühnenbild ausfällt, Kritik und Publikum umso einhelliger der Meinung sind, dass es gerade diesmal besonders gut geraten und gelungen sei.
Der Bühnenbildner macht also die Entwürfe für die Bühneneinrichtung und bringt sie dem Regisseur, worauf beide darüber mit dem Bühneninspektor beraten. Der Inspektor ringt verzweifelt die Hände und erklärt kategorisch, das sei absolut unmöglich, weil die Tischlerei und die Malerwerkstatt überhaupt keine Zeit hätten und hierfür reinste Wunder vollbringen müssten. Schließlich lässt er sich erweichen, und in der Tischlerei und im Malsaal beginnt man, Wunder zu vollbringen, obwohl man dafür eigentlich überhaupt keine Zeit hat. Latte wird an Latte gefügt, und schon entstehen die Umrisse von Wäldern und Felsen. In der Malerwerkstatt entwickelt sich ein penetranter Leimgeruch, und verdiente Männer, seit über dreißig Jahren am Theater, machen sich ans Malen. "Wieder so was Kubistisches", brummelt so ein alter Hase, "wenn Raffael uns so sehen könnte!"

Die Premiere

Die Premiere ist jener fatale Augenblick, in dem das Theaterstück zum Ereignis wird. Noch bis zur letzten Probe konnte an der Sache etwas geändert oder gerettet werden, es war noch immer ein Werk in Arbeit, eine in Entstehung begriffene Welt, ein aus dem Chaos geborener Stern. Die Premiere ist der verzweifelte Entschluss, die Sache endlich sich selbst zu überlassen, geschehe, was da wolle. Es ist jener Augenblick, da der Autor und der Regisseur die Sache endgültig in andere Hände legen, ohne selbst noch einmal helfend eingreifen zu können. Jetzt ist nichts mehr zu machen. Das ist der Anfang vom Ende.

Gestaltung: Edith Vukan, Renate Burtscher · zur Sendereihe

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