Lothar Knessl ist 80

Er war Bundes-Musik-Kurator und Pressechef der Bundestheater und MICA-Gründungsmitglied: der Journalist Lothar Knessl. Knessl ergreift seit fast einem halben Jahrhundert für die Notwendigkeit Neuer Musik Partei.

Als "Motor der zeitgenössischen österreichischen Musik" würdigte der Wiener Konzerthaus-Dramaturg Christoph Becher einmal den ehemaligen Bundes-Musik-Kurator Lothar Knessl. "Ohne seine verbindende Kraft wäre die zeitgenössische Musik Österreichs ein wertloses, ja zerrissenes Sieb".

In zahlreichen Funktionen und mit vielfältigen Aktivitäten, auch als Komponist, hat Lothar Knessl sich den Ruf eines Vorkämpfers und Protagonisten der Neuen Musik erworben. Am Sonntag, dem 15. April, feiert er seinen 80. Geburtstag.

Kompositionsstudium bei Krenek und Schiske

Knessl, geboren am 15. April 1927 in Brünn, studierte zunächst in seiner Heimatstadt Klavier. Es folgten Studien der Musik- und Theaterwissenschaft sowie der Komposition bei Ernst Krenek und Karl Schiske. Danach arbeitete Knessl unter anderem als Lektor, Korrektor und Kulturredakteur. Ab 1971 leitete er das Pressebüro der österreichischen Bundestheater und war ab 1986 bis zu seiner Pension 1991 Pressereferent der Wiener Staatsoper.

Zusätzlich gestaltete Knessl ab 1968 die Ö1-Sendereihe "Studio Neuer Musik", den Vorläufer des heutigen "Zeit-Ton", und unterrichtete an der Wiener Universität.

Geburtshelfer von "Wien modern"

Knessl war Geburtshelfer und jahrelang Kurator des Festivals "Wien modern", von 1992-2000 war er Präsident der Österreichischen Sektion der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) und von 1993-1996, zusammen mit Christian Scheib, Musikkurator des Bundesministers für Unterricht und Kunst. Zu seinen größten Verdiensten als Musik-Kurator zählt die Mitgründung des "MICA" (Music Information Centrum Austria), dem er von 1994 bis 2001 auch als Präsident vorstand.

Nach wie vor ist Knessl aktiv und umtriebig: etwa als "Zeit-Ton"-Mitarbeiter oder Vorsitzender des Kuratoriums des MICA.

Aus Anlass des 80. Geburtstags von Lothar Knessl veröffentlicht oe1.ORF.at im Folgenden einen Ausschnitt aus einem Aufsatz von Christian Scheib über die Geschichte der Neuen Musik im österreichischen Radio in gekürzter Fassung.

Moderne Stunden im Studio neuer Musik

Die zeitgenössische Musik beginnt ihr Österreich-1-Leben eher unspektakulär. Die zeitgenössische Musik, nicht zu reden von einer Neuen oder experimentellen Musik, musste ihren Platz in diesem Programm erst erobern. In diese Zeit fallen die ersten von Lothar Knessl gestalteten Sendungen: Sonntag, 15. Oktober 1967, 23:10 Uhr: "Warschauer Herbst 1967. Lothar Knessl berichtet über die experimentelle Musik des Warschauer Musikfestes" steht im Programm, und laut Lothar Knessl waren unter den im Programmausdruck verschwiegenen Werkausschnitten dieser Sendung Pendereckis Dies Irae sowie die 2. Symphonie und das Streichquartett von Witold Lutosławski.

Zu den folgenden Sendungen beziehungsweise Sendereihen von Lothar Knessl gehören Anfang des Jahres 1968 Berichte vom "IGNM-Weltfestival zeitgenössischer Musik in Prag" ebenso wie Programme aus Konzerten zum Beispiel im Großen Sendesaal in Wien mit Musik von Friedrich Cerha und Günther Kahowez am 2. April 1968. Die Präsenz der zeitgenössischen Musik hat sich wieder ein wenig konsolidiert, zwei 23.10 Uhr-Termine pro Woche werden die Regel.

Experimentelle Musik

Am 18. Februar 1968 taucht ein neuer Sendungsname auf, der sich im Untertitel von Lothar Knessls erster Sendung über den Warschauer Herbst angekündigt hatte: "Experimentelle Musik". Auch die eben erwähnte Sendung von Lothar Knessl lief unter diesem neuen Namen.

Die am 20. Juli 1968 erschiene Ausgabe der Programmzeitschrift "Radio Österreich" war die erste, deren Titelseite das Logo "ORF" zeigte. Im Programm des Senders "Österreich 1" dieser Woche stand am Montag um 23:10 Uhr wiederum "Zeitgenössische österreichische Musik" von Robert Schollum und Alfred Peschek, interpretiert von Bruno Maderna mit dem "Großen Orchester des Österreichischen Rundfunks", am Mittwoch um 23:10 Uhr "Zeitgenössische Musik" von Karl Amadeus Hartmann "vom WDR, Köln, zur Verfügung gestellt", sowie auch am Dienstag um 23:20 Uhr ein vierzigminütiger Bericht von der "Österreichischen Jugenkulturwoche Innsbruck", gestaltet von Lothar Knessl, der diese damals progressiv die Künste einander gegenüberstellende Veranstaltung präsentierte.

Varèse und Nono

In der darauffolgenden Woche taucht wieder der zu Beginn des Jahres eingeführte Sendungstitel auf: "Experimentelle Musik" heißt der nun mehr oder wenig durchgängig von Lothar Knessl betreute Sendetermin; am Dienstag, dem 30. Juli 1968, ist beispielsweise Musik von Edgar Varèse, Aldo Clementi, Roman Haubenstock-Ramati und Luigi Nono zu hören. Auch wenn "experimentell" gar nicht als Versuch einer Gattungsbezeichnung eingeführt worden sein mag, vermittelt die neue Bezeichnung doch wiederum Kämpferisches, besser gesagt das (zurückgekehrte) Wissen um ein zu erforschendes und vor allem zu vermittelndes neues Terrain.

Oftmals sind die Sendungen in thematische Abfolgen über einige Wochen hin gegliedert, sei es als Präsentation von Festivalprogrammen wie bei Luigi Dallapiccolas "Ulysses"-Uraufführung bei den Berliner Festwochen 1968.

Österreichische Komponisten

Lothar Knessl widmet sich - vorläufig noch unter dem Titel "Experimentelle Musik" - der Präsentation österreichischer Komponisten mit Musik von Kurt Schwertsik, Otto M. Zykan, György Ligeti und Friedrich Cerha. Mit Beginn des Jahres 1969 kehrt die Bezeichnung "Studio neuer Musik" zurück, und Lothar Knessl beginnt das Jahr mit einer Serie über elektronische Musik.

Im Laufe der 1970er Jahre pendelte sich das Ausmaß der Sendungen mit neuer Musik auf eine unregelmäßige dienstägliche "Zeitgenössische Musik" um circa 21:30 Uhr und ein donnerstägliches, meist von Lothar Knessl gestaltetes "Studio neuer Musik" um 22:10 Uhr ein.

Der "Zeit-Ton"

Im Juni 1993 wird die 23.00 Uhr-Sendeleiste zu einer allwochentäglichen Reihe für die unterschiedlichsten Formen zeitgenössischen und aktuellen Komponierens und Musizierens. Der journalistische Versuch, den Ton der Zeit zu treffen und zu kommunizieren, ist seither im neuen Titel "Zeit-Ton" komprimiert.

Manches dieser Vorgeschichte aus den ersten Jahrzehnten ist aus dem Bewusstsein heutiger Hörer verschwunden, nicht aber die Geschichte seit den späten 1960er Jahren. Denn Lothar Knessl, der mit seiner charakteristischen Formulierungskunst und - es ist von Radio die Rede - mit seiner unverkennbaren Stimme seit damals mittlerweile mehrere Generationen von Radiohörern mit Aspekten der zeitgenössischen Musik vertraut gemacht hat, ist nach wie vor dabei.

Mehr zu Lothar Knessl in oe1.ORF.at

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mica - mica-Mitbegründer Lothar Knessl feiert am 15. April seinen 80. Geburtstag