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Gedanken für den Tag

Dienstag
21. März 2017
06:56

von Oliver Tanzer, stellvertretender Chefredakteur der Wochenzeitung "Die Furche". "Vom Garten und seinen Mehrwerten". Gestaltung: Alexandra Mantler

Der Garten der Lüste - Schlaraffia

Wenn der Mensch an sein letztes Ende denkt, dann landet er gewöhnlich in ganz schrecklichen Gefilden. Armageddon, das Jüngste Gericht, die apokalyptischen Reiter, Höllenbrand und Teufelsqualen. Die Menschen der Barockzeit hatten da noch eine andere Fantasie - sie erfanden sich ein fantastisches Gegengewicht zum Inferno: Das Schlaraffenland. Man muss sich Schlaraffia als einen Garten vorstellen, in dem jede Not aufgehoben ist und auch alles Streben. Wir fläzen auf einer proper gemähten Wiese und lassen uns die gebratenen Hühner in den Hals fliegen. Schlaraffia ist eine schöne Vision, und sie könnte von einem Ökonomen erdacht worden sein, denn es zeichnet eine paradiesische Wirtschaft. In Schlaraffia wird jeder Wunsch in der Sekunde erfüllt, Nachfrage ist gleich Angebot. Das ist das lang gesuchte Markt-Gleichgewicht. Alles dient, die ganze Schöpfung, Pflanzen und Tiere. Die Natur liefert sich uns in einem selbstverarbeiteten Zustand aus. Die Vögel braten sich ja fliegend von selbst, der Wein keltert sich von alleine. Arbeit? Fehlanzeige.

Wir mögen uns nun über die Fantasien erheitern, aber tatsächlich gibt es auch Gärten der Ökonomen. Viele davon kennen Sie vielleicht als beinharte Realisten, Mathematiker und Ideologen. Aber noch einem jeden von ihnen ist sozusagen ein Traum ausgekommen.

Adam Smith wollte die Hauptstadt Englands in die Kolonien verlegen, umgeben vom neuen gelobten Land Amerika. Karl Marx hat in seinem Bilderbuch der Revolution eine Gesellschaft erträumt, in der Männer, die etwas auf sich halten, nicht arbeiten, sondern fischen gehen. Und John Maynard Keynes hat die Produktivität in seiner Fantasie soweit gesteigert, dass nur noch ein Viertel der Menschen arbeiten muss, der Rest kann in der Hängematte über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens nachdenken, etwa über die Moral oder Gott, oder die Pflanzenzucht. Nicht aber über die Ökonomie. Denn der Beruf des Ökonomen, so Keynes hätte sich eigentlich mit dem Erreichen des Glücks von selbst erledigt.

Das ist eine schöne Selbstaufhebung, in dem Zustand braucht es keine Arbeit mehr und keine Lohnverhandlungen und keine Geschichten über Gärten und Ökonomie um sieben Uhr früh. Und auch die Wirtschaftskammer könnte endlich ihre Pforten schließen. Weil das aber nicht so ist und nicht so sein will, eine frivole Fantasie zuhöchst, so können wir noch einmal zum Ausgangspunkt zurückkehren, nämlich dass der Mensch nach dem Tod die Hölle sieht. Nur manche sehr gescheiten Theologen meinen, die Hölle sei nicht nach dem Tod zu erwarten sondern herrsche bereits im Hier und Jetzt. In diesem Garten der Ökonomie.

Gestaltung: Alexandra Mantler · zur Sendereihe

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